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Dürer-Bild: Diebstahl oder Notverkauf?

Das weltberühmte Selbstbildnis entzweit auch die Historiker - 10.02. 11:30 Uhr

NÜRNBERG  - Diebstahl oder Notverkauf? Der Streit um die Ausleihe eines Dürer-Porträt nach Nürnberg hat eine alte Historiker-Debatte neu entfacht. Für die einen ist längst ausgemacht: München hat sich das Dürer-Werk ergaunert. Dem widersprechen andere historische Quellen.

Thomas Schauerte, Leiter des Dürer-Hauses in Nürnberg.
Thomas Schauerte, Leiter des Dürer-Hauses in Nürnberg.
Foto: dpa
Thomas Schauerte, Leiter des Dürer-Hauses in Nürnberg.
Thomas Schauerte, Leiter des Dürer-Hauses in Nürnberg.
Foto: dpa

Für Joachim Kalb vom Fränkischen Bund ist der Fall längst entschieden: „Das Dürer-Bild ist gewissermaßen als Hehlerware auf betrügerische Weise an das Haus Wittelsbach gelangt“.

Und auch die Franken-Partei hat an dieser Einschätzung keine Zweifel - und setzt bei der Aufklärung der rund 200 Jahre zurückliegenden angeblichen kriminellen Machenschaften nun auf die Münchner Staatsanwaltschaft. Seit die Alte Pinakothek in der bayerischen Landeshauptstadt sich weigert, das Dürer-Porträt „Selbstbildnis im Pelzrock“ für eine Ausstellung im Sommer nach Nürnberg auszuleihen, schießen Mutmaßungen über den Weg des weltberühmten Dürer-Werks von Nürnberg nach München ins Kraut.



Dass sich Kunsthistoriker in dem Streit bisher vergleichsweise bedeckt hielten, hat vor allem einen Grund: Die Quellenlage in der Frage, wie die Lindenholztafel mit dem Dürer-Porträt in die damalige kurfürstliche Kunstsammlung in München gelangt war, sei vergleichsweise dünn, berichtet der Kunsthistoriker Daniel Hess vom Germanischen Nationalmuseum (GNM) in Nürnberg. Hess leitet dort ein Dürer-Forschungsprojekt und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Werk des Künstlers. Er arbeitet auch an der geplanten Ausstellung „Der frühe Dürer“ (24.5.-2.9.) mit, in der eigentlich das Porträt gezeigt werden sollte. Doch die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen weigern sich, das Bild auszuleihen. Dies führt seit Wochen zu heftigen Diskussionen.

 

Geschichte ist schwer nachvollziehbar

Die Nachverfolgung des Werks seit seiner Entstehung im Jahr 1500 sei schwierig, sagt Hess. Die Geschichte des Selbstbildnisses bis zu seinem Verkauf sei außerordentlich schwer nachzuvollziehen. Jüngere Forschungen hätten allerdings gewisse Zweifel an der Theorie aufkommen lassen, dass die kurfürstliche Kunstsammlung in München das Bild ergaunert hat. Vieles deutet nach Einschätzung von Hess vielmehr auf einen Notverkauf der überschuldeten Stadt Nürnberg im Jahr 1805 hin.

Schriftliche Zeugnisse belegten, dass der Nürnberger „Rechtskonsulent“ (städtischer Rechtsreferent) Georg Gustav Petz 1805 nach München gereist war, um das Dürer-Porträt der Kunstsammlung des Hauses Wittelsbach anzubieten. Für rund 600 Gulden wechselte das Bild seinerzeit den Besitzer.

Dass sich seinerzeit der Kunstmaler Abraham Wolfgang Küfner (1760-1817) in Begleitung von Petz befunden hatte, nährte schon bald Spekulationen über angebliche betrügerische Machenschaften. Denn der gebürtige Betzensteiner galt in Nürnberg als windige Gestalt; schließlich hatte er 1807 für einige Jahre wegen Falschmünzerei auf der Festung Rothenberg in Haft gesessen.

 

Stoff für einen Krimi

Dabei wurden bis heute zwei Betrugs-Versionen überliefert. Die eine behauptet, Küfner habe sich das Original des „Selbstbildnisses im Pelzrock“ für eine Kopie ausgeliehen; statt des Originals habe er später seine Kopie der Stadt Nürnberg zurückgegeben und das Original der kurfürstlichen Kunstsammlung in München verkauft. Geradezu den Stoff für einen Krimi bietet die zweite Betrugs-Version: Danach soll Küfner, um gar nicht erst Zweifel an seiner Kopie aufkommen zu lassen, die Rückwand der von Dürer bemalten originalen Lindenholztafel abgetrennt und darauf seine Kopie gemalt haben. Diese Version hätten, so macht Dürer-Experte Hess deutlich, moderne kunsttechnologische Verfahren widerlegt.

Die erste Version geht im wesentlichen auf das 1827 erschienene Werk des Nürnberger Kunsthistorikers Joseph Heller „Leben und Werk Albrecht Dürers“ zurück. Offen lässt Heller jedoch, auf welche Quellen er sich stützt. Hess bleiben an beiden Betrugs-Versionen Zweifel; er stützt sich dabei auch auf die Einschätzung von Dürer-Expertin Gisela Goldberg und meint: „Wenn Küfner tatsächlich die Stadt Nürnberg genarrt hat, dann stellt sich die Frage, warum der Verkauf ausgerechnet über den Nürnberger Stadtkonsulenten Petz erfolgte.“ Petz sei schließlich ein hochrangiger Stadtbeamter gewesen.

Tatsache sei, dass die Stadt in der Zeit hoch verschuldet war und schon seit Jahren städtisches Inventar zu Geld gemacht habe. Andererseits konnten ihr 600 Euro nicht wirklich aus der finanziellen Not helfen. Und es bleibt die Frage, weshalb Küfner und Petz gegenüber München gemeinsam aufgetreten sind. 



Klaus Tscharnke, dpa

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