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Berlin Intern: Franz Schubert in stabiler Seitenlage

Wie man in Berlin neuerdings mit dem Hören klassischer Musik experimentiert - 14.07.2012 16:27 Uhr

Vieles, was wir tun, ist lediglich eine Folge gesellschaftlicher Konventionen. Da muss man nur mal einen Blick auf unsere Essgewohnheiten werfen. So wäre es nicht zwingend nötig, beim Essen auf einem Stuhl zu sitzen. Die alten Römer haben es uns vorgemacht, dass komplizierteste Speisenfolgen auch im Liegen mit Genuss konsumiert werden können.

Beim Essen mit Messer und Gabel wird es noch deutlicher, dass sich die Gewohnheiten im Laufe der Zeit wandeln. Das hat sich in unseren Breiten nämlich erst vor 150 Jahren so richtig in allen Gesellschaftsschichten durchgesetzt. Vorher kamen meistens die Hände zum Einsatz.

Unsere Konventionen erstrecken sich bis hin zum Hören von Musik, insbesondere klassischer Musik. Das geht heute fast nur, indem man einen Konzertsaal aufsucht und dort ein, zwei Stunden wie festgenagelt auf einem Stuhl sitzen bleibt. Für Kinder, Menschen mit Bandscheibenvorfall und unruhige Geister ist das eine rechte Qual.

Im Berliner „Radialsystem V“, einem Kultur- und Veranstaltungszentrum, werden die althergebrachten Sitten im Bereich klassischer Musik seit einiger Zeit komplett in Frage gestellt. Da lädt man zu Kammerkonzerten erstens zu ungewöhnlicher Zeit (kurz vor Mitternacht), zweitens an einen ungewöhnlichen Ort (ein Studio hoch über der Stadt, ohne Sitzgelegenheiten) und drittens bei ungewöhnlicher Beleuchtung (es ist bis auf die Lampen an den Notenpulten der Musiker dunkel).

Auf dem Bauch

Den Besucher erwarten Yogamatten und Kissen, auf denen er sich niederlassen und seine geeignete Zuhörposition wählen darf. Die einen liegen auf dem Bauch, die anderen auf dem Rücken, die dritten in stabiler Seitenlage. Dann werden vom Personal die Stehlampen ausgeschaltet, die vorher zur Orientierung dienten, und die Zeit für Domenico Scarlatti, Franz Schubert, Salvatore Sciarrino ist gekommen.

Um es gleich zu sagen: Die Sache ist durchaus gewöhnungsbedürftig. Menschen, die einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich haben, gleiten in einer allzu bequemen Stellung schon mal in den Schlaf hinüber. Das ist zwar nicht verboten, bringt einen aber um den Musikgenuss. Und diejenigen, die wach bleiben, sehen in der bequemen Rückenlage – logischerweise – nicht die Musiker, sondern die Heizungs- und Entlüftungsrohre an der Decke. Dann vielleicht doch lieber der Schneidersitz?

Die Nachtmusik im Radialsystem ist gut ausgebucht. Weitere Experimente werden nicht ausgeschlossen. So gibt es zum Beispiel Konzerte, bei denen man zwischen einem (Sitz-)Platz im Saal und einem Liegestuhl an der nahen Spree (mit Lautsprecherübertragung) wählen kann. Ideal für Paare, bei denen einer ein großer und der andere ein nicht ganz so großer Fan klassischer Musik ist. 

HARALD BAUMER - Sonntagsblitz


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