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„Eins, zwei, drei“ schreit Student Alex seiner Bootsmannschaft zu, Ruder ausfahren, durchs Wasser ziehen, wenden, aufriemen und anlegen — immer im gleichen Rhythmus, bis sich die Galeere langsam durch das Wasser bewegt. Dem Vordermann rinnt der Schweiß den Rücken herunter, an den Händen schmerzen erste Schwielen, die Kraft lässt langsam nach. Studieren ist anstrengend.
30 angehende Geisteswissenschaftler trainieren derzeit täglich ihre Muskelkraft am Großen Brombachsee — und das ganz im Dienste der Wissenschaft. Statt trockener Geschichtsvorlesungen gibt es hier am Ufer bei Pleinfeld etwas zu erleben: Die Regensburger Studenten, die hauptsächlich die Fächer Geschichte und Politik belegen, haben am Wassersportzentrum der Uni Erlangen ihr Römerlager aufgeschlagen. Falls die Truppe nicht gerade in See sticht, gibt sie in dem Schaulager Besuchern Einblick in das Leben der Menschen am spätantiken Flusslimes.
In historische Gewänder gekleidet, schmieden die jungen Frauen und Männer Werkzeuge und Fibeln, nähen lederne Gürteltaschen oder liefern sich einen Kampf mit Schild und Schwert. Nachts legen sich die Legionäre unter ihnen in einfache Zelte auf Stroh und Schaffelle schlafen. „Das ist megabequem und weicher als auf einer Isomatte“, sagt Lehramtsstudentin Corinna Kerstholt (23), während sie sich an einer Ledertasche versucht. In die Taschen, sagt sie, steckten die Römer früher ihre Drei-Tagesration und Glücksspiele. „Wir haben da heute Handy und Geldbeutel drin.“
In dem römischen Lager ist die Neuzeit eingezogen: Die Römerinnen tragen Badelatschen, der Bootsbauer telefoniert, der Koch, der bei anderen Exkursionen Getreidebrei und Hülsenfrüchte anrichtete, will heute grillen.
Was wie ein riesiger studentischer Spaß wirkt, ist gleichzeitig ein wissenschaftliches Experiment. Noch bis Sonntag rücken die Studenten jeden Tag mit ihrem nachgebauten römischen Flusskriegsschiff zu Messfahrten aus. Vor allem wollen sie das Segel an dem sechs Tonnen schweren Galeeren-Nachbau prüfen. Auf maximal elf Stundenkilometer haben sie es bislang auf ihren Fahrten mit Muskelkraft und Schweiß gebracht.
Außerdem soll untersucht werden, wie sich das Patrouillenschiff verhält, wenn man damit Einbäume — ausgehöhlte Stämme, die den Germanen als Boote dienten — rammt. Am Nachmittag nehmen sie bei Vergnügungsfahrten nur sehr vereinzelt Besucher mit an Bord.
Solche Kriegsschiffe wurden vor über 1600 Jahren vor allem auf Rhein und Donau zur Grenzkontrolle, Personen- und Güterförderung eingesetzt. Die originalgetreue Rekonstruktion der Flussgaleere vom Typ „Navis Lusoria“ (tänzelndes Schiff) hatten Studenten im Jahr 2004 in Regensburg zusammen mit Bootsfachleuten gefertigt. Jedes Wintersemester stehen seither Reparaturarbeiten auf dem Lehrplan, im Sommersemester lernen die Studenten auf der Naab die richtige Rudertechnik — das alles gegen Seminar- und Übungsscheine.
Das Praxisprojekt vom Lehrstuhl für Alte Geschichte, zu 75 Prozent über Sponsorengelder gestemmt, hat inzwischen viele Fans. „Wer kann schon behaupten mit einem antiken Römerschiff unterwegs gewesen zu sein“, schwärmt Josef Geisberger (29), Student der Alten Geschichte. Für sein Studium auf dem Wasser tut er fast alles: Im Jahr 2006 ruderte er mit 45 Kommilitonen drei Wochen lang von Regensburg nach Budapest. Auf dem Forschungstrip gab es wie bei den alten Römern nur Getreidebrei und Eintopf zu essen. „Zum Schluss hing’s mir zum Hals raus“, sagt er.
2008 war es noch anstrengender: Zu Fuß ging’s ins „Römerland Carnuntum“ in der Nähe Wiens, um die Auswirkungen des Marsches auf Physis und Psyche zu testen. Dagegen sei das bisschen Rudern jetzt echte Erholung.
Mi. 02.05.12
Fr. 27.04.12
Do. 26.04.12
Di. 17.04.12
Fr. 13.04.12