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Oben ohne - oder mit? Helmpflicht spaltet Frankens Köpfe

Unfallchirurg fährt nur noch mit Kopfschutz — Verkehrsclub warnt vor trügerischer Sicherheit - 27.10. 14:00 Uhr

NÜRNBERG  - Etwa jeder zweite tödliche Fahrradunfall hat mit schweren Kopfverletzungen zu tun. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) denkt deshalb über eine gesetzliche Helmpflicht nach. Doch seine Initiative stößt auf geteiltes Echo - auch in Franken.

Die Qual der Wahl: Fahrradhelme gibt es in verschiedenen Formen und in allen
Farben. Viele sehen in einer Tragepflicht einen Sicherheitsgewinn.
Die Qual der Wahl: Fahrradhelme gibt es in verschiedenen Formen und in allen Farben. Viele sehen in einer Tragepflicht einen Sicherheitsgewinn.
Foto: dapd
Die Qual der Wahl: Fahrradhelme gibt es in verschiedenen Formen und in allen
Farben. Viele sehen in einer Tragepflicht einen Sicherheitsgewinn.
Die Qual der Wahl: Fahrradhelme gibt es in verschiedenen Formen und in allen Farben. Viele sehen in einer Tragepflicht einen Sicherheitsgewinn.
Foto: dapd

Immer noch sind neun von zehn Radlern oben ohne unterwegs — nicht so der Erlanger Oberbürgermeister. „Ich fahre nur noch mit Helm, selbst zum Brötchenholen“, bekennt Siegfried Balleis. 1992 hat er am eigenen Leib erfahren, wie wichtig der Kopfschutz sein kann: „Bei einem Sturz mit dem Rennrad habe ich beinahe mein Augenlicht verloren.“ Auch aus dem Bekanntenkreis sei immer wieder von schlimmen Fahrradunfällen zu hören.

Trotzdem gehen in Erlangen nicht gerade viele Radler auf Nummer sicher, bedauert OB Balleis: „Leider radeln nur Kinder und Jugendliche konsequent mit Helm.“ Diese Erfahrung deckt sich mit bundesweiten Erkenntnissen. Einer Untersuchung zufolge liegt die Helmtragequote gegenwärtig bei nur neun Prozent.


Das hat den Verkehrsminister auf den Plan gerufen. Sollten nicht deutlich mehr Radfahrer freiwillig zu der Kunststoffschüssel greifen, dann müsse man über eine Helmpflicht nachdenken, mahnte Peter Ramsauer und brachte eine Tragequote von „weit über 50 Prozent in den nächsten Jahren“ als wünschenswert ins Spiel.

Die Mehrheit der Deutschen weiß der Minister mit seinem Vorstoß auf seiner Seite. Laut einer Umfrage des Instituts Emnid unterstützen mehr als zwei Drittel der Bürger die Berliner Überlegungen. In Westdeutschland können sich demnach rund 64 Prozent für ein Helmgebot erwärmen, im Osten sind es sogar 88 Prozent.

Das Ding auf dem Kopf kann einen Stoß abfedern und schwere Verletzungen zumindest abmildern, sagt Dr.Kolja Gelse, Oberarzt der Unfallchirurgie am Universitätsklinikum in Erlangen. Dank des Fahrradhelms hat er selbst schon zwei schwere Stürze mit dem Rennrad einigermaßen glimpflich überstanden. Bei zwei nach Radlerunfällen im vergangenen halben Jahr eingelieferten Patienten ist sich Gelse sicher: „Wenn die keinen Helm aufgehabt hätten, wären die Folgen fatal gewesen.“

Ohne Kopfschutz war die Hälfte der rund ein Dutzend Radfahrer unterwegs, die jährlich in Mittelfranken tödlich verunglückt sind. Deutschlandweit sind nach Daten des Statistischen Bundesamts im vorigen Jahr 381 Radfahrer ums Leben gekommen, im Jahr davor waren es sogar 462.

Dennoch steht der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) einem Helm-Muss skeptisch gegenüber. Schwere Unfälle seien dadurch nicht zu verhindern. Laut DVR bringt eine gesetzliche Verordnung nur dann etwas, wenn diese auch befolgt und die Einhaltung kontrolliert wird.

Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) lehnt eine Helmpflicht rundweg ab. Nach Meinung von Markus Schildhauer, Geschäftsführer des Landesverbands, führt ein von oben verordnetes Muss dazu, dass weniger Menschen das umweltfreundliche Verkehrsmittel nutzen. Zudem entsteht eine trügerische Sicherheit: „Helmträger fahren risikobereiter und Autofahrer überholen Radler mit Kopfschutz mit geringerem Abstand.“ Obwohl durch den Aufprallschutz manches Leid zu verhindern wäre, sei die Gesamtbilanz womöglich negativ.

Nur als Empfehlung

„Empfehlung ja, Pflicht nein“, sagt Schildhauer. Überhaupt sei die Helmdiskussion der falsche Ansatz. Viel wichtiger sei es, die Infrastruktur fürs Fahrradfahren zu verbessern, indem man etwa „die Radwege in den Städten ausbaut und auf allen Nebenstraßen Tempo 30 einführt“. Einen einfachen wie wirkungsvollen Tipp hat auch die Polizei, das Unfallrisiko gerade jetzt in der dämmrigen Jahreszeit zu minimieren. Polizeisprecherin Elke Schönwald: „Wenn es früher dunkel wird, sollten die Radler daran denken, das Licht einzuschalten.“

In Erlangen tagt heute die Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Kommunen. Der bayernweiten Allianz zur Förderung des Radverkehrs vor allem im Nahbereich gehören mittlerweile 40 Städte und Landkreise an. 



VON HORST M. AUER

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