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Den Fall ins Rollen gebracht hatte ein Angestellter der Kreissparkasse Celle, dem eine Vermögensübertragung verdächtig erschien. Ein Mann war Anfang 1970 in der Bank aufgetaucht und hatte eine schriftliche Anweisung vorgelegt, ihm das gesamte Vermögen der 47-jährigen Sparkassenkundin Ilse Evels zu übertragen. Der Bankangestellte bestand auf dem persönlichen Erscheinen von Frau Evels. Doch der angeblich Bevollmächtigte, ein gewisser Arwed Imiela behauptete, diese wäre auf Reisen. Immer dreister wurden seine Forderungen, schließlich erstattete die Bank Anzeige wegen Betrugsverdachts. Nach der Festnahme Imielas wurde klar, dass Ilse Evels seit Monaten nicht mehr gesehen worden war, auch von ihrer Tochter Urte (19) fehlte jede Spur.
Die Durchleuchtung von Imielas Vorleben erbrachte zwei weitere verschwundene Frauen, mit denen er engen Kontakt gehabt hatte. Annemarie Schröder (47) sowie ihre 75-jährige Mutter waren zuletzt um die Jahreswende 1968/1969 lebend gesehen worden. Handelte es sich vielleicht um Schlimmeres als Betrug? Es stellte sich heraus, dass Imiela eine Jagdpacht und einen Bungalow auf der Insel Fehmarn besaß. Die Polizei untersuchte das Gelände und entdeckte eine sogenannte „Ludergrube“, ein Erdloch, in dem Jäger mit Ködern Raubwild anlocken. In der Grube fanden sie Leichenteile, zwei weibliche Rümpfe ohne Köpfe und Arme, die später anhand von alten Röntgenaufnahmen den Evels zugeordnet werden konnten.
Im Oktober 1972 begann vor dem Lübecker Schwurgericht ein wahrer Mammutprozess mit über 50 Verhandlungstagen, 20 Sachverständigen, mehr als 250 Zeugen und Ermittlungsakten, die 30 stattliche Bände füllten. Im Mittelpunkt stand der Angeklagte Arwed Imiela, ein Mann mit schillernder Vergangenheit. Imiela, geboren 1929, war als Kind zwischen seinen geschiedenen Eltern herumgeschoben worden. In der Nachkriegszeit schlug er sich auf dem Schwarzmarkt durch und versuchte sich erfolglos als Schriftsteller. Betrügereien unter falschem Namen endeten für ihn mit zwei Jahren Haft.
Im Gefängnis beschäftigte er sich intensiv mit Astrologie und erkannte, dass sich damit Geschäfte machen ließen. Nach der Entlassung nannte er sich Diplom-Astrologe und besorgte sich einen Schreibautomaten, der Massenhoroskope ausspuckte. Individuellere Voraussagen nebst Finanzberatung machte er vor allem einer bestimmten Klientengruppe, vermögenden und vorzugsweise alleinstehenden Damen. Sein Erscheinungsbild und seine Ausstrahlung machten es ihm leicht. „Groß, breitschultrig, sehr männlich, sehr ruhig, sehr überlegen. Eine glänzende Erscheinung“, so beschrieb ihn eine seiner Ex-Frauen. Das wirkte auch auf Annemarie Schröder, deren gesamtes Vermögen er sich vor ihrem Verschwinden übertragen ließ. Danach war Ilse Evels an der Reihe.
Imielas Vorgehensweise war in beiden Fällen gleich. Er löste die Frauen langsam aus ihrem Umfeld heraus und streute Gerüchte über Reisevorbereitungen oder gar Auswanderungspläne. Um ihr Verschwinden so lange wie möglich als unverdächtig erscheinen zu lassen, arrangierte er, dass Postkarten und Briefe der Frauen aus verschiedenen Ländern eintrafen. Mehrere Graphologen entlarvten diese beim Prozess als Fälschungen von Imielas Hand. Ohne den wackeren Sparkassenangestellten wäre der Astrologe vielleicht sogar noch lange Zeit mit der Tarngeschichte durchgekommen.
Nun stand das Gericht vor der schwierigen Aufgabe, dem Angeklagten die Taten auch zweifelsfrei nachzuweisen. Nicht nur in der Boulevardpresse hatte die Vorverurteilung des „Blaubarts von Fehmarn“ (Bild) längst stattgefunden. Leichen in der Ludergrube, da war keine Spekulation absurd genug, um nicht unverzüglich kolportiert zu werden. Die Hamburger Morgenpost schob ihm gleich noch 15 weitere verschwundene Frauen unter, im Stern avancierte er gar zum Ost-Spion. Dummerweise entpuppten sich die rätselhaften Markierungen auf einer Karte der Fehmarner Küste, die der Stern stolz als Beweis präsentierte, als Entenjagdgebiete.
Der Prozess schleppte sich vor einem Publikum, das die Spiegel-Reporterlegende Gerhard Mauz als „eklig“ beschrieb, zäh dahin. „Ein großer Teil der Zeugen trug nichts als Tratsch vor“, berichtete der Beobachter der Nürnberger Nachrichten.
Auch als Mitte Januar 1973 Imiela selbst sein 25 Verhandlungstage dauerndes Schweigen brach, hörte man kaum etwas zur Sache. Drei Tage lang erläuterte er seine schwere Kindheit und seine Gefühle bei der Jagd. Über das Verschwinden der Frauen wisse er rein gar nichts.
So blieb es an den Sachverständigen, Glied für Glied der Indizienkette aneinanderzufügen, Restzweifel auszuräumen und das Gericht von der Schuld Imielas zu überzeugen. Schließlich wusste man am Ende von zwei der Frauen mit Sicherheit nur eines: dass sie verschwunden waren. Wie die Evels genau zu Tode gekommen waren, das blieb auch ungeklärt. „An meinen Händen klebt kein Blut“, hatte Imiela immer wieder erklärt.
Dennoch war sich das Schwurgericht Ende Mai sicher. „Die Last der Be-weise ist erdrückend“, verkündete die Vorsitzende und verurteilte den Astrologen wegen vierfachen Mordes zu viermal lebenslanger Frei-heitsstrafe. Arwed Imiela nahm seine Geheimnisse mit ins Grab. Er starb 1982 in der Haftanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel an Herzversagen, bis zuletzt seine Unschuld beteuernd.