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1952: Im Auto auf Verbrecherjagd

Schnitzeljagd: Polizei und MCN riefen zur „Polizei-Großfahndungsfahrt“ auf - 26.05.2012 14:32 Uhr

Beim Start an der Zeppelintribüne: In langen Reihen warten die Fahrer, bis sie zur touristischen Zielfahrt im Jahre 1969 starten können.

Beim Start an der Zeppelintribüne: In langen Reihen warten die Fahrer, bis sie zur touristischen Zielfahrt im Jahre 1969 starten können. © Günter B. Kögler


Spuren wurden gesichert und verdächtigen Hinweisen wurde nachgegangen, bis die Schlinge sich zuzog. In Windsbach konnte der Schurke gestellt werden. Am Abend gab es Gold-, Silber- und Bronzemedaillen.

Das war die „Leiche“, deren „Mörder“ die Teilnehmer der Fahndungsfahrt ermitteln mussten.

Das war die „Leiche“, deren „Mörder“ die Teilnehmer der Fahndungsfahrt ermitteln mussten. © Frey


Natürlich hatte keine echte Verbrecherjagd stattgefunden. Vielmehr hatten die Nürnberger Stadtpolizei und der Motorsportclub Nürnberg (MCN) zu einer Art motorisierter Schnitzeljagd aufgerufen: die sogenannte „Polizei-Großfahndungsfahrt“. Als Erfinder galt der damalige MCN-Vorsitzende Willi Freiberger.

Sinn der Veranstaltung war es anfangs, Erfahrungen zu sammeln, „wie sich die Unterstützung der Polizei durch die Motorsportler im Katastrophenfall bewähren würde“, erklärte Polizeipräsident Leo Stahl bei der ersten Veranstaltung 1951, an der fast nur Polizisten und MCN-Mitglieder teilnahmen. Den Gedanken, Zivilisten zu Fahndungszwecken heranzuziehen, verwarf man aber bald wieder.

Im Zuge der zunehmenden Motorisierung der BRD rückten verkehrserzieherische Motive in den Vordergrund. Die Teilnehmer sollten sicheres Fahren und gute Kenntnisse der Straßenverkehrsordnung unter Beweis stellen. Um Schnelligkeit ging es bei dieser Rallye dagegen nicht. Und so war auch die zweite Auflage 1952 offen für alle Freunde des Motorsports. 150 Fahrer mit Autos und Motorrädern beteiligten sich an der Ganovenhatz. Von Anfang an waren die Szenarien akribisch ausgearbeitet. Diesmal ging es um einen Kunstraub in einem Nürnberger Kulturinstitut.

An mehreren Orten im Umkreis von 50 Kilometern galt es, die wertvollen Objekte wiederzufinden. Verschlüsselte Hinweise führten zu zehn Kontrollpunkten im Nürnberger Land, die alle angefahren werden mussten. Natürlich unter Einhaltung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit und aller Verkehrsregeln.

Denn überall im Gelände wachten versteckte Kontrolleure und notierten Strafpunkte bei Verstößen. War das geschafft, standen noch Fragen zum Verkehrsrecht an. Sieger an diesem Tag wurde Robert Stamminger auf einem Opel Rekord, sogar mit Maximalpunktzahl.

40 Fahrer abgewiesen

Von Jahr zu Jahr wurde die Veranstaltung beliebter. Bald gab es mehr Interessenten als Startplätze. 1961 mussten bereits 40 Fahrer abgewiesen werden, das Starterfeld war auf 180 begrenzt. Auch viele Prominente beteiligten sich gerne an dem Spektakel. Oberstaatsanwalt (und späterer „Was bin ich“- Ratefuchs) Hans Sachs zeigte Jahr für Jahr sein Können am Steuer.

An den Kontrollstellen bekam man seinen Routenpass von Opernsänger Robert Licha abgestempelt. CSU-Fraktionschef Georg Holzbauer steuerte und knobelte mit, der Polizeipräsident Horst Herold zeigte sich als wahrer Profi und landete bei seiner ersten Teilnahme 1967 gleich auf dem Siegertreppchen. Jedes Jahr galt es, die Teilnehmer mit neuen, unerwarteten Aufgaben zu überraschen, denn die „alten Hasen“ erschienen bestens vorbereitet auf dem traditionellen Startplatz vor der Zeppelintribüne. GPS-Handys waren längst noch nicht erfunden, und so bogen sich die Rücksitze unter Stapeln von Kartenmaterial und Lexika.

Doch die halfen kaum weiter, wenn es zum Beispiel galt, aus den Buchstaben „EEEEIIOGHHLNSTTZ“ einen Ort in der Oberpfalz zu dechiffrieren. „Der Angstschweiß wurde stärker, die Lösung rückte in unerreichbare Ferne...“, stöhnte der Reporter der Nürnberger Nachrichten, der 1973 selbst sein Können erprobte. Am Ende erreichte er bei insgesamt 184 Teilnehmern den 19. Platz. STIEGLITZENHÖHE war schließlich der gesuchte Ort.

Einmal befand sich unter dem am Start ausgehändigten Material auch ein Brief des gesuchten Ganoven an seine Geliebte. „Sei schlau...“, stand darin zu lesen. Doch die Teilnehmer, die daraufhin nach Schlauersbach fuhren, hatten zu kurz gedacht, das wahre Ziel stand auf der Rückseite der aufgeklebten Briefmarke.

Einfach dem Vordermann nachzufahren brachte gar nichts, denn jeder Teilnehmer hatte seine persönliche Kombination an Aufgaben. Das lässt den immensen Aufwand ahnen, den Polizei und MCN im Vorfeld zu leisten hatten.

Das Archiv der Nürnberger Nachrichten verzeichnet die letzte „Polizei-Großfahndungsfahrt“ im Jahre 1977. Bei regelrechtem Sauwetter ging es für fast 200 Teilnehmer quer durch die Landkreise Fürth und Ansbach. Gesamtsieger wurden punktgleich Hans Meier und Georg Hofmann, beide aus Nürnberg.

Der NN-Reporter landete diesmal auf Platz 25. Sein Fazit: „Geschlaucht von der Fahrt über 160 Kilometer waren schließlich fast alle. Aber ein Spaß war es trotzdem.“ 

K. LEHNBERGER

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