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1972: Keime bescherten den Wasserspielen das Aus

Vor 40 Jahren eröffnete das Gartenbauamt den Wasserspielplatz am Wöhrder See - 28.07.2012 13:47 Uhr

Ab dem ersten Tag hatte der Wasserspielplatz viele Fans.

Ab dem ersten Tag hatte der Wasserspielplatz viele Fans.


Der Wasserspielplatz war zwar nur ein kleiner Teil des Gesamtprojekts „Erholungsgebiet Pegnitztal-Ost“, aber dafür ein besonders origineller. Am Südufer des Wöhrder Sees unterhalb des Norikus’ zogen auf 5000 Quadratmetern Kanäle durch Wiesenflächen, verästelten sich , bildeten größere Planschbecken und mündeten schließlich in den See. Ein eigens gebohrter 80 Meter tiefer Brunnen gewährleistete eine stete Wasserversorgung. Mit einer maximalen Wassertiefe von 30 Zentimetern galt die Anlage selbst für Kleinkinder als ungefährlich.

Stauschwellen und ein sehr geringes Gefälle sorgten für einen langsamen Fluss, das beinahe stehende Nass in den Becken wurde von der Sonne schnell erwärmt. Flankiert wurde die Anlage von Spazierwegen und einer Rollschuhbahn. Die Nürnberger Nachrichten waren voll des Lobes: „Hier hat die Verwaltung Mut bewiesen und ist aus konventionellen Vorstellungen ausgebrochen: keine Grünflächen, die nicht betreten werden dürfen, keine sterilen Spielplätze.“

Glitschige Gräben

767000 Mark hatte sich die Stadt den Wasserspaß kosten lassen, immerhin ein Zehntel des Gesamtetats des Projekts. Von den Kindern des Norikus’ und der Umgebung wurde der Platz begeistert angenommen.

SONNTAGSBLITZ-Redakteurin Anette Röckl, selbst Anfang der 80er im Norikus aufgewachsen, erinnert sich: „Wir Kinder nannten den Spielplatz immer die ,Wassergräben‘. Für uns war das eine Attraktion, auch wenn die Gräben stellenweise ziemlich glitschig und nicht ganz ungefährlich waren. Und es war ein kostenloses Vergnügen, im Gegensatz zum Bayern-07-Bad nebenan.“ Doch mit den Jahren zeigte sich, dass das fast stehende, flache Wasser nicht nur ungefährdetes Planschen in den Becken beförderte, sondern auch Algenwachstum und Keimvermehrung. Im Hochsommer musste die gesamte Anlage mindestens einmal pro Woche komplett gesäubert werden. 1988 erlitt ein dreijähriger Bub gravierende Verätzungen durch Chlor, ein Zusammenhang mit den verwendeten chemischen Reinigungsmitteln wurde vermutet.

Zwei Jahre später versuchte das Gartenbauamt, mit baulichen Veränderungen des Problems Herr zu werden. Ein großes Becken wurde verfüllt und der Durchlauf des Wassers beschleunigt, dennoch blieben die Keimzahlen gefährlich hoch. Auch Vandalismus wurde zum Problem, wie der Stadtanzeiger berichtete: „Jugendliche leerten wiederholt Papierkörbe ins Wasser oder preschten mit Mopeds durch die Brühe.“ Die Warnungen des Gesundheitsamtes wurden immer lauter, doch Jugend- und Gartenbauamt zögerten damit, die beliebte und stark frequentierte Anlage stillzulegen.

Kein Geld für den Abriss

Öd und leer warten die Betonbecken und -rinnen derzeit auf bessere Zeiten.

Öd und leer warten die Betonbecken und -rinnen derzeit auf bessere Zeiten.


1994 kam dann doch das Aus. Zu viele Keime und zu wenig Geld für die nötige Reinigung, der Hahn am Brunnen wurde zugedreht. Ein Abriss wurde beantragt, doch selbst dafür fehlten die Mittel. Seit beinahe 20 Jahren sind ein paar Pfützen nach Regenfällen fast die einzige Feuchtigkeit, die die traurigen Betonrinnen erfahren. Nur einmal im Jahr zum „Sommernachtstraum“, dem Ferien-Spektakel der Nürnberger Aktivspielplätze, wirft das Gartenbauamt für einige Stunden die Pumpe des Brunnens an.

Doch nun besteht wieder Hoffnung für den Wasserspielplatz. Er ist Teil des Großprojekts „Wasserwelt“, der Umgestaltung des gesamten Wöhrder Sees und seiner Uferzonen. Auch wenn es noch keine konkreten Pläne zur Wiederbelebung gibt, so steht doch fest, dass in absehbarer Zeit das Wasser wieder plätschern soll. Man darf gespannt sein, wie man dem Problem der Verschmutzung diesmal begegnen wird. Eine Keimzahl in vertretbarem Maße stimuliert ja bekanntlich das kindliche Immunsystem.



Sie haben das letzte „Ausgegraben“ verpasst? Alle Folgen der vergangenen Wochen können Sie unter www.sonntagsblitz.de nachlesen.

  

KLAUS LEHNBERGER

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