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Zwischen Dichtung und Wahrheit

Christine Lagarde und Günter Grass bewerten die Griechenland-Krise völlig konträr - 29.05.2012

Literaturnobelpreisträger Günter Grass.

Literaturnobelpreisträger Günter Grass. © dpa


Lagarde (56) und Grass (84) haben beide das klassische Medium Zeitung, aber eine völlig unterschiedliche Form für ihre Meinungsbeiträge gewählt. Während die französische Währungshüterin in einem Interview mit dem britischen The Guardian die schlechte Steuermoral der Griechen kritisierte, geißelte der deutsche Schriftsteller „Europas Schande“ in einem Gedicht in der Süddeutschen Zeitung. Also gesprochene Sprache einerseits, gebundene Verse andererseits.

Doch beide blenden Entscheidendes aus: Während Lagardes Kritik Mitgefühl mit den gebeutelten Griechen vermissen lassen, verschweigt Grass in seinem Klagegesang, dass die Griechen auch selbst zu ihrer gegenwärtigen Misere beigetragen haben.

Entsprechend unterschiedlich fielen die Reaktionen aus: Der griechische Sozialisten-Chef Evangelos Venizelos wetterte im Fernsehen, Lagarde habe „die Griechen beleidigt“. Und Alexis Tsipras, Chef des Bündnisses der radikalen Linken, sagte, die gewöhnlichen Bürger zahlten sehr wohl ihre Steuern, nicht aber die Reichen, das sei der eigentliche Skandal. Auch im Internet-Netzwerk Facebook löste das Interview Proteste aus.

Vergleichsweise verhalten fiel dagegen das Echo auf das jüngste Grass-Gedicht aus. Kurz vor Ostern hatte der 84-Jährige mit seinem Israel-kritischen Poem „Was gesagt werden muss“ helle Empörung ausgelöst. Als literarischer Poltergeist meldete er sich kurz vor Pfingsten wieder zu Wort, und mancher Leser fragt sich schon, was er wohl kurz vor Weihnachten vom Stapel lassen wird.

Liebesgedicht für Hellas

Natürlich hat ein Schriftsteller das Recht, sich politisch einzumischen. Grass hat das Zeit seines Lebens so gehalten. Und natürlich ist auch das politische Gedicht eine seit alters bekannte literarische Form, um Missstände und Machtstrukturen aufzudecken. Allerdings liegt Grass in der Sache auch diesmal leicht daneben. Eigentlich schrieb er ein Liebesgedicht für die geistige und kulturelle Wiege Europas: „Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht,/bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh.“ Doch das antike Hellas und seine Werte stehen ja gar nicht zur Diskussion, sondern die gegenwärtige griechische Tragödie.

Grass beschreibt ein „Rechtloses Land, dem der Rechthaber Macht / den Gürtel enger und enger schnallt.“ Viele Griechen werden da zustimmen. In dem Gedicht findet sich aber kein Wort zu den hausgemachten Problemen, die das Land in die Pleite führten. Kein Wort davon, dass man sich nur auf die Landwirtschaft und den Tourismus verließ.

Zweifellos schafft es Grass immer noch, sich Gehör zu verschaffen und sich in politische Debatten einzumischen. Ob er sich mit seinen jüngsten Gedichten damit einen Gefallen tut, ist die Frage. Nicht zufällig fand die (falsche) These, bei dem Griechenland-Gedicht handle es sich um einen vom Satire-Magazin Titanic lancierten Text, im Internet große Resonanz.

Auch hämische Reaktionen gab es zuhauf: „Am meisten Schiss bei einem EM-Aus der deutschen Mannschaft habe ich vor dem anschließenden Gedicht von Grass“, höhnte beispielsweise ein Twitter-Nutzer. Eine andere Stimme: „Morgen exklusiv in der SZ: Günter Grass’ neues Gedicht ,Eurovisions Schande’.“

Scheint ganz so, als sei Grass dabei, seine Rolle als moralischer Anwalt zu verspielen. Vermutlich hat Gunther Krichbaum recht. Der Vorsitzende des Europa-Ausschusses im Bundestag, sagte: „Insgesamt sollte man Günter Grass nicht mehr ganz so ernst nehmen.“

Der Schriftsteller verwechselt Dreinreden mit Querdenken und beweist letztlich nur die durchschlagende Wirkungslosigkeit der Dichtung. Ganz gegen seine Absicht. 

VON STEFFEN RADLMAIER

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