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Am 10. Dezember 1992 hieß es im ZDF zum letzten Mal „Der große Preis“ mit „Big Wim“. 18 Jahre lang versammelte der Sohn eines Oberstudiendirektors aus Mühlheim an der Ruhr eine treue Fangemeinde vor dem Fernseher, die sich Monat für Monat darauf verlassen konnte, dass die Show nach dem immer gleichen Schema ablaufen würde. Sogar Thoelkes Assistentenvorstellung („Silvia, n’Abend Silvia; Janita, n’Abend Janita, Sigrid Spencer, unsere Protokollführerin und unser Oberschiedsrichter Eberhard Gläser“) wurde im immer gleichen Wortlaut absolviert.
Das Wort „Risiko“ im Thoelke’schen Singsang war längst in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Walter Spahrbier, der ältliche Geldbriefträger mit Dienstmütze und Lederumhängetasche, durfte das Glücksrad zur Auslosung der Gewinnzahlen in Gang setzen, und Wolfgang Gruner alias Taxifahrer Fritze Flink plauderte über seine Erlebnisse, die in einer Kandidatenfrage mündeten („Und nun frage ich Sie...“).
Dass eines Tages die blonde Beate nicht mehr die Mappe mit den Gewinnern der Lotterie zugunsten der Aktion Sorgenkind ins Studio tragen durfte, weil sie für Zahnpasta Werbung gemacht hatte, glich schon einer Revolution. Die TV-Welt der siebziger und achtziger Jahre war eben noch heil, es gab kein RTL oder SAT.1, kein „Tutti frutti“, aber dafür einen Sendeschluss und ein Testbild.
Für Abwechslung beim Großen Preis sorgten freilich die drei Kandidaten, die Fragen über ein Spezialgebiet gestellt bekamen und natürlich Loriots Wum und Wendelin („Samstag in acht Tagen“), mit denen der schauspielerisch minderbegabte Thoelke mehr oder weniger launig parlierte.
All das verfolgte einen guten Zweck. Für die Aktion Sorgenkind – sie war 1964 als Reaktion auf den Contergan-Skandal entstanden – spielte der „Große Preis“ mehr als drei Milliarden Mark ein – keine Fernsehlotterie war erfolgreicher.
Nach 219 Folgen (nur in einer Sendung ließ sich der Showmaster nach einer schweren Bypassoperation von Wolfgang Lippert vertreten) verließ Thoelke das ZDF im Unfrieden. Der 65-Jährige wollte einem Jüngeren Platz machen.
Doch dann musste er mit ansehen, wie der sechs Jahre ältere Hans-Joachim Kulenkampff das Erbe antrat. „Wenn man nach 18 Jahren sieht, wie sie das Kind erschlagen nur aus Eitelkeit, Arroganz, Unfähigkeit...“, schimpfte er. Kulenkampff warf nach sechs Folgen hin; ein Wiederbelebungsversuch mit Carolin Reiber endete nach ebenfalls sechs erfolglosen Folgen. Dann war „Der Große Preis“ tot.
Der Streit zwischen Thoelke und ZDF eskalierte, als Thoelke seine Autobiografie „Stars, Kollegen und Ganoven“ vorlegte, in der er dem Mainzer Sender vorwarf, seine Redakteure hätten Schmiergelder kassiert. Als er konkret werden sollte, machte er einen Rückzieher.
Die Nürnberger Nachrichten kommentierten damals: „Wer 30 Jahre lang im Rampenlicht steht, mag es als Abstieg empfinden, wenn er plötzlich als Moderator nur noch am Samstagnachmittag auf den Bildschirm kommt („Klassentreffen“). In seinem Buch, das im penetranten Ton des Besserwissers gehalten ist, lässt der Autor in keiner Zeile Einsicht walten, dass die Zeit der Quiz-Shows wie „Drei mal Neun“ und „Der Große Preis“ endgültig passé ist.“
So blieb am Ende einer bemerkenswerten Karriere ein schaler Nachgeschmack zurück, obwohl Thoelkes Laufbahn als Paradebeispiel für die Aufbruchstimmung in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg herhalten könnte.
Aus dem Krieg kehrte der am 9. Mai 1927 geborene Georg Heinrich Wilhelm Thölke, so sein bürgerlicher Name, mit einer Kriegsverletzung zurück. Nach dem Abitur studierte er Jura. Anschließend arbeitete er sieben Jahre lang als Geschäftsführer beim Deutschen Handballbund und kam eher zufällig zum Hörfunk, für den er auch noch als freier Mitarbeiter tätig war, als er schon als Vermögensverwalter in Stuttgart sein Geld verdiente. Nebenher widmete sich der Hobby-Pilot der Luftfahrt, zweimal gründete er sogar seine eigene Fluggesellschaft.
Auch wenn er modisch nicht gerade als extravagant durchgehen würde, war er im Textilhandel aktiv. Für eine Dehnbundhose beantragte er sogar einen Gebrauchsmusterschutz. Die Firma, die das Beinkleid herstellen sollte, ging allerdings pleite.
Bekannt wurde Thoelke vor allem während seiner 30 Jahre beim ZDF. Er moderierte 1963 die ersten heute-Sendungen, und er gilt als einer der Mitbegründer des „Aktuellen Sportstudio“, wo er („Laufen, Erna! Aber Erna ist nicht flink genug“) schon mal über die Anfänge des Frauenfußballs schwadronieren durfte. Mit den Quizsendungen „Drei mal Neun“ und „Der Große Preis“ schließlich schrieb er TV-Geschichte.
Drei Jahre nach dem Abschied von der großen Bühne starb Wim Thoelke am 26. November 1995 in seinem Haus bei Wiesbaden.