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1962: Offene Fehde zwischen Bonn und VW

Vor 50 Jahren untergruben Preiserhöhungen des Autobauers die Appelle von Wirtschaftsminister Erhard - 28.04.2012 14:24 Uhr

Der Regierungschef, Bundeskanzler Konrad Adenauer, weilte in seinem Urlaubsort Cadenabbia und entspannte sich beim geliebten Bocciaspiel, als daheim ein Konflikt eskalierte.

Blieb auch 1962 das meistgekaufte Auto: Mit dem Wirtschaftswunder hatte sich der VW Käfer auf Deutschlands Straßen stark vermehrt.
Blieb auch 1962 das meistgekaufte Auto: Mit dem Wirtschaftswunder hatte sich der VW Käfer auf Deutschlands Straßen stark vermehrt.
Foto: Gerardi/Archiv
Blieb auch 1962 das meistgekaufte Auto: Mit dem Wirtschaftswunder hatte sich der VW Käfer auf Deutschlands Straßen stark vermehrt.
Blieb auch 1962 das meistgekaufte Auto: Mit dem Wirtschaftswunder hatte sich der VW Käfer auf Deutschlands Straßen stark vermehrt.
Foto: Gerardi/Archiv

Es krachte zwischen seinem Vize, Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, und der Autoindustrie und ging um Preiserhöhungen der Autobauer, die vom Volkswagenwerk eingeläutet worden waren. Kurz vorher hatte der Minister in einem viel beachteten Fernsehauftritt den Westdeutschen einen Appell zum Maßhalten unterbreitet.

Den „Vater des Wirtschaftswunders“ beunruhigte die Schere, die sich zwischen Leistungssteigerung und Lohnerhöhung in der Volkswirtschaft aufgetan hatte. Es drohte ein Schwinden der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, ein Ankurbeln der Lohn-Preis-Spirale und ein bedenklicher Anstieg der Inflationsrate. Dieser Entwicklung versuchte der Stabilitätspolitiker Erhard entgegenzuwirken.


Die Ankündigung von Preiserhöhungen durch den Marktführer VW kurz nach seinem Fernsehauftritt konterkarierte seine Bemühungen und wurde von ihm als persönlicher Affront empfunden. Er setzte alle Hebel in Bewegung. So lud er die Vertreter der Automobilindustrie zu einem Gespräch nach Bonn ein, wobei der VW-Generaldirektor Nordhoff eine Extraaudienz vor der großen Runde erhielt.

Außer einem kurzen Kommuniqué erfuhr die Öffentlichkeit wenig. Erhard appellierte an die Vertreter der Autoindustrie, „aus staatspolitischen, volkswirtschaftlichen und sozialen Erwägungen die vollzogenen Preiserhöhungen zurückzunehmen“, schrieben die Nürnberger Nachrichten.

Der Minister gab sich zuversichtlich, obwohl aus der Aufsichtsratssitzung bei VW nur undeutliche Signale kamen. Bei der Eröffnung der Hannover Messe erneuerte Erhard seine Mahnung an die Sozialpartner, sich nicht nach dem Motto „nehmt, was ihr kriegt“ zu verhalten. Und dann lehnte er sich angesichts der ungeklärten Lage erstaunlich mutig aus dem Fenster: „Wenn Treu und Glauben noch menschliche und gesellschaftliche Werte bleiben sollen, dann muss ich darauf vertrauen, dass die Autoindustrie eine Entscheidung in meinem Sinne fällt.“

Viele Widersprüche

Doch am nächsten Tag folgte der „Tiefschlag für den Wirtschaftsminister“ (NN). Der Vorstand des VW-Werkes hatte entschieden, die Preiserhöhung für die Modelle des VW 1200, das Herzstück der Produktion, beizubehalten. Der Minister reagierte heftig: „Ein solches Verhalten ist unerhört“, er fühle sich von Herrn Nordhoff „hinter das Licht geführt“, und er kündigte an: „Das ist nicht der letzte Akt des Schauspiels!“

Es ist nur eine der Merkwürdigkeiten in dieser an Widersprüchen reichen Geschichte, dass laut Spiegel bereits am Vorabend der Hannover Messe ein Fernschreiben Nordhoffs mit der Entscheidung des VW-Vorstands eintraf. Zwischen Bonn und Wolfsburg herrschte „offene Fehde“. Man war gespannt, in welcher Weise der aus dem Urlaub zurückerwartete Bundeskanzler in die verfahrene Geschichte eingreifen würde. Es stellte sich heraus, dass dem „Alten“ die ganze Angelegenheit offensichtlich gegen den Strich ging. Es war Adenauers letzte Amtsperiode als Regierungschef und er war dem „Kronprinzen“ Erhard nicht gerade grün.

Eine „Windbeutelei“

Dem VW-Vorstand Nordhoff bescheinigte der Kanzler „Unklugheit“; wenn dieser die Preiserhöhung 14 Tage später angekündigt hätte, hätte es „keinen Spektakel“ gegeben. Auch „fiele kein Stern vom Himmel, wenn jemand, der sich einen Volkswagen kaufen will, 240 DM mehr bezahlen muss“. Adenauer widersetzte sich dem Plan, die angeschlagene Staatsautorität durch die Senkung der Einfuhrzölle für Pkw aus dem EWG-Raum wieder zu stärken. Ursprünglich von der oppositionellen SPD in die Diskussion gebracht, hatten sich der Wirtschaftsminister und die Abgeordneten von CDU/CSU dafür ausgesprochen.

Adenauer durchkreuzte einen diesbezüglichen Beschluss im Kabinett, indem er ein weiteres Gespräch mit den Autoindustriellen vorschlug. Als Ergebnis dieser kryptischen Unterredungen wurde ein Kompromiss verkündet: VW habe zugesagt, den VW 1200 als Ausgleich für den höheren Preis besser auszustatten, u.a. mit einem serienmäßigen Radio. Dies erwies sich als „regierungsamtliche Windbeutelei“ (Spiegel) und wurde auf der Stelle aus Wolfsburg dementiert. Die Idee einer verbesserten Ausstattung sei in Bonn intern erörtert worden; doch der schlaue Kanzler habe den Regierungssprecher angewiesen „Sagen Sie das mal der Presse, dann ist der Herr Nordhoff festgelegt“.

Die CDU/CSU-Fraktion war verärgert angesichts der peinlichen Affäre — sie wünschte Adenauer endlich aufs Altenteil- und forderte weiterhin die Zollsenkung. Adenauer musste nachgeben. Mitte Mai beschloss die Regierung, bis auf weiteres die Einfuhrzölle für Personenwagen über 800 ccm aus den EWG-Ländern um 50 Prozent auszusetzen. Aber auch 1962 blieb der VW-Käfer mit 877014 verkauften Fahrzeugen das mit Abstand meistgekaufte Auto des Jahres.



Sie haben das letzte „Ausgegraben“ verpasst? Unter www.sonntagsblitz.de können Sie die Folgen der vergangenen Wochen nachlesen.

  

E. VIEWEG-EIDLOTH


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