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Mit einem festen, aber herzlichen Händedruck begrüßte der stramme Antikommunist Ministerpräsident Tschu En-lai. Zwei seit Jahrzehnten verfeindete Großmächte begannen einen erstaunlichen Austausch.
Seit ihrer Gründung im Jahre 1949 waren die Chinesische Volksrepublik und die Vereinigten Staaten erbitterte Gegner. Im Korea-Krieg hatte man sich gegenübergestanden, im Vietnam-Krieg unterstützte man verschiedene Seiten. Erst 1969 setzte Tauwetter ein, als die USA Handels- und Reisebeschränkungen mit China aufhoben.
1971 durften nach einem kuriosen Zwischenfall (in Japan war bei einem Tischtennis-Turnier ein Amerikaner versehentlich in den chinesischen Mannschaftsbus gestiegen) zum ersten Mal Sportler aus den Staaten nach China einreisen. Das war der Beginn der sogenannten „Ping-Pong-Diplomatie“. Präsidenten-Berater Henry Kissinger traf sich unter völliger Geheimhaltung mit Tschu und signalisierte Nixons Interesse an einem Besuch im Reich der Mitte.
Für eine Woche beherrschte die Visite alle Medien, Journalisten und Fernsehteams durften sich völlig frei bewegen. Einen Tag später blickten die Leser der Nürnberger Nachrichten auf ein halbseitiges Bild auf der Titelseite: Nixon und Tschu unterhalten sich entspannt bei einer Tasse Tee, zwischen ihnen steht, nach Landessitte, ein Spucknapf. Das Bild war bei einer ersten Unterredung in der „Großen Halle des Volkes“ entstanden. Der nächste Programmpunkt war ein Treffen mit dem großen alten Mann Chinas, Parteichef Mao Tse Tung – ein weiterer Beleg des gegenseitigen Respekts.
Abends gab es ein Gala-Dinner, bei dem sich Tschu En-lai als vollendeter Gastgeber präsentierte und Richard Nixon und die First Lady Patricia aufmerksam umsorgte. Diese wiederum benutzten die Essstäbchen mit beeindruckender Versiertheit.
Ein Orchester intonierte chinesische Revolutionslieder und amerikanische Evergreens, was Nixon veranlasste, dem Kapellmeister persönlich zu danken: „Niemals habe ich im Ausland amerikanische Musik so gut gespielt gehört wie hier“. Daraufhin ließ Tschu mit einem Toast die „chinesisch-amerikanische Freundschaft“ hochleben.
In den Staaten rieben sich Nixons Landsleute, die jedes Detail an den Bildschirmen verfolgen konnten, verwundert die Augen. Das waren Erzfeinde?
Am nächsten Tag folgten politische Unterredungen, die hinter verschlossenen Türen stattfanden. Die Fernseh-Teams begleiteten lieber die First Lady in die Küche des „Peking-Hotels“. Patricia probierte alles, was man ihr vorsetzte. Sie verspeiste „Haargemüse in Hühnersuppe“ und schreckte auch vor „Goldfisch in weißer Sauce“ nicht zurück. Am Abend traf man sich wieder zum Revolutions-Ballett „Das rote Frauen-Bataillon“. Dabei überging man geflissentlich, dass gleichzeitig die amerikanische Luftwaffe das von China unterstützte Nord-Vietnam bombardierte.
Am dritten Tag konferierten die Herren abermals und die First Lady füllte die Bildschirme der Welt. Diesmal ließ sich Patricia die „Volkskommune Immergrün“ zeigen und die Fortschritte im Anbau von Gemüse, Getreide und Reis gemäß den „revolutionären Richtlinien von Mao Tse Tung“ erklären.
Sie fütterte die Schweine und punktete mit der Bemerkung, selbst schon auf ihrer Farm in Kalifornien einen Ersten Preis für Schweineaufzucht gewonnen zu haben. Tapfer ertrug sie einen Chor mit Liedern zum Thema „Ich bin ein kleines Mitglied der Kommune“. Besser hatte es Nixon, der zum ersten Mal auf die „Volksmassen“ traf und im Pekinger Stadion von 18000 Zuschauern frenetisch bejubelt wurde.
In den Staaten entwickelte sich derweil ein richtiger China-Kult, wie die NN staunend berichteten: „Amerika spielt ein wenig verrückt. Chinesische Tapeten halten Einzug in die Schlafzimmer, chinesische Bauernhüte gelten als chic und sind dabei, die breitkrempigen Texashüte abzulösen. Mao-Anzüge sind der größte Verkaufsschlager.“ Der Kult wurde täglich vom Fernsehen weiter befeuert: Zu sehen waren die Nixons auf der Großen Mauer und die Nixons in der Verbotenen Stadt. Die Amerikaner sogen alles gierig auf.
Nach einer Woche echter und inszenierter Innigkeit wollte das Publikum dann doch wissen, was bei den insgesamt 30-stündigen Verhandlungen herausgekommen war. Die Antwort lieferte das gemeinsame Abschlusscommuniqué. Die Vereinigten Staaten und die Volksrepublik China verständigten sich „trotz der unterschiedlichen gesellschaftlichen Systeme“ auf folgendes: „die Anerkennung der territorialen Integrität aller Staaten, der Verzicht auf Aggressionen sowie die Nicht-Einmischung in die jeweiligen inneren Angelegenheiten und das Bekenntnis zur friedlichen Koexistenz.“
Außerdem, und das war für China entscheidend, verpflichteten sich die Amerikaner zu einem Rückzug aus der abtrünnigen chinesischen Insel-Republik Taiwan. Bei seiner Rückkehr in die USA wurde Nixon wie ein Held empfangen und bei der Präsidentschaftswahl im November 1972 mit über 60 Prozent klar im Amt bestätigt. Doch der Zenit seiner Karriere war bereits überschritten. Der Begriff „Watergate“ machte schon die Runde...