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Um den Wohnzimmertisch sitzen 15 Frauen, knabbern, quatschen und kichern. Seit ein paar Jahren lädt Sandra Wüstner aus Herzogenaurach Freunde und Bekannte zum „literarischen Wohnzimmer“ ein. Es ist ein fester Zirkel, der regelmäßig zu ihr nach Hause kommt, um mehr über die aktuellen Bücher auf dem Markt zu erfahren. „Hier werden Bücher empfohlen, die würde ich nie kaufen, wenn ich in die Buchhandlung gehe“, verrät eine Besucherin.
Das Prozedere beim literarischen Wohnzimmer ähnelt dem einer Tupper-Party. Das ist kein Zufall. Vor zwölf Jahren, als Brigitte Eder mit dem Bücherverkauf in anderer Leute Wände begonnen hat, dachte sie sich: „Was mit Tupper und Dessous funktioniert, das geht auch mit Literatur.“ Inzwischen sitzt sie fast jeden Abend in einem anderen Wohnzimmer in der Region und verkauft Bücher.
„Wir müssen uns im letzten Sommer begegnet sein... als sie mich einlud und in ihr Leben bat, das anders war als alle anderen...“, liest Eder aus ihrem aktuellen Lieblingsroman vor. Ein paar Frauen seufzen, versuchen den Buchtitel zu erkennen, den Eder mit ihrer Hand verdeckt. „Ich gebe zu: Es ist dick. Aber wunderschön, trauen Sie sich ran! Es wird eine Perle in ihrem Bücherschrank sein“, wirbt Eder. Die Zuhörerinnen hören auf, nach Knabbereien zu tasten, greifen nach den Bestellzetteln in der Mitte des Tisches. Ein Stift noch, und der erste Buchkauf des Abends ist schriftlich fixiert.
Brigitte Eder schnappt sich ein neues Buch. Knapp drei Minuten nimmt sie sich pro Exemplar, liest ein paar Zeilen vor, bespricht den Inhalt, dann das nächste. Insgesamt eine Stunde liest sie vor, danach gibt sie der Kundschaft eine Stunde Zeit, im mitgebrachten Sortiment zu stöbern.
Etliche Wochen vor einem Termin geht die Buchhändlerin Listen mit neuen Büchern durch, wälzt Fachzeitschriften und Vorschauen. Der Gastgeber wird außerdem nach den Vorlieben seiner Gäste gefragt. „Manche wünschen sich einen griechischen Abend mit Literatur vor dem Urlaub, ein anderes Mal habe ich nur Männer oder wie heute eine Frauenrunde — ich stimme meine Bücherauswahl auf mein Publikum ab“, erklärt Eder.
Begonnen hat Eder mit dem Bücher-Tupper-Geschäft, als die Erlanger Buchhandlung, in der sie arbeitete, zumachte. Schon während der Zeit in der Buchhandlung hatte sie ab und zu Bücher in Kindergärten und Schulen vorgestellt. „Ich dachte mir, anstatt wieder im Laden zu arbeiten, weite ich dieses zweite Standbein aus“, erinnert sie sich. „Dass es mich gibt, hat sich schnell herumgesprochen“, sagt Eder. Inzwischen gehören zu ihrem Kundenstamm rund 100 Schulen und Kindergärten sowie 30 Haushalte. Seit sechs Jahren arbeitet Brigitte Eder wieder mit einem Geschäft zusammen: Über die Gostenhofer Buchhandlung in Nürnberg bestellt sie die Bücher.
„Im Schnitt kauft bei einer Veranstaltung jeder Teilnehmer ein Buch, manchmal auch zwei“, sagt Eder. In Herzogenaurach werden es an diesem Abend über 20 Bestellungen — mehr als eine kleine Buchhandlung an einem schlechten Tag erwirtschaftet.

