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Türkei streitet über eine "fromme Jugend"

Gegner Erdogans sehen Beweis für islamistische Geheim-Agenda - 09.02. 10:40 Uhr

Istanbul  - Mit einer Äußerung über das Ziel einer "frommen Jugend" in der Bildungspolitik hat Erdogan für Kritik und Aufregung gesorgt. Gegner des Premiers sagen, nun habe der islamisch-konservative Regierungschef seine Maske fallen lassen und seine wahren Ziele für eine islamisierte Gesellschaft publik gemacht.

Sorgt für Aufregung in säkularen Kreisen: Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.
Sorgt für Aufregung in säkularen Kreisen: Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.
Foto: Evrim Aydin/Anatolian Agency/Archiv
Sorgt für Aufregung in säkularen Kreisen: Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.
Sorgt für Aufregung in säkularen Kreisen: Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.
Foto: Evrim Aydin/Anatolian Agency/Archiv

Eigentlich wollte die türkische Regierung in dieser Woche den Beginn des modernen Zeitalters in der Bildungspolitik feiern. Im Rahmen eines Pilotprojektes ließ Ankara mehr als zehnntausend Tablet-Computer an Schüler in mehreren Landesteilen ausgeben. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ließ sich neben glücklich lächelnden Schülern in einem Klassenzimmer fotografieren. Doch statt Feierstimmung herrschte Zank und Streit im Land.

Bei einer Versammlung seiner Regierungspartei AKP hatte Erdogan die Losung von der "frommen Jugend" ausgegeben. Seine Partei habe nicht vor, eine "atheistische Generation" großzuziehen, sondern halte sich an die konservativen Werte der türkischen Mehrheitsgesellschaft. Die seit fast zehn Jahren regierende AKP vertritt eine zunehmend wohlhabende islamisch-konservative Mittelschicht, die der traditionellen säkulären Elite der Türkei immer mehr den Führungsanspruch im Land streitig macht.


Erdogans Äußerung löste Proteste im säkulären Lager aus. Der Premier wolle alle Türken mit einem "Frömmigkeits-Messgerät" prüfen, schimpfte die säkuläre Oppositionspartei CHP. Zeitungskolumnisten warnten vor islamistischem Druck, der früher oder später in Alkoholverboten und anderen Zwängen enden könnte. Sie stellten die Frage, was der Regierungschef denn tun wolle, wenn jemand seine Kinder nicht religiös erziehen wolle.

Erdogan-Gegner vermuten seit langem, dass der Premier mit seinen politischen Reformen und der Entmachtung der Militärs nicht den Ausbau der Demokratie anstrebt, sondern den Marsch in den Gottesstaat. In der Bildungspolitik werfen Kritiker der Regierung vor, die von den Militärs vor 15 Jahren kaltgestellten religiösen Oberschulen rehabilitieren zu wollen. Erdogan selbst ist Absolvent einer solchen Predigerschule.

Respekt für jeden Lebensstil

Vor diesem Hintergrund erscheint Erdogans Lob für eine "fromme Jugend" einigen nicht-religiösen Kritikern der Regierung als Alarmzeichen. Der Premier goss Öl ins Feuer, indem er seinen Kritikern vorwarf, junge Leute lieber als Drogenabhängige heranwachsen zu lassen, statt ihnen feste Moralvorstellungen mit auf den Weg zu geben.

Erdogan betonte aber auch, er respektiere jeden Lebensstil, lehne eine einseitige Indoktrinierung der Menschen ab und wolle niemandem etwas aufzwingen. Darin unterscheide sich seine Regierung von den Säkularisten, die den Türken lange Jahre sehr wohl ein System aufgezwungen hätten - ein anti-islamisches System, in dem die Frommen ausgegrenzt worden seien. Als Beispiel nannte Erdogan das Kopftuchverbot an den Universitäten, das erst vor anderthalb Jahren abgeschafft wurde.

Der Streit ist mehr als nur eine bildungspolitische Auseinandersetzung. Er zeigt die tiefen Gräben in der türkischen Gesellschaft: Die Säkularisten fürchten sich vor den Religiösen - und die Religiösen bestehen darauf, dass sie nach Jahrzehnten der Ächtung durch die säkuläre Elite nun ein Recht auf ihren eigenen Lebensstil haben. Erdogan brachte dieses Gefühl der Benachteiligung der islamisch-konservativen Türken auf den Punkt: "Jahrzehntelang wurden die Frommen behandelt wie Bürger zweiter Klasse", sagte er. "Kann ein Mensch denn nicht fromm und modern zugleich sein?" 



Susanne Güsten, Istanbul

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