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1952: Als „de Aap“ im Ring ausrastete

Unzufrieden mit dem Unparteiischen: Vor 60 Jahren schlug der Profi-Boxer Peter Müller den Ringrichter k.o. - 09.06.2012 17:15 Uhr

„Halten Sie den Mund, weiterkämpfen“, hatte Ringrichter Max Pippow (re.) kurz vor dieser Szene zu Peter Müller (Mitte) gesagt. Was dann kam, dürfte er nicht gemeint haben.

„Halten Sie den Mund, weiterkämpfen“, hatte Ringrichter Max Pippow (re.) kurz vor dieser Szene zu Peter Müller (Mitte) gesagt. Was dann kam, dürfte er nicht gemeint haben. © Archiv


Ihm „blieb es vorbehalten, in seiner Vaterstadt einen Boxskandal heraufzubeschwören, der selbst in der internationalen Boxgeschichte einmalig ist“, schrieben die Nürnberger Nachrichten.

Bereits viermal hatten Peter Müller und sein fast gleichaltriger Erzrivale, der aus Erlangen stammende Hans Stretz um den deutschen Meistertitel — der damals einen größeren Stellenwert als heute hatte — gegeneinander gekämpft. 1949 verlor Müller seinen Meistergürtel an Stretz, gewann ihn ein Jahr später zurück, um ihn im Kampf Nummer drei durch Disqualifikation wieder zu verlieren, als er auf den am Boden liegenden Gegner weiter eindrosch. In seiner Heimatstadt wollte ,de Aap‘ (der Affe), wie ihn seine Fans liebevoll nannten, nun seinen Titel zurückholen.

Es war ein offener Fight zweier vollkommen unterschiedlicher Boxertypen. Der 1,65 Meter kleine quirlige Müller, dessen Stärke im Nahkampf lag, suchte den Sieg durch K.o. Doch der laut NN „hervorragend vorbereitete“ Titelverteidiger hatte sich einen knappen einwandfreien Punktevorsprung gesichert. Immer, wenn es Müller gelang, Stretz im Nahkampf zu stellen, unterbrach Ringrichter Pippow den Kampf und trennte die Kontrahenten. Beim leicht reizbaren Herausforderer staute sich die Wut. In der achten Runde soll es zu folgendem Wortwechsel im Ring gekommen sein: „Wat trennste mich dänn dauernd, do Jeck! Dä Mann is jroß un ich bin klein, ich will dä in de Ribbe bumse“ — worauf Pippow entgegnete: „Halten Sie den Mund, weiterkämpfen!“ Da rastete Peter Müller aus.

Coach fiel in Ohnmacht

Nach dem K.o. des Ringrichters entfalteten sich tumultartige Szenen. ,De Aap‘ wandte sich wieder seinem eigentlichen Gegner zu und scheuchte fäusteschwingend dessen Betreuer, die den Kampf unterbrechen wollten, aus dem Ring. Sein eigener Coach und Schwiegervater wurde ohnmächtig. Müller wurde disqualifiziert und noch im Stadion auf Lebenszeit aus dem Bund deutscher Berufsboxer (BdB) ausgeschlossen. Man brachte ihn kurzfristig in die Psychiatrie, wohl um ihn vor Regressforderungen zu schützen. Der Spiegel höhnte, der Boxverband hätte den „stets primitiven, naiven und zu unberechenbaren Scherzen aufgelegten“ Boxer früher aus dem Verkehr ziehen sollen.

Der Fall Müller wäre „ein Beispiel mangelnder Aufsicht durch den Boxverband und übertriebener Rücksicht vor einem Kassen-Star“. Manche Formulierungen des Spiegel waren aber schlicht unter der Gürtellinie: Müller stamme aus einer „asozialen Familie“ mit „Zigeunereinschlag“ und sei Analphabet; dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass sich große Boxer aus einfachsten Verhältnissen hochkämpften. Die Kölner Arbeiter mochten ,de Aap‘ gerade wegen seiner Naturkraft und Unbekümmertheit, seiner draufgängerischen und nie erlahmenden Kampfesweise und besonders wegen seiner frechen Sprüche in Kölschem Dialekt.

Allzu lange mussten sie nicht auf ihren Liebling verzichten. Ab 1953 stieg Müller dank einer „Notlizenz“ seines Landesverbandes wieder in den Boxring; der BdB musste die Sperrung auf Lebenszeit wegen Formfehlern letztendlich aufheben. Ende 1954 war Müller wieder rehabilitiert und holte sich 1956, 1962 und 1964 drei weitere Titel als Deutscher Meister im Mittelgewicht; ein internationaler Durchbruch gelang ihm allerdings nicht. Im Juni 1957 kam es in der Berliner Deutschlandhalle zu einem von vielen Freunden des Boxsports herbeigesehnten Kampf mit der Sensationspaarung Peter Müller versus Gustav,Bubi’Scholz.

Für Bubi Scholz war die Begegnung eine Bewährungsprobe, der erste Kampf mit einem ernstzunehmenden Gegner nach seiner schweren Erkrankung an offener Tbc. Niemand außer ihm selbst hatte an seine Rückkehr in die Sportarena geglaubt. Laut Presse kündigte Müller an: „Ich hau dem Bubi dat Filmjesech kapott.“ Doch sein impulsives Temperament machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Laut Anweisungen seiner Betreuer sollte er sich sechs Runden lang zurückhalten, seinen Gegner zu Aktivitäten ermuntern, um ihn zu ermüden und dann erst den Angriff suchen. Doch bereits in Runde zwei konnte sich Müller nicht mehr zurückhalten und stürzte sich in den Herausforderer. Der kühle Konterboxer Scholz nutzte seine Chancen. In Runde drei angezählt, suchte der Titelverteidiger entgegen aller Ratschläge wieder den Nahkampf und blieb nach einer harten trockenen Linken und einem nachfolgenden schweren rechten Haken endgültig bis zum Aus auf dem Boden. Weinend verließ er den Ring.

„Ich jratuliere Sie“

Reporter berichteten, was er anschließend zu Bubi Scholz’ Ehefrau Helga sagte: „Ich jratuliere Sie. Sie ham ne jute Mann. Ich hann dat jleich jewusst.“ Peter Müller war nicht nur der großsprecherische Draufgänger. Seine Fans liebten ihn auch wegen seines Großmuts und seiner Warmherzigkeit. Einem hoffnungslos unterlegenen Gegner, auf dessen K.o. alle warteten, flüsterte er zu, er solle keine Angst haben und drosch fortan nur noch auf dessen Deckung.

Auch als Peter Müller 1966 mit 39 Jahren seine Boxhandschuhe an den Nagel hängte und in das Spielautomatengeschäft einstieg, erlitt seine außerordentliche Beliebtheit keinen Abbruch. Er war gern gesehener Ehrengast auf Veranstaltungen und bewährte sich im Kölner Karneval. Er scheute sich auch nicht, als Ringrichter bei Schaukämpfen aufzutreten. Vor 20 Jahren starb er an den Folgen eines Schlaganfalls.




  

E. VIEWEG-EIDLOTH

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