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Ärztliches Netz fängt Unversicherte auf

Wo Menschen ohne Krankenversicherung Hilfe finden - 14.07.2012 13:35 Uhr

Roland Stubenvoll (li.) und der Arzt Jörg Seiler kümmern sich in der Caritas Straßenambulanz um einen Patienten.

Roland Stubenvoll (li.) und der Arzt Jörg Seiler kümmern sich in der Caritas Straßenambulanz um einen Patienten. © Matejka


Und damit im normalen Medizinbetrieb ein Problem: Wer keine Karte über den Praxistresen reichen kann, wird in der Regel nicht behandelt. Wie viele Menschen in Deutschland ohne Krankenversicherung sind, ist unklar. Die letzten Zahlen des Bundesamts für Statistik stammen aus dem Jahr 2007, damals wurde geschätzt, dass an die 200000 Menschen betroffen sind.

„Am Anfang dachten wir, das Problem haben hauptsächlich Illegale in Deutschland“, sagt Renate Scheunemann, Mitbegründerin der „Medizinischen Flüchtlingshilfe“ (siehe Kasten).

Es trifft auch Deutsche

Doch bald zeigte sich, dass es damit nicht getan war. Unversicherte EU-Bürger, vor allem aus Ländern wie Rumänien oder Bulgarien, standen ebenso krank vor den Helfern wie Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung und Deutsche ohne Versicherungsschutz. Selbstständige, die in die Insolvenz geraten und die private Versicherung nicht mehr bezahlen können, sind darunter. Oder Frauen und Männer, die wegen einer Scheidung oder nach dem Tod des Partners plötzlich nicht mehr mitversichert sind und sich die Beiträge aus eigener Tasche nicht leisten können.

Schließlich hat die Stadt reagiert: Seit 2009 koordiniert Scheunemann, selbst Ärztin, im Nürnberger Gesundheitsamt die Arbeitsgruppe „Menschen ohne Krankenversicherung“. Einige Erfolge gibt es. Die Caritas Straßenambulanz, unterstützt von der Stadt Nürnberg, ist seit 2010 offizielle Anlaufstelle für die kostenlose Grundversorgung aller Menschen ohne Krankenversicherung — unabhängig vom Aufenthaltsstatus und dem Grund für die Nichtversicherung. Bei Bedarf kann an Fachärzte weitervermittelt werden, die Anonymität wird, wenn gewünscht, während der ganzen Behandlung garantiert. „Niemand muss befürchten, dass seine Daten an das Einwohneramt oder die Polizei weitergegeben werden“, sagt Scheunemann.

Auch für Schwangere ohne Aufenthaltsgenehmigung hat sich nach Absprache mit dem Ausländeramt die Situation entspannt. Drei Monate vor und sechs Monate nach der Geburt erhalten sie eine Duldung, eine ärztliche Begleitung wird gewährleistet. „In dieser Zeit ist es oft möglich, den Frauen ein dauerhaftes Bleiberecht zu sichern, zum Beispiel weil der Kindsvater Deutscher ist“, sagt Scheunemann. Schwangere ohne Krankenversicherung können sich bei ihr oder in der Caritas Straßenambulanz melden.

Zudem füllte die städtische Stiftung „Nürnberg — Stadt des Friedens und der Menschenrechte“ einen kleinen Finanztopf, aus dem Facharztkosten oder Medikamente bezahlt werden können. Aufwendigere Behandlungen sprengen den Rahmen jedoch schnell. „Ich musste wiederholt Finanzierungen ablehnen“, sagt Scheunemann. Oder für konkrete Fälle um weitere Hilfen bitten und Spendenaufrufe in der Presse starten.

Seit Januar 2012 hat Scheunemann für 63 unversicherte Patienten Auslagen verzeichnet. „Aber es gibt natürlich viel viel mehr“, sagt sie. „Ich weiß zum Beispiel von niedergelassenen Ärzten, die die Verwandten ihrer Patienten einfach unentgeltlich mitbehandeln.“

Vermutlich werden Arztbesuche auch mit geliehenen Krankenkassenkarten absolviert und abgerechnet, Illegale wenden sich nach wie vor zudem an die Medizinische Flüchtlingshilfe und lassen sich direkt an Ärzte vermitteln.

Kinder besser versorgen

Roland Stubenvoll sieht vor allem bei der Versorgung von Kindern noch Verbesserungspotenzial. „Sie wurden bisher oft nur zu uns gebracht, wenn sie richtig krank waren“, sagt er. An unversicherte Eltern appelliert er, die Straßenambulanz auch für Routine-Termine wie Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen in Anspruch zu nehmen.

Scheunemann will außerdem noch mehr aufklären, denn mancher vermeintlich unversicherte Patient ist das gar nicht — oder hat einen Anspruch darauf, wieder in eine Versicherung aufgenommen zu werden. „Ich prüfe immer, ob es nicht doch einen Träger gibt“, sagt sie. „Die europäische Krankenkassenkarte mit der EU-Flagge gilt zum Beispiel auch in Deutschland — aber das wissen selbst viele Ärzte nicht.“



Kontakt zu Renate Scheunemann über Tel. (0911) 23114182, zur Straßenambulanz über Tel. (0911) 47494860; Spendenkonto: Caritasverband Nürnberg, Stichwort Straßenambulanz, Konto 1702259, BLZ 76050101, SPK Nürnberg

  

C. THURNER

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