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Memorium erinnert an Nürnberger Prozesse

Kein Ort der Rache - Ausstellung auf 750 Quadratmetern im historischen Raum - 19.11. 06:47 Uhr

NÜRNBERG  - Am 20. November 1945 begann in Nürnberg der Hauptkriegsverbrecherprozess gegen führende NS-Größen. An diesem Sonntag, 65 Jahre danach, wird am historischen Ort das Memorium Nürnberger Prozesse eröffnet.


Hermann Göring (obere Reihe, links) und einige der anderen in Nürnberg anwesenden 21 Angeklagten des Hauptkriegsverbrecherprozesses. Mit einer Sonnenbrille schützte sich Göring gegen das gleißende Licht der 22 Deckenstrahler, die den Saal für die Filmaufnahme des Prozesses ausleuchteten.
Hermann Göring (obere Reihe, links) und einige der anderen in Nürnberg anwesenden 21 Angeklagten des Hauptkriegsverbrecherprozesses. Mit einer Sonnenbrille schützte sich Göring gegen das gleißende Licht der 22 Deckenstrahler, die den Saal für die Filmaufnahme des Prozesses ausleuchteten.
Foto: Ray D’Addario
Hermann Göring (obere Reihe, links) und einige der anderen in Nürnberg anwesenden 21 Angeklagten des Hauptkriegsverbrecherprozesses. Mit einer Sonnenbrille schützte sich Göring gegen das gleißende Licht der 22 Deckenstrahler, die den Saal für die Filmaufnahme des Prozesses ausleuchteten.
Hermann Göring (obere Reihe, links) und einige der anderen in Nürnberg anwesenden 21 Angeklagten des Hauptkriegsverbrecherprozesses. Mit einer Sonnenbrille schützte sich Göring gegen das gleißende Licht der 22 Deckenstrahler, die den Saal für die Filmaufnahme des Prozesses ausleuchteten.
Foto: Ray D’Addario

Es ist eine der weniger bekannten Fotografien, die in der Zeit des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses im Saal 600 aufgenommen wurden. Keiner der sonst meist abgelichteten 21 Angeklagten ist zu sehen. In der Mitte des Saals vor den dicht gefüllten Zuhörerreihen, dort, wo sonst die Ankläger der vier Siegermächte sitzen, haben brav gescheitelte junge Männer in Jackett und kurzen Hosen Platz genommen. „Die Jugend eines zukünftigen demokratischen Deutschlands“, wie es im Bildtext heißt. Bei einer Diskussion zum Thema „Sind die Nürnberger Prozesse fair?“ sollen die jungen Leute „das amerikanische Ideal der Redefreiheit praktisch erleben.“

Vielleicht wird das Bild ja auf einer der Schautafeln zu sehen sein, die im neuen Memorium Nürnberger Prozesse einen Eindruck vermitteln sollen, was hier vor 65 Jahren geschah. Das Bild hätte es verdient, weil es zeigt, dass es damals nicht nur um die Suche nach persönlicher Schuld an den Verbrechen des NS-Staats ging, sondern auch darum, Deutschland eine Vorstellung davon zu geben, wie es weitergehen könnte nach zwölf Jahren Hitler-Diktatur.

Skepsis der Deutschen

Die Alliierten und allen voran die Amerikaner wussten, dass sie werben mussten für einen demokratischen Neubeginn. Zumal das Militärtribunal, das den angeklagten NS-Größen Verschwörung gegen den Weltfrieden, Planung und Durchführung eines Angriffskriegs, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorwirft, draußen in der deutschen Bevölkerung nicht unumstritten war. Schnell machte dort die Parole von der „Siegerjustiz“ die Runde.

Und wie groß die Angst der Alliierten vor Anschlägen irgendwelcher im Untergrund lebender „Werwolf“-Widerstandsgruppen oder gar vor Aktionen zur Befreiung von Göring, Heß, Speer, Streicher und Konsorten war, zeigten die Sicherheitsvorkehrungen rund um den Prozess. Das gesamte Viertel rund um das Justizgebäude war hermetisch abgeriegelt. Scharfschützen saßen auf den Dächern, und Berichterstatter, Zuhörer, Anwälte oder Dolmetscher mussten auf ihrem täglichen Weg in den Saal 600 zahlreiche strenge Kontrollen über sich ergehen lassen.

Ein Mann befestigt die letzten Schautafeln im Museum "Memorium Nürnberger Porzesse" im Landgericht Nürnberg-Fürth. Am 21. November 2010 wird die Informations- und Erinnerungsstätte offizell eröffnet.
Ein Mann befestigt die letzten Schautafeln im Museum "Memorium Nürnberger Porzesse" im Landgericht Nürnberg-Fürth. Am 21. November 2010 wird die Informations- und Erinnerungsstätte offizell eröffnet.
Foto: NZ Archiv
Ein Mann befestigt die letzten Schautafeln im Museum "Memorium Nürnberger Porzesse" im Landgericht Nürnberg-Fürth. Am 21. November 2010 wird die Informations- und Erinnerungsstätte offizell eröffnet.
Ein Mann befestigt die letzten Schautafeln im Museum "Memorium Nürnberger Porzesse" im Landgericht Nürnberg-Fürth. Am 21. November 2010 wird die Informations- und Erinnerungsstätte offizell eröffnet.
Foto: NZ Archiv

Todesurteile und Freisprüche

Niemand konnte zudem von außen beobachten, wann die Angeklagten vom benachbarten Gefängnis in einem unterirdischen Gang zur Verhandlung geführt wurden. Vor allem diese Vorzüge des Justizkomplexes, der erstaunlicherweise die Bombennächte der letzten Kriegsjahre fast unbeschadet überstanden hatte, machten Nürnberg zum Verhandlungsort des Internationalen Militärgerichtshofs, dessen offizieller Sitz Berlin war, die Hauptstadt des untergegangenen Reiches. Aber natürlich wussten die Sieger auch um die Symbolkraft dieser Ortswahl: In der Stadt der Reichsparteitage und der Verabschiedung der Rassegesetze wurde mit den Nazi-Verbrechen abgerechnet.

Mit zwölf Todesurteilen – eines davon galt dem in Abwesenheit angeklagten NSDAP-Kanzleichef Martin Bormann –, drei lebenslangen und vier befristeten Freiheitsstrafen sowie drei Freisprüchen endete am 1.Oktober der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. In zwölf Nachfolgeprozessen mussten sich bis zum 14. April 1949 insgesamt noch 185 Ärzte, Juristen, SS- und Polizeiangehörige, Wirtschafts- und Militärführer sowie hohe NS-Regierungsvertreter in Nürnberg für ihre Verbrechen verantworten. Doch sie standen schon nicht mehr vor dem Internationalen Gerichtshof. Der ist mit den Urteilen des ersten Prozesses auseinandergebrochen. Die Allianz der Siegermächte existiert nicht mehr. Der Kalte Krieg bricht an.

Neue Konfrontation

In einer Welt, die eben noch die Gefährdung des Friedens als Menschheitsverbrechen gegeißelt hatte, gehören die Drohkulisse zweier Großmachtblöcke und zahlreiche Stellvertreterkriege schnell wieder zum traurigen Alltag. Und lange Zeit muss sich niemand mehr wegen begangener Kriegsverbrechen vor einem internationalen Gericht verantworten.

Auch diese Entwicklung mag erklären, weshalb in Nürnberg rund 60 Jahre vergehen, bis dann, 2005, konkrete Pläne reifen, wie rund um den Saal600, an dem einst Weltgeschichte geschrieben wurde, ein angemessener Erinnerungs- und Lernort entstehen könnte. Vier Jahre gibt es da bereits das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, und es rechtfertigt seine Existenz Jahr für Jahr mit hervorragenden Besucherzahlen. Vor allem der ehemalige Bundesbauminister Oscar Schneider, der dem Kuratorium dieser Einrichtung vorsitzt, treibt die Idee für eine Dauerausstellung im Justizgebäude voran. Und er prägt den Namen „Memorium Nürnberger Prozesse“.

Gemeinsam an einem Strang ziehen

Wie es nur selten der Fall ist, ziehen danach alle an einem Strang. Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly lobt rückblickend vor allem die Kooperationsbereitschaft der Justiz. „Sie waren schließlich die einzigen, die was verloren haben.“ 750 Quadratmeter Platz nämlich. Im Dachgeschoss über dem Saal 600 entstehen auf dieser Fläche die Ausstellungsräume. Die Baukosten von 4,2 Millionen Euro teilen sich Bund und Freistaat, die Stadt übernimmt mit 700.000 Euro den finanziellen Aufwand für die Einrichtung der Ausstellung und die Betriebskosten des Memoriums.

Es ist eine eher unspektakuläre Dokumentation, die Außenminister Guido Westerwelle in Anwesenheit seines russischen Kollegen Sergej Lawrow, zahlreicher anderer internationaler Ehrengäste und über 170 Medienvertretern aus aller Welt an diesem Sonntag eröffnen wird. Sie klärt vor allem auf. Über die Personen der Angeklagten, über die juristischen Grundlagen der Prozesse und den Verlauf, der auf tausenden von Seiten protokollierten und weitgehend auf Filmen festgehaltenen Verhandlungstage. Sie ordnet aber die Nürnberger Prozesse auch ein in ihrer beispielgebenden Bedeutung für die Weiterentwicklung des modernen Völkerstrafrechts bis hin zur Entstehung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag.

Auf Effekthascherei verzichteten die Ausstellungsmacher. Also: Kein Galgenstrick, kein Blechnapf und auch nicht die Messingkapsel, in der Göring das Zyankali aufbewahrt hatte, mit dem er sich der Hinrichtung entzog. Nur jener Teil der Anklagebank, auf der er die 218 Verhandlungstage absitzen musste, wird zu sehen sein. Ein unbequemes Möbelstück. 





Zum Thema
Blick_in_die_Weltgeschichte_4c-pol-memoriumneu.jpg



Kurzbeschreibung:
Als Teil der Städtischen Museen wurde im Raum über dem Gerichtssaal 600 eine Ausstellung gestaltet und am 21.11.2010 eröffnet, die die Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945 - 1948 und die Internationale Strafgerichtsbarkeit gegen Menschenrechtsverbrechen bis heute zum Thema hat. Von der Ausstellung aus kann man in den historischen Saal schauen, der Teil des Weltkulturerbes werden soll.

360-Grad-Bild: Flug durch den Schwurgerichtssaal
(Zum Öffnen auf das Bild klicken)


Justizsaal


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