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Was fangen die Briten mit der Zeit an? Sie gehen in die Kneipe. Aber dort müssen sie ihr Bier bei Kerzenschein trinken. Doch bald gehen dem Land die Kerzen aus. Die NN schreiben: „Die Kerzenmacher in der Bundesrepublik machen Überstunden, um in englischen Wohnungen und Geschäften für Lichtersatz wegen der Stromausfälle zu sorgen. Ein rheinländischer Kerzenmacher teilt mit, dass er in den letzten Tagen sieben Millionen Kerzen auf die Insel geliefert hat.“ Die Überschrift des Artikels: „Vom Kontinent kommt das Licht.“
Die Sache mit dem Bergarbeiterstreik war jedoch alles andere als lustig oder romantisch. Ein Streikposten war von einem Lkw überfahren worden, auf der Suche nach Heizmaterial in baufälligen Stollen verunglückten Jugendliche. Das Gefühl von der „schlimmsten Krise seit dem Krieg“ stellte sich auch wegen der angeordneten „Verdunklungen“ ein.
Wie kam es zur Eskalation in diesem ersten legendären Bergarbeiterstreik, dem noch weitere folgten? Die ursprünglich gut verdienenden Bergarbeiter waren in der Lohnskala rapide nach unten gerutscht. Ihre Jobs aber blieben anstrengend und gefährlich. Also lag eine Lohnforderung nach über 20 Prozent Erhöhung auf dem Tisch der Bergwerksbetreiber, die man notfalls auch mit Streiks durchsetzen wollte.
Doch die britische Kohlebehörde — mit politischer Unterstützung der konservativen Regierung Edward Heath — hatte vorgesorgt und die Depots gefüllt. Man wollte einen drohenden Ausstand auf diese Weise aussitzen.
Ziel der Bergarbeitergewerkschaft NUM (National Union of Mineworkers) war es, den Kohlenachschub für möglichst viele Kraftwerke zu blockieren. Dabei kamen die sogenannten Flying Pickets, die mobilen Streikposten auch aus anderen Gewerkschaften, wie der der Automobilarbeiter, zum Einsatz. Unterwegs in Bussen, Kleintransportern und Autos, legten sie Bergwerke, Kraftwerke und Häfen lahm. Organisiert wurde diese vor allem in Yorkshire angewandte Streikmethode von Arthur Scargill, der noch einigen konservativen Regierungen als späterer NUM-Vorsitzender Respekt abverlangen sollte.
Das Mutterland der Industrialisierung war nun streckenweise in einem vorindustriellen Zustand! Trotzdem war die Stimmung auch nach fünf Streikwochen zwar angespannt, aber nicht gewerkschaftsfeindlich. Schließlich gehörte der Klassenkampf zu England und der Kohlebergbau hatte seinen Einfluss noch nicht ganz eingebüßt.
Aber die Zahl der Bergarbeiter war von über einer Million zu Beginn des Jahrhunderts auf 280000 gesunken. Alternativen zur Kohle als Hauptenergiequelle wurden gefördert. Aber der Streik konnte noch einmal siegreich beendet werden. Die vom Kontinent aus vielfach als britisches Chaos wahrgenommene Auseinandersetzung endete mit einem Triumph der Bergarbeiter.
In einer allerletzten Verhandlungsrunde, zu der Premier Edward Heath geladen hatte, wurden die Lohnforderungen weitgehend akzeptiert. Vor den Kraftwerken wurden die Streikposten abgezogen. NUM-Führer Joe Gromley konnte verkünden: „In 24 Stunden haben wir mehr Zugeständnisse erhalten als in 20 Jahren“.
Im Gefühl unwiderstehlicher Arbeitermacht riskierten die Bergarbeiter 1974 einen weiteren Streik, der zum Rücktritt der Regierung Heath führte. Erst die Eiserne Lady Margaret Thatcher setzte das zentrale strategische Ziel der Konservativen durch: Die streikerprobte Arbeiterklasse sollte ihrer Kampfinstrumente ein für alle Mal beraubt werden.
Im Jahr 1984 waren Logistik und Gesetzeslage klar für diese finale Auseinandersetzung. Eine Kommission hatte die Konzepte entwickelt: Langfristige Kohlelager anlegen, verstärkt Kohleimport ermöglichen, Kraftwerke auch mit Öl befeuern.
Ferner sollten nicht gewerkschaftlich organisierte Lkw-Fahrer als Streikbrecher angeheuert werden und die Polizei für den Einsatz gegen Streikposten trainiert werden. Secondary Picketing – Solidaritätsstreiks anderer Branchen — waren verboten worden.
Mit dem folgenden einjährigen Ausstand gruben sich die Bergarbeiter dann das eigene Grab — so zumindest sahen es kritische Beobachter. 2006 gab es nur noch 6000 englische Grubenarbeiter.
Die Niederlage von 1984/85 wird nicht die historische Bedeutung der gewerkschaftlichen Kämpfe entwerten. Die Hoffnungen, wie sie Rosa Luxemburg nach dem Bergarbeiterstreik von 1893 pathetisch formulierte, sind nicht enttäuscht worden: „So trugen also dank der vortrefflichen Organisation und der besonderen politischen Verhältnisse die englischen Bergarbeiter einen hundertfachen Sieg davon, schlugen ihre Feinde und zogen Tausende ihrer Leidensgenossen zum Kampf um eine bessere Zukunft.“
Kein Grund also für konservative Triumphe, aber auch kein Grund zum Trauern. Nur Sozialromantiker zünden eine Kerze an. Realisten aber werden von einer historischen, vielleicht notwendigerweise vergangenen Epoche sprechen.