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„Ich habe 70 Stunden lang durchgespielt“

Poker, Pferderennen, Kasino-Besuche: Allgäuer Klinik hilft Glücksspiel-Süchtigen - 07.02.12

SULZBERG  - Glücksspiel kann süchtig machen: Diese Warnung erreicht viele Menschen nicht. Rund 200000 Menschen in Deutschland leiden unter Glücksspielsucht. In einer Klinik im Allgäu finden sie Hilfe.

Dorothee Lehner-Wagner, stellvertretende Leiterin der Klinik Römerhaus, behandelt Spielsüchtige. Oft sind  sie schon ganz unten angelangt.
Dorothee Lehner-Wagner, stellvertretende Leiterin der Klinik Römerhaus, behandelt Spielsüchtige. Oft sind sie schon ganz unten angelangt.
Foto: dpa
Dorothee Lehner-Wagner, stellvertretende Leiterin der Klinik Römerhaus, behandelt Spielsüchtige. Oft sind  sie schon ganz unten angelangt.
Dorothee Lehner-Wagner, stellvertretende Leiterin der Klinik Römerhaus, behandelt Spielsüchtige. Oft sind sie schon ganz unten angelangt.
Foto: dpa

Sie verspielen ihr Geld, verlieren oft aber viel mehr. Menschen, die an Glücksspielsucht leiden. Finanziell, materiell, familiär und psychisch führt Glücksspielsucht geradewegs in den Ruin. Hilfe finden sie in Fachkliniken.

Das Römerhaus im Allgäu war bayernweit die erste Klinik mit einem stationären Therapieangebot für krankhafte Spieler. Seit mehr als 50 Jahren ist die Klinik auf die Behandlung suchtkranker Männer spezialisiert. „Der Ort, um mit dem Aufhören anzufangen“, heißt es in einer Broschüre der Einrichtung. Neben Alkoholikern behandelt die Klinik seit zweieinhalb Jahren auch Spielsüchtige. Knapp 200 Spieler hätten bisher das Angebot genutzt, sagt Dorothee Lehner-Wagner, stellvertretende Klinikleiterin.



Betroffen von Spielsucht sind überwiegend Männer. Die Folgen können gravierend sein: hohe Schulden, Beziehung kaputt, Arbeitsstelle verloren, Haus und Hof gepfändet. Oft käme die Einweisung erst auf Druck der Familie oder durch eine Therapieauflage zustande, sagt Lehner-Wagner. „Es ist ein langwieriger Prozess, bis ein Süchtiger bereit ist, sich helfen zu lassen.“

„Das war meine letzte Chance“

Die Patienten im Römerhaus sind zwischen 18 und 75 Jahre alt und kommen überwiegend aus Bayern. Die meisten von ihnen sind Automatenspieler, die ihr Geld in Spielhallen tragen. Andere besuchen Kasinos oder Wettbüros, wieder andere sind Online-Spielen wie Poker verfallen.

Auch für Volker (Name geändert) drehte sich das Leben jahrelang nur noch ums Spielen. „Ich habe alles gemacht, was mir den Kick gegeben hat. Fußballwetten, Pferderennen, Kasino, Automaten. Manchmal habe ich 70 Stunden lang durchgespielt“, erzählt der 38-Jährige. Als er am Tiefpunkt angelangt war, habe er sich hundeelend gefühlt. „Alles tat weh, ich war unsicher, unzufrieden, müde und lebte nur noch mit Angst.“ Selbst habe er jedoch nicht die Kraft zum Aufhören gehabt. Dass ihm ein Gericht die Auflage erteilt hat, sich professionelle Hilfe zu suchen, darüber ist er heute froh, sagt Volker. „Das hier war meine letzte Chance.“

Neben dem Römerhaus im Allgäu gibt es in Bayern inzwischen zwei weitere Einrichtungen, die Spielsüchtige stationär therapieren. Die Patienten verbringen zwischen sechs und 15Wochen in der Klinik. In Einzel- und Gruppentherapien lernen sie, sich dauerhaft von ihrer Abhängigkeit zu befreien und ihr Leben wieder zu organisieren.

Therapie mit strikten Regeln

Jeder Patient bekommt einen individuellen Stundenplan, an den er sich halten muss. Für alle gleich ist nur der erste Programmpunkt des Tages: Frühsport um 6.30 Uhr. „Für manche ist das schon hart. Aber Sport ist wichtig, damit die Patienten ihren Körper wieder spüren und fit werden“, sagt Lehner-Wagner. Zudem müssten die Männer lernen, früh aufzustehen. Wenn sie aus der Klinik entlassen werden, sollen sie schließlich wieder einer geregelten Arbeit nachgehen.

Da im Römerhaus sowohl Spieler als auch Alkoholiker behandelt werden, legt die Klinik Wert auf eine gegenseitige Verpflichtung. Die besagt, dass Spieler während der Therapie nicht trinken und Alkoholiker nicht spielen dürfen. Auch sonst müssen die Bewohner strikte Regeln beachten. Das gilt vor allem für ihre Freizeit. „Die Männer müssen auch lernen, mit Langeweile umzugehen.“

Damit diese in den Abendstunden erst gar nicht aufkommt, ist in den Patientenhäusern sogar Spielen erlaubt. Schach zum Beispiel. Oder Memory. Aber kein „Mensch ärgere Dich nicht.“ Die Fachfrau erklärt den Grund: „Strategiespiele sind kein Problem. Nur Spiele, die vom Zufall abhängen, sind tabu. Und dazu gehört nun mal jedes Würfelspiel.“




BIRGIT KLIMKE (dpa

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