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Folter und tote Zivilisten lassen US-Bürger kalt

WikiLeaks-Enthüllungen zum Irak-Krieg: Kaum Interesse in den USA an Aufarbeitung der Vorwürfe - 25.10. 16:55 Uhr

Washington  - Die Enthüllungen von Dokumenten zum Irak-Krieg durch das Internetportal Wikileaks haben die USA in Erklärungsnot gebracht. Im Golfkooperationsrat forderten auch mit den USA verbündete arabische Staaten die Regierung in Washington auf, eine Untersuchung zu möglichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzuleiten. Doch in den USA selbst herrscht allenthalben Desinteresse an den neuen Enthüllungen.


Ein Bild aus dem Jahr 2003: US-Soldaten bewachen einen verhafteten Iraker in Tikrit (Irak). Die Internetplattform WikiLeaks veröffentlichte rund 400 000 geheime Dokumente der USA zum
Irak-Krieg.
Ein Bild aus dem Jahr 2003: US-Soldaten bewachen einen verhafteten Iraker in Tikrit (Irak). Die Internetplattform WikiLeaks veröffentlichte rund 400 000 geheime Dokumente der USA zum Irak-Krieg.
Foto: dpa
Ein Bild aus dem Jahr 2003: US-Soldaten bewachen einen verhafteten Iraker in Tikrit (Irak). Die Internetplattform WikiLeaks veröffentlichte rund 400 000 geheime Dokumente der USA zum
Irak-Krieg.
Ein Bild aus dem Jahr 2003: US-Soldaten bewachen einen verhafteten Iraker in Tikrit (Irak). Die Internetplattform WikiLeaks veröffentlichte rund 400 000 geheime Dokumente der USA zum Irak-Krieg.
Foto: dpa

Von Napalm versengte schreiende Kinder, das Massaker von My Lai, die tragischen Folgen des Entlaubungsgifts "Agent Orange". Die schmutzige Seite des Vietnam-Kriegs hat die amerikanische Nation auch nach dem Ende des umstrittenen Militärengagements noch lange und intensiv beschäftigt. Doch gilt dies auch für die Gräueltaten und brutalen Auswüchse des Einsatzes im Irak, nun erstmals in vollem Umfang und ungefiltert ins Rampenlicht gerückt durch die ungenehmigte Veröffentlichung von 391 832 geheimen Akten der US-Armee im Internetportal WikiLeaks?

Gestern verlangten die Golfstaaten - darunter Saudi-Arabien und Kuwait - eine Untersuchung möglicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Irak-Krieges. Und auch in Grossbritannien gibt es starke Bestrebungen, die Hinweise unter die Lupe zu nehmen, dass unter den Augen alliierter Truppen irakische Militärs und Polizisten offenbar willkürlich grausame Foltermethoden angewendet haben, die teilweise sogar mit dem Tod der Betroffenen endeten. Auch China legte den Finger in diese Wunde und ließ die staatlich gesteuerten Medien verkünden: Die Glaubwürdigkeit der US-Regierung als Verteidigerin der Menschenrechte sei befleckt.

Obama auf dem Golfplatz

Doch das Weiße Haus scheinen die Einzelheiten der WikiLeaks-Papiere zunächst weiter kalt zu lassen. Der desinteressiert wirkende Präsident Barack Obama verbrachte den Sonntag erneut auf dem Golfplatz, und der intern orchestrierte Aufschrei der Empörung zielte nur in eine Richtung - auf WikiLeaks Gründer Julian Assange, dem Hinweisen aus dem Geheimdienst CIA zufolge im Falle einer Festnahme in den USA der Prozess gemacht werden könnte.


Führende Militärs hatten ihn bereits als rücksichtslosen Aktivisten gebrandmarkt, der mit dem Leben von US-Soldaten spiele. Und die liberale und kriegskritische "New York Times", die vorab Einblick in die Daten-Flut hatte, überraschte ihre Leser am Wochenende mit einem Beitrag, der an Assange kaum ein gutes Haar ließ und diesen als paranoiden Einzelgänger mit einem "diktatorischen und exzentrischen Arbeitsstil" abstempelte.

Die sich weltweit aufdrängende Frage einer gründlichen Aufarbeitung der Feldberichte wird dagegen in den USA so gut wie nicht gestellt. Sowohl die "New York Times" wie auch andere führende Tageszeitungen wie das "Wall Street Journal" gingen auf den Titelseiten mit keinem einzigen Wort auf die WikiLeaks-Enthüllungen ein, auch CNN behandelte das Thema in den Morgensendungen nicht mehr. Die Kriegs-Bewältigung scheint abgehakt, zumal die "Washington Post" bereits am Samstag konstatiert hatte: "Es gibt in den Akten anscheinend keine größeren Enthüllungen".

Näherliegende Sorgen

Das wiederum läßt den Schluss zu, dass auch die nun ausgeleuchteten Exzesse - von der hohen Zahl getöteter Zivilisten bis zu den Verstümmelungen von Gefangenen - offenbar Medieninsidern wie den verantwortlichen Politikern intern bekannt waren. Und auch in der Bevölkerung beschäftigt man sich längst mit naheliegenderen Sorgen: Der als hoch empfundenen Arbeitslosenquote von fast zehn Prozent, die einfach nicht sinken will. Der Zwangsversteigerungs-Welle im Immobilienmarkt. Und mit der Frage: Wie verändert sich das politische Machtgefüge auf dem Kapitol nach den Kongress-Zwischenwahlen am 2. November?

Auch die von US-Militärs erhobene Behauptung, WikiLeaks gefährde die nationale Sicherheit und den Einsatz der Truppen, spiegelt sich kaum in den Medien und der öffentlichen Debatte wider. WikiLeaks hatte bei den Irak-Protokollen wesentliche Daten entfernt, die konkrete Rückschlüsse auf Personen zulassen könnten. Angesichts der sonderbaren Lethargie in den USA erscheint es unwahrscheinlich, dass die WikiLeaks-Protokolle Einfluss auf das Wahlverhalten der US-Bürger haben werden.

Ein Billion Dollar

Hinzu kommt, dass sich die breite Öffentlichkeit nur ungern an einen Krieg erinnern lassen will, der von George W. Bush mit der Suche nach Massen-Vernichtungswaffen begründet wurde und ohne das erwünschte Ergebnis, aber dafür mit mehr als 4400 getöteten US-Soldaten und Kosten von über einer Billion US-Dollar enden wird.

Der Preis, den die USA zu zahlen haben, könnte aber noch höher liegen, wenn sich der Abzugsplan von Barack Obama nicht einhalten lässt. Bis Ende 2011 will der US-Präsident alle amerikanischen Truppen Land abziehen und die Sicherheit in die Hände jener irakischen Sicherheitskräfte legen, die in den WikiLeaks-Dokumenten als chaotisch, rücksichtslos, korrupt und unberechenbar dargestellt werden. Kann Obama sein Versprechen halten, das natürlich eng im Zusammenhang mit dem Präsidentschafts-Wahljahr 2012 und der Kriegsmüdigkeit in den USA steht? Zumindest diese Frage wird, wenn schon Folter und die hohe Zahl der zivilen Toten das Land weitgehend kalt lassen, in einigen Medien jetzt thematisiert. 





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