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Die beiden Rentner, zwei der treuesten Trainingskiebitze bei der Spielvereinigung, werfen den vielen mit allerhand technischem Gerät ausgestatteten Fremden einen spöttischen Blick zu. Normalerweise sind die ergrauten Experten bei der Beaufsichtigung der örtlichen Berufsfußballer fast unter sich. „Wos is’n los?“, frotzelt einer der beiden im Vorbeigehen, „der Glubb spilldd woll heid ned.“
Ein Spruch aus den Untiefen der Fürther Seele. Schon eine gefühlte Ewigkeit lang schaut man beim Kleeblatt mehr oder weniger neidisch auf das vergleichsweise riesige Interesse am 1.FC Nürnberg, dem Erzrivalen. Jetzt endlich bietet sich den Fürthern die Chance, zumindest etwas aufzuholen.
Selten war das Medienaufgebot im Ronhof so groß wie gestern Morgen. Sage und schreibe über drei Stunden harrten Zeitungs-, Radio- und Fernsehjournalisten auf dem Gelände der Spielvereinigung aus, um nach der Pokal-Sensation von Hoffenheim die Stimmung der Fürther Zweitliga-Fußballer abzugreifen. Diese dehnten und kräftigten derweil im Gymnastikraum unter der Haupttribüne ihre Muskeln und Sehnen und ließen sich hinterher noch von Physiotherapeuten durchkneten.
Als er dann frisch geduscht zum Interview erschienen war, sprach aus Publikumsliebling Stephan Schröck (25) programmgemäß das taufrische Selbstbewusstsein der Fürther. „Wir haben gezeigt, dass wir nicht die kleine graue Maus sind, die beim großen Nachbarn vor der Tür steht.“
4000, vielleicht auch 5000 Kleeblatt-Fans, für Fürther Verhältnisse eine außergewöhnlich hohe Zahl, erlebten am Mittwochabend live mit, wie ihrem Lieblingsverein ein weiterer Schritt aus dem großen Schatten des FCN gelang. „Man spürt in der ganzen Stadt, dass sich da etwas bewegt“, frohlockt Trainer Mike Büskens.
Erwartungsgemäß sieht das Thomas Jung, Oberbürgermeister der Stadt, ganz genau so: „Das ist allerbeste PR für Fürth. Eine irre Geschichte.“ Jung wird heute Abend beim berühmten Frankenfasching in Veitshöchheim zu Gast sein — selbstredend im Trikot der Spielvereinigung.
Dennoch: Im Gegensatz zu der Feier nach dem Sieg im Frankenderby hatten die Spieler diesmal nicht in der Fürther Innenstadt die Nacht zum Tag gemacht. „Ein, zwei Bier“ hatte sich Schröck für die Heimfahrt im Bus vorgenommen. Mehr nicht. „Die Stimmung war insgesamt nicht so wie nach dem Nürnberg-Spiel“, bestätigte Mittelfeldspieler Robert Zillner.
Auch in den Kneipen in der Gustavstraße fiel der Jubel angeblich weniger euphorisch aus als nach dem 1:0 im Frankenstadion, das die Mannschaft von Mike Büskens erst nach Hoffenheim gebracht hatte. Das lag wahrscheinlich am Gegner – und am Termin. Schon am Sonntag lauert die nächste große Herausforderung, das Zweitliga-Spitzenspiel gegen den SC Paderborn im Ronhof. Die Zahl der Zuschauer, die zu dieser Partie kommen werden, darf getrost als Gradmesser für die Euphorie in der Kleeblatt-Stadt genommen werden. Wenn der Ronhof jetzt nicht ausverkauft ist, wann dann? Das hauptsächliche Saisonziel bleibt ja der Aufstieg.
Gefangen in dieser merkwürdigen Zwischenphase zwischen Glückseligkeit und Wachsamkeit tat sich Vereinspräsident Helmut Hack spontan schwer, dem Einzug ins Halbfinale den gebührenden Platz in der Kleeblatt-Historie zuzuweisen. „Das ist unser größter sportlicher Erfolg seit zehn, 20, 30 oder 40 Jahren“, sagte Hack.
Um genau zu sein: 1951 erreichte die alte Spielvereinigung letztmals die Endrunde einer deutschen Meisterschaft, 1997 gelang nach der Fusion mit dem TSV Vestenbergsgreuth auf Anhieb der Aufstieg in die Zweite Liga. Und: 2000 wurden die Fürther nachträglich zum Deutschen Meister in der Halle erklärt, weil der Gladbacher Guido Lanzaat Joints geraucht hatte und deswegen laut DFB gedopt war. Ein Titel ohne Wert, verglichen mit den rosigen Aussichten für 2012. Finanziell stößt die Spielvereinigung in neue Dimensionen vor. Insgesamt etwa vier Millionen Euro hat der Pokal-Wettbewerb bisher in die Vereinskasse gespült. Das entspricht knapp zwei Dritteln des Jahresetats.
Und schon kommt der nächste Fleischtopf in Sicht. Dem Zweitligisten würde nach aktuellem Erstliga-Tabellenstand der Einzug ins Endspiel für einen Start in der Europa League reichen. Denn die möglichen Finalgegner Borussia Dortmund (1.), Bayern München (2.) und Borussia Mönchengladbach (4.) verdienten sich bereits mit diesen Bundesliga-Platzierungen das internationale Geschäft.
Wie Tausende Fürther wird Präsident Hack am Samstagabend gebannt vor dem Fernsehgerät sitzen, wenn im „Aktuellen Sportstudio“ (ab 23 Uhr) die Halbfinal-Spiele ausgelost werden. „Ab jetzt ist es penne, gegen wen wir spielen“, so Stephan Schröck. Weniger penne, also egal, ist es dagegen, wo die Partie stattfindet. Hack wünscht sich dringend ein Heimspiel, „weil dann die sportlichen Chancen nicht ganz so klein sind“. Am besten gegen Mönchengladbach, den mutmaßlich schlagbarsten Gegner im Lostopf.
Sollte die Spielvereinigung tatsächlich Heimrecht genießen, werden sich die Verantwortlichen des Vereins am Sonntag beraten, ob sie dieses im Ronhof oder im Frankenstadion wahrnehmen. „Rein gefühlsmäßig“, sagt Hack, „gibt es die klare Tendenz, dass wir nicht umziehen werden.“ Auf die Kiebitze im Ronhof könnten also noch weitere unruhige Zeiten zukommen.
Mi. 23.05.12
Di. 22.05.12
Di. 22.05.12
Di. 22.05.12
Mo. 21.05.12