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Wenn ich einmal aufhöre, sagt der 50-jährige Schnabel, dann „wird es hier in einem sehr ländlichen Teil des Kreises Ansbach keinen Nachfolger mehr geben“. Im benachbarten Großhabersdorf hat ein Kollege zur Übergabe seiner großen Praxis drei Jahre vergebens einen Arzt oder ein Ärztin gesucht, die dort einsteigen wollen.
Der Befund von Michael Schnabel: „Die Politik weiß offenbar nicht, was sie an uns Hausärzten hat. Billiger und für die Patienten besser wird die Versorgung auf keinen Fall, wenn es vorbei ist mit dem flächendeckenden Angebot an uns Hausärzten“. Egal welches System dann komme, ob anonyme medizinische Versorgungszentren oder Ambulanzen an Krankenhäusern.
Schnabel führt mit einem zweiten Allgemeinmediziner eine Gemeinschaftspraxis, zusammen haben sie 2000 Kassenpatienten und relativ wenige privat Versicherte. Schnabel hat in der Nürnberger Arena nicht für den Austritt aus dem Kassensystem votiert. Aber er hält die Konstruktionsfehler im jetzigen System für so groß, dass sie „mir und anderen Kollegen den wunderschönen Beruf des Hausarztes fast kaputtmachen“.
40 Patienten ungefähr behandelt und berät Schnabel Schnabel pro Tag in seiner Praxis, dazu kommen Hausbesuche oder Notfälle. Von den etwa 50 Stunden Arbeitszeit pro Woche gehen mindestens 15 für Dokumentation, Bürokratie, Berichte und andere Schreibarbeit drauf. „Das fehlt uns für die Menschen, denen wir uns eigentlich widmen wollen“.
Zum Beispiel auch wegen Schriftwechseln und Ärger mit Kassen oder der Kassenärztlichen Vereinigung, die gerne mit dem Verdacht auf Verstoß gegen die „Wirtschaftlichkeit“ bei der Hand sind. Bei der Verschreibung von Krankengymnastik etwa lag die Praxis Schnabels und seines Kollegen Wolfgang Schmidt früher immer bei etwa 90 Prozent des Volumens anderer Praxen der gleichen Arztgruppe. Jetzt sind es an die 190 Prozent, „ohne dass wir unser Verhalten geändert hätten“.
Mit anderen Worten: Die Kollegen haben entsprechende Verordnungen stark zurückgefahren, wohl auch, um Ärger mit eventuellen „Regressforderungen“ zu vermeiden. Schnabel erklärt seine Linie so: „Krankengymnastik hilft etwa bei Rückenschmerzen in der Regel viel mehr als die besten Tabletten, trotzdem verordnen viele Ärzte sie viel seltener als eigentlich nötig“. Der Bruckberger Hausarzt will da im Interesse seiner Patienten nicht mitmachen, er riskiert damit eine „Strafzahlung“.
Notfalls kann er dagegen vor das Sozialgericht ziehen, „mit viel Glück bekomme ich dann nach fünf Jahren das Geld wieder“. Aber oft genug findet „ein Jurist in den tausend Paragrafen des Sozialgesetzbuches irgendwo einen Passus, den er gegen uns Ärzte verwenden kann“.
Was nicht nur Schnabel, sondern zahlreiche Kollegen erzürnt und langfristig zermürbt: „Man unterstellt uns, wir behandelten nicht richtig oder nicht wirtschaftlich. Man meint, wir verschreiben so manches aus Liebe zu Pharmafirmen. Und dann ist da noch der Verdacht, wir würden am Ende betrügerisch abrechnen“. Mit den Patienten kommen Schnabel und seine Kollegen bestens klar, „die wissen, was wir für sie tun“. Aber bald stünden „hinter jedem Arzt zwei Kontrolleure“. Schnabel spitzt bewusst zu: „Ein fast kafkaeskes System, das in sich krank ist“.
Was müsste sich ändern? Landarzt Schnabel will Zeit für das Gespräch mit den Leuten, für regelmäßige Hausbesuche bei jenen, die nicht (mehr) in die Praxis kommen können, für die berühmte sprechende Medizin. Und er erwartet dafür eine halbwegs vernünftige Vergütung, zum Beispiel nach Zeitaufwand. „Heute bekommen wir für zwei von drei Hausbesuchen faktisch gar nichts“. Als Konsequenz haben Schnabel und sein Praxiskollege die Hausbesuche auf einen Zwei-Wochen-Rhythmus reduziert, wo sie früher jede Woche vorbeischauten.
Bis zu 50 Prozent aller unspezifizierten Schmerzen, das Gefühl des Patienten, dass es ihm nicht gutgeht — all das hat nach seriösen Studien keine objektivierbaren medizinischen Gründe, sondern eher psychische und soziale Ursachen. „Die Leute sind überlastet, sie müssten privat oder beruflich in ihrem Leben etwas ändern, daher die Symptome“, sagt Schnabel. „Wir kennen die Patienten meistens gut, das Gespräch ist oft hilfreicher als eine Verordnung, aber dafür brauche ich Zeit, auch zum Zuhören. Ich will die Menschen ernstnehmen und eben nicht als Fälle im Fünf-Minuten-Takt sehen“.
In diese Richtung müsste man, so sagen viele Hausärzte, das Vergütungssystem umbauen. Die Hoffnung, dass dies irgendwann gelingt, gibt Schnabel nicht auf. Denn er liebt seinen Beruf, „der so schön sein kann“.
90000 Euro brutto im Jahr bleiben ihm persönlich, inklusive aller Privathonorare, bei einem erheblichen unternehmerischen Risiko. Vor Steuern, versteht sich, vor Sozialbeiträgen, die er alleine zu tragen hat, und vor hohen Aufwendungen für die Altersvorsorge. Keine Spur von jenen 160000 Euro, die als bundesweiter Durchschnitt für die Hausärzte immer herumgeistern.

