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„Wenn das beste Team gewinnt, wird Deutschland Europameister“

Deutschland erstmals seit seit etwa zwei Jahrzehnte wieder großer Favorit - 07.06.2012 15:15 Uhr

Danzig  - Wen Joachim Löw am Samstag mitspielen lässt, weiß nur der Bundestrainer selbst. Vielleicht. Aber es wäre überhaupt keine Überraschung, sollte kein einziger Dortmunder dabei sein, wenn Deutschland im ukrainischen Lwiw gegen Portugal in die Europameisterschaft startet.

Genau hinsehen: Bundestrainer Joachim Löw (mit Bastian Schweinsteiger) betrachtet die Nationalmannschaft als ganz besonderes Team.
Genau hinsehen: Bundestrainer Joachim Löw (mit Bastian Schweinsteiger) betrachtet die Nationalmannschaft als ganz besonderes Team.
Foto: dpa
Genau hinsehen: Bundestrainer Joachim Löw (mit Bastian Schweinsteiger) betrachtet die Nationalmannschaft als ganz besonderes Team.
Genau hinsehen: Bundestrainer Joachim Löw (mit Bastian Schweinsteiger) betrachtet die Nationalmannschaft als ganz besonderes Team.
Foto: dpa

Borussia Dortmund ist seit zwei Jahren das überragende Team der Bundesliga, die Dortmunder hängten den FC Bayern weit ab und besiegten die Münchner gerade erst im Pokalfinale mit 5:2. Das Gerüst von Löws Nationalmannschaft bilden jetzt aber, das ist sicher, die Spieler aus München.

Entsprechend groß war der Aufschrei im Land. Kein Meisterspieler im Nationalteam. Stattdessen so viele Verlierer. Welch eklatante Ignoranz. Ob der Bundestrainer wisse, was er tut? Unverantwortlich fanden es viele, eine Zumutung.

Das war allerdings 1954, als Hannover 96 im Endspiel um die deutsche Meisterschaft den 1.FC Kaiserslautern mit 5:1 gedemütigt hatte — und Bundestrainer Sepp Herberger bei der Weltmeisterschaft auf die Kaiserslauterer Spieler um Jahrhundertfußballer Fritz Walter setzte. Das Ergebnis kennt bis heute jedes Kind im Land. Deutschland, der krasse Außenseiter, gewann im Finale von Bern gegen den turmhohen Favoriten Ungarn.


Diesmal, in Polen und der Ukraine, ist Löws Deutschland alles andere als ein Außenseiter — Spanien ausgenommen, gibt es keinen vermeintlich sichereren Tip auf einen Europameister. Die deutsche Nationalmannschaft, die noch zu Anfang des neuen Jahrtausends als eine Art hoffnungsloser Fall, als allenfalls in ihrem Aussterben strapazierfähiges Relikt aus einer anderen Epoche galt, ist so modern und populär wie noch nie. Die gesamte internationale Ballgesellschaft singt Loblieder auf dieses Deutschland, auf seinen schönen, schnellen Fußball und seine jungen, begabten Spieler. „So schön wie früher wir“, sagt Hans van Breukelen, ein alter niederländischer Meister, spiele heute der Nachbar; Deutschland, erklärt Spaniens Welttorhüter Iker Casillas, „ist uns in seiner ganzen Entwicklung von allen Teams am nächsten gekommen“. „Wenn die beste Mannschaft gewinnt“, sagt Marcello Lippi, Italiens Weltmeistertrainer von 2006, „wird Deutschland Europameister.“

Umschwung in Rekordzeit


Zuletzt im alten Jahrhundert, Anfang der neunziger Jahre, als Franz Beckenbauers Weltmeisterteam um die Besten aus der gerade verblichenen DDR erweitert wurde, galt Deutschland so viel Bewunderung. In einer Mischung aus Anmaßung und Selbstgefälligkeit indes verspielten einige Protagonisten der Mannschaft Beckenbauers Erbe. „Das schlimmste, traurigste Erlebnis“ seiner Karriere, sagte Jürgen Klinsmann später, sei das gewesen, und als Klinsmann, damals Stürmer, 2004 das Amt des Bundestrainers selbst antrat, brachte er diese Erfahrung ein.

Etwas Besonderes, etwas Außergewöhnliches sollte die Nationalmannschaft wieder sein; Fußball-, aber auch Charakterschule. Weil Löw, zuvor dessen Assistent, viele Vorstellungen Klinsmanns übernahm und die um die Absolventen eines neuen Förderprogramms bereicherte Elf fußballerisch weiterbildete, schaffte Deutschland beinahe in Rekordzeit einen Umkehrschwung, den man 2000 und 2004, als das Team jeweils kläglich in den EM-Vorrunden scheiterte und nicht nur beim Fußball erbärmlich aussah, kaum so erwarten durfte. Noch im Jahr 2000 erklärte der damalige Bundesinnenminister Otto Schily nach dem frühen EM-Aus in Rotterdam, er schäme sich ein wenig für diese deutsche Nationalmannschaft, heute sucht die Kanzlerin regelmäßig die Nähe zu Löws Fußballern.

„Die talentierteste meiner Amtszeit“ nennt Löw die aktuelle Mannschaft, diejenige, die seine Vorstellungen am besten umsetzt. Es geht Löw nicht darum, mit Puzzleteilen aus dem Ligabetrieb zu basteln, es geht nicht um Dortmund oder Bayern. Die Nationalmannschaft entwickelte mit Klinsmann, seit 2006 mit Löw, einen eigenen Stil, der zunächst auf einer kompakten kollektiven Defensivarbeit und schnellem Konterspiel in die nach Ballbesitz freien Räume basierte. So gelang es bei der WM 2010, Argentinien, das sich fußballerisch überlegen fühlte, mit 4:0 vom Platz zu fegen.

Mit dem Reifeprozess der jungen Hochbegabten entwickelte sich dieser Außenseiterstil weiter; den Gegner früher, weiter vorne auf dem Platz unter Druck zu setzen, das schwebte Löw vor — schon deshalb, weil sich Deutschlands Gegner auf einmal selbst am Außenseiterstil versuchten. Im Herbst letzten Jahres, beim 3:0 über die Niederlande, gelang es glänzend, so fußballerisch überlegen war Deutschland dem jahrzehntelang für seine Eleganz heimlich bewunderten Nachbarn noch nie.

Aber es gewinnt nicht immer die beste Mannschaft. Das hat das Gerüst der deutschen Elf, der FC Bayern, im Finale der Champions League gerade erst erlebt. Das, hat Löw gerade gesagt, gehöre zum Fußball — und daran erinnert, dass das bewunderte Spanien fast fünfzig Jahre auf seine ganz großen Siege warten musste. 

VON HANS BÖLLER


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