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Über 22.000 Stolpersteine hat der Kölner Künstler Gunter Demnig in den letzten beiden Jahrzehnten auf Gehwegen verlegt. Es sind kleine Messingplatten, auf denen die Lebensdaten von Juden stehen, die während des Nationalsozialismus vertrieben oder ermordet wurden. Sie erinnern in ganz Europa an die Opfer vor den Häusern, in denen sie zuletzt gewohnt hatten.
Solche Stolpersteine sollte es auch in Neustadt/Aisch geben; wie zum Beispiel in Nürnberg, Baiersdorf oder im nahen Scheinfeld, so die Idee einer kleinen Arbeitsgruppe. Das Projekt schien auf offene Ohren zu stoßen: Bürgermeister Klaus Meier (SPD) signalisierte Sympathie, die evangelische Kirche fand das Vorhaben gut, und „Lindenstraßen“-Erfinder Hans W. Geißendörfer, in der Kleinstadt Neustadt aufgewachsen, wollte sich an der Finanzierung beteiligen. Trotzdem ist das Vorhaben weit von einer Umsetzung entfernt: der Stadtrat blockiert es. Doch Corinna Gräßel von der Arbeitsgruppe verspricht: „Wir werden eine Möglichkeit finden, an die Opfer zu erinnern.“
Der Nachholbedarf ist groß, denn die Stadt hat eine tiefbraune Vergangenheit: Bereits 1931, weit vor der Machtergreifung, hatte die NSDAP eine Mehrheit im Stadtrat. Ein Jahr später wurde Adolf Hitler Ehrenbürger. Bürgermeister der Stadt blieb Leonhard Bankel, eigentlich ein Nationalliberaler, der sich im Amt halten konnte, weil er mit der NSDAP kollaborierte und 1937 Parteimitglied wurde. Ein Jahr später wies er die letzten Juden aus der Stadt aus, nachdem NSDAP-Mitglieder deren Wohnungen verwüstet hatte. Um 1900 hatte die jüdische Gemeinde noch über 200 Mitglieder gezählt.
1948 wurde Bankel wieder zum Bürgermeister gewählt, drei Jahre später zum Ehrenbürger. Bis heute ist der Platz vor dem Feuerwehrhaus nach ihm benannt.
Sein Nachfolger wurde 1960 der Sozialdemokrat Karl Ströbel, der während des Dritten Reiches zur „unwandelbaren Treue zum Führer Adolf Hitler“ aufgerufen und gegen Juden gehetzt hatte: Die Entnazifizierung war also gründlich gescheitert.
Wolfgang Mück, promovierter Historiker, Lehrer und später Bürgermeister (1990-2002), trägt seit den siebziger Jahren diese Fakten über Neustadts Nazi-Vergangenheit zusammen und veröffentlicht sie, beispielsweise in den Schriften des Geschichte- und Heimatvereins. Es war lange eine „zarte Pflanze“, sagt der 71-Jährige heute; eine breite Öffentlichkeit hat er viele Jahre nicht erreicht. Fazit seiner Recherchen: Gedenken kann schmerzhaft sein, aber es lohnt sich, das Schweigen zu durchbrechen.
Die Arbeitsgruppe Stolpersteine hat es ihren Gegnern unnötig leicht gemacht: Sie verlangte, dass die Gedenkplatten auch gegen den Willen der jetzigen Hauseigentümer verlegt werden sollten.
Viele der gut zwei Dutzend in Frage kommenden Häuser wurden arisiert, befinden sich in zweiter oder dritter Generation in Familienbesitz, andere wurden verkauft. „Diese Besitzer können wirklich nichts dafür“, sagt Bürgermeister Meier. Doch hätte der Rat, in dem weder CSU noch SPD eine Mehrheit haben, auch Einvernehmen mit dem Eigentümer zur Voraussetzung machen können. Das unterblieb.
CSU-Fraktionschef Peter Holzmann fürchtet eine Diskriminierung von Besitzern, die Nein sagen, aber auch negative Reaktionen, wenn die Steine erst vor dem Haus liegen. Die Adressen sind jedoch großteils veröffentlicht. Mit einem Bürgerantrag brachten die Arbeitsgruppe das Thema in den Stadtrat – er wurde abgelehnt. Die Parteien einigten sich immerhin auf ein Mahnmal für alle NS-Opfer vor dem Rathaus am Marktplatz.
Doch dieser scheinbar elegante Ausweg führte sofort zur nächsten Auseinandersetzung: Die SPD wollte die jüdischen Mitbürger ausdrücklich erwähnen, die CSU stimmte dagegen.
„Es gab immens viele Opfer in der NS-Zeit“, begründet CSU-Chef Holzmann. „Wir wollen aller gedenken.“ Damit handelte er sich heftige Kritik von Altbürgermeister Mück ein: Das Unrecht an den Juden müsse angesprochen werden, als „ein Stück nachträgliche Wiedergutmachung“.
Auf große Sympathien bei CSU wie SPD stößt nun die Idee, in der Ehrenhalle des Rathauses, nahe am Mahnmal, ein Buch aufzulegen, in dem die Schicksale der ehemaligen Neustädter jüdischen Glaubens dokumentiert werden. Die Stolpersteine werden in anderer Form wieder auf die Tagesordnung des Stadtrats kommen, kündigt SPD-Fraktionschef Norbert Kirsch an. Die Debatte hat erst begonnen — 66 Jahre nach Ende der NS-Zeit.

