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1972: Lange Haare als pure Provokation

Vor 40 Jahren mussten 30 Friseurgeschäfte schließen - 13.01. 15:33 Uhr

Nürnberg  - „Lange Haare machten viele ‚Figaros‘ arbeitslos- 30 Friseurgeschäfte haben in den letzten zwei Jahren bereits geschlossen“ – dieser Alarmruf der Friseur-Innung war groß im Lokalteil der Nürnberger Nachrichten vom 16. Januar 1972 zu lesen.

Von hinten waren Männer und Frauen in den 70er Jahren oft kaum noch zu unterscheiden. Junge Männer wollten mit ihren Mähnen auch provozieren.Archiv-
Von hinten waren Männer und Frauen in den 70er Jahren oft kaum noch zu unterscheiden. Junge Männer wollten mit ihren Mähnen auch provozieren.Archiv-
Foto: NN /Bernd Jürgen Fischer
Von hinten waren Männer und Frauen in den 70er Jahren oft kaum noch zu unterscheiden. Junge Männer wollten mit ihren Mähnen auch provozieren.Archiv-
Von hinten waren Männer und Frauen in den 70er Jahren oft kaum noch zu unterscheiden. Junge Männer wollten mit ihren Mähnen auch provozieren.Archiv-
Foto: NN /Bernd Jürgen Fischer

Die damalige Talfahrt der Branche hatte jedoch nicht nur strukturelle Ursachen. Die damalige Haarmode war Schuld.

„Seit vier Jahren fallen die Jugendlichen mit langen Haaren als Kunden praktisch völlig aus“, stellte der Obmann der Innung, Werner Kilian, fest. Anders als heute gab es vor 40 Jahren nicht eine Vielfalt von Trends und nonkonformistischen Stilrichtungen. Protest hieß: Lange Haare. Regelmäßiger Friseurbesuch war etwas für angepasste Streber.

Per Erlass untersagt

Neben der Friseur-Innung und den ordnungsliebenden Lehrern und Vätern hatte auch die Bundeswehr ein Problem mit dieser Einstellung. 1967 war das Tragen schulterlanger Haare per Erlass untersagt worden.

Praktische und disziplinarische Gründe wirkten zusammen. Die Wehrkraft wurde aber wohl nicht ernsthaft als gefährdet empfunden.

Aber die Masse der Wehrpflichtigen ließ sich nicht so einfach maßregeln. Also verordnete Verteidigungsminister Helmut Schmidt den vielen langhaarigen Soldaten ein Haarnetz – natürlich olivfarben. Ob das eine gute Idee war?

Lustig fanden sie einige: Der akkurate Hanseat und spätere Kanzler Schmidt erhielt dafür den „Orden wider den tierischen Ernst“, die Truppe wurde als „German Hair Force“ verspottet. Nach einem Jahr, im Juni 1972, wurde die Haar-Netz-Vorschrift durch den Haar-Erlass ersetzt: Augen und Nacken mussten frei sein, die Haare durften den Kragen nicht berühren.

Verlust von Individualität



Das hieß für die Soldaten: Ab zum Friseur, damit der Pfingsturlaub nicht gestrichen wird. „Die Friseure kommen nicht nach!“ melden daraufhin die Nürnberger Nachrichten. „Viele Bundeswehrangehörige, die angesichts der neuen Einheitsfrisur beklagen, ein weiteres Stück ihrer Individualität zu verlieren, protestieren auf ihre Weise: in Kiel ließen sich einige einen Irokesen-Haarschnitt (Glatze mit einem Haarstreifen in der Kopfmitte), in Bonn manche eine totale Glatze schneiden.“ Prompt erholte sich das Friseurhandwerk wieder.

Die große Verweigerung von damals, die die Friseurinnung nur vorübergehend und sozusagen kollateral traf, galt der ganzen Gesellschaft und Zivilisation. Die vielfach schlichte Vernachlässigung des Äußeren war als wortlose, aber vielsagende Botschaft gedacht: Wir sind nicht von eurer Welt, wir gehören der Natur, nicht der Zivilisation an. Unsere Vorfahren sind nicht die streng gescheitelten „Nazi-Väter“, sondern die freien Bewohner der nordamerikanischen Wälder.

Die Adressaten, auch die Normalbürger, reagierten nicht immer gelassen auf diese Provokation, zumal die „langhaarigen Gammler und Faulenzer“ bei den vielen Demonstrationen in den späten 60er und frühen 70er Jahren das öffentliche Bild prägten.

„Abstoßende Masken“

Auf die Leistungsverweigerer aus der Gegenkultur gab es auch andere Antworten als die Wut der Werktätigen. Der italienische Filmemacher und Schriftsteller Pier Paolo Pasolini sprach von „abstoßenden Masken“ die sich die Jugendlichen aufsetzen. „Es wird Zeit, ihnen zu sagen, dass sie widerlich, vulgär und servil aussehen.“

Zurück zu den Friseuren, die schneiden und nicht schimpfen wollten. Auf www.friseur-news.de wird heute daran erinnert, dass nicht alle Figaros vor Entsetzen erstarrten.

Schon mit den Auftritten der Trendsetter aus Liverpool Mitte der 60er Jahre machten sie sich Gedanken: „Wir stehen augenblicklich der modischen Torheit der Beatlesfrisur gegenüber. Sicher taucht eines Tages auch bei Ihnen ein ungepflegter, langhaariger Kunde auf, der den Wunsch äußert, nur so eben aus den Augen sehen zu können. Hier können Sie aus der Not eine Tugend machen. Aus dem gleichen natürlichen Fall der Haare gestalten Sie, unter gutem Zureden – es wird nötig sein – eine Modefrisur mit sauberer , eleganter Note.“ 



OTTO BÖHM

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