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Der Bedarf an Fachkräften in sozialen Berufen ist in den kommenden Jahren enorm. Das weiß Michael Bammessel nicht erst seit gut einhundert Tagen. So lange ist der frühere Nürnberger Stadtdekan nun Präsident des Diakonischen Werkes Bayern (DW). Gegenwärtig erlebt Bammessel aber eine völlig verkehrte Welt. Er muss Menschen — meist sind es junge Leute — wegschicken, die sich für soziale Arbeit in der Diakonie interessieren.
„Es herrscht Unverständnis allerorten“, sagt der Theologe. Vorerst darf das DW, wie andere Wohlfahrtsverbände auch, keine Verträge mehr für den sogenannten Bundesfreiwilligendienst (BFD) unterschreiben, weil die zuständige Bundesbehörde keine Mittel mehr bewilligt. Nach dem holprigen Start vor mehr als einem halben Jahr, als das neue Projekt den damals abgeschafften Zivildienst ersetzte, gibt es einen regelrechten Ansturm auf diese Stellen.
Seit Beginn im Juli vergangenen Jahres hat die Diakonie 128 Verträge für einen Bundesfreiwilligendienst — im Volksmund „Bufdi“ genannt — abgeschlossen, knapp ein Viertel davon mit Menschen, die älter als 27 Jahre sind. In der Mehrzahl handelte es sich dabei um junge Männer. Sie sind in sozialen Berufen unterrepräsentiert.
Beim DW, das nach eigenen Angaben der größte evangelische BFD-Träger ist, gehen beinahe täglich weitere Anfragen ein. Sie müssen derzeit allesamt abgewiesen werden. Die Bundesregierung hat, so Bammessel, mit rund 35000 Interessenten für diese Form des freiwilligen Einsatzes gerechnet und dafür entsprechende Mittel aus dem Etat des früheren Zivildienstes bereitgestellt. „Sie hat aber keine Vorbereitungen für den Fall getroffen, dass die Nachfrage das Angebot übersteigt“, betonte der DW-Präsident, „dieser Fall ist jetzt urplötzlich eingetreten.“
Das gelte im Übrigen auch für das schon viele Jahre bestehende Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) mit noch einmal rund 35000 Plätzen. Nur der Bundestag kann beschließen, mehr Geld für BFD und FSJ zur Verfügung zu stellen. Gegenwärtig zahlt der Staat pro Platz etwa 550 Euro monatlich an Träger, die Bufdis beschäftigen.
Für Michael Bammessel ist die missliche Lage mit einer doppelten Enttäuschung verbunden: „Wir wollen mehr Freiwillige beschäftigen und können das nicht tun, und wir müssen Interessenten enttäuschen und vertrösten, die mehr von der Diakonie und ihrer Tätigkeit wissen wollen. Das ist für alle Beteiligten sehr bitter. Da werden persönliche Lebensplanungen zerschlagen.“ Das Kind, das der Bund mit dem neuen Freiwilligendienst nach einer schweren Geburt aus der Taufe gehoben habe, dürfe man jetzt nicht verhungern lassen.
Kräftigende Unterstützung bekäme das Projekt nur durch eine bessere finanzielle Ausstattung. Einen ähnlichen Vorstoß wie die Diakonie hatte kürzlich der Deutsche Städtetag unternommen. Um zu verhindern, dass Tausende engagierte Menschen abgewiesen werden, müssten die Fördergelder aufgestockt werden, hieß es.
Eine Deckelung dieses bürgerschaftlichen Engagements dürfe es nicht geben. Auch die Kommunen haben ähnlich wie Diakonie und andere mit dem Bufdi die Chance, den Wegfall des alten Zivildienstes zumindest teilweise auszugleichen.
Für die Wohlfahrtsverbände kommt noch ein weiterer Effekt hinzu. Um Mitarbeiter gewinnen zu können, sind angemessene Löhne ein wichtiges Kriterium. Für Michael Bammessel ist es aber mindestens genauso wichtig, frühzeitig damit zu beginnen, jungen Menschen Lust auf soziale Berufe zu machen. „Sie müssen positive Erfahrungen mit dem Berufsfeld und auch dem möglichen Arbeitgeber haben“, betont der Diakonie-Chef.
In der Vergangenheit habe das bestens funktioniert. „Viele Männer, die heute im sozialen Bereich beruflich tätig sind, sind erst durch den einstigen Zivildienst auf den Geschmack gekommen.“ Diese erfreuliche Wirkung könne auch der neue Freiwilligendienst entfalten. „Je mehr Plätze es gibt, desto größer ist sie.“ Die gegenwärtige Deckelung durch den Bund sei schädlich.

