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Lu Gross erzählt. "Unsere Geschichte ereignete sich zwar schon im April 1984, war aber sehr aufregend. Es war ein kalter Apriltag und wir wussten, dass in unserem Garten gerade junge Amseln geschlüpft waren. Wir schauten nach und hörten ein jämmerliches Piepsen, die Kleinen riefen nach ihren Eltern, die aber nicht mehr kamen.
Vorsichtig holten wir die noch nackten Jungen aus dem Nest, es waren fünf erbärmlich frierende Küken. Was tun? Mein Mann Jürgen wärmte die Kleinen einzelnen in seinen Händen, während ich verschiedene Stellen anrief, was wir machen sollten. Wir bekamen gute Ratschläge, sollten aber selber handeln. Dann ging ich in eine Leihbücherei und holte mir aus der Kinderabteilung ein "Amselbuch" zum besseren Verständnis.
Wir bauten aus einer Pamperswindel ein Nest und legten die Jungen hinein. Dann ging´s aber los: Was füttern? Wir machten dasselbe durch wie Sie von der BLITZ-Redaktion und bekamen viele gute Ratschläge. Der tollste war, in einer Zoohandlung Drahtwürmer zu kaufen, die man heiß überbrühen und dann von festen Schalen befreien sollte, da die kleinen Amseln nur das Weiche fressen. Na schön, da mussten wir durch, auch wenn es uns dabei schon etwas mulmig war.
Nun kommt's: Wir hatten die Würmer in einem Glas gekauft und zu Hause mit heißem Wasser übergossen. Was ist passiert? Das Glas platzte: Würmer und Wasser ergossen sich in der Küche über Spüle, Ablage und Fußboden. Hurra! Wir sammelten die Wurmleichen ein und siehe da, die Amseln "schrien" vor Vergnügen. Natürlich bekamen sie auch echte Würmer, die mein Mann aus einem Erdhaufen holte, die er auf einer Wiese mit grasenden Wildschweinen gefunden hatte. Ich glaube, dass wir auch Haferflockenbrei gefüttert haben.
Im Amselbuch stand genau beschrieben, wie die Eltern füttern und dass sie nach der Fütterung am Hinterteil der Kinderchen ein kleines weißes Säckchen mit dem Verdauten abholten, damit es nicht das Nest beschmutzt. Auch das hat geklappt. Das Ganze war zum Glück in den Osterferien und wir hatten Zeit für unsere Kinderschar. Wir mussten gegen fünf Uhr morgens aufstehen, weil die hungrigen Amselkinder so ein Geschrei machten, dass man nicht mehr schlafen konnte.
Erschwerend kam hinzu, dass wir eine Katze hatten, die wir natürlich von den Vögeln fern halten mussten. Eines Morgens zur Fütterzeit war kein Vogel mehr im Nest, sie hockten im ganzen Zimmer herum und hatten bereits alles vollgesch.... Na fein, also raus in den Garten, wo wir ein Gehege bauten, da sie ja noch nicht fliegen konnten. Das wollten wir ihnen ja auch noch beibringen.
Doch wir hatten leider nicht nur Erfolgserlebnisse. Eines Tages bekamen die Kinder zu viele Würmer auf einmal und haben sich überfressen, sodass zwei gestorben sind. Eine kleine Amsel ertrank in der Gießkanne, was uns sehr leid tat. Aber keine einzige wurde von der Katze gefressen. Das vorletzte Amselchen fiel von einer Leiter und war tot. Da blieb noch ein einziges übrig, das wir Max nannten.
Max war nicht mehr von uns zu trennen. Er baute sich frühmorgens vor dem Schlafzimmerfenster auf und rief so lange, bis einer aufstand, um ihn zu füttern. Wir wollten ihm dann das Fliegen beibringen und warfen ihn in die Luft, aber er kam sofort wieder runter und hockte sich auf die Schulter. Da hörten wir von einer Bekannten, dass sie eine Vogelvoliere hat. Sie wollte den Burschen zu sich nehmen, da wir dringend Urlaub brauchten.
Also fuhren wir mit Amsel (im zugedeckten Eimer) und Enkelkind zu ihr. Als wir die Decke hoch hoben, damit Max in die Voliere gebracht werden kann, erhob er sich in die Lüfte und flog davon. Unsere Bekannte meinte, dass er später immer mal wieder in den Garten kam, wo sie eine Tränke für Vögel hatte. Er war der einzige, der sich immer mitten hinein plumpsen ließ!"
Zur Dokumentation dieser Geschichte fügte das Ehepaar Gross auch einige seiner vielen schönen Bilder bei, die zum Beispiel zeigen, wie die Vögel noch in der Windel lagen oder sich auf einem Kletterbaum aufreihten. Übrigens: Auch in der Natur kommen viele Junge um oder werden von Räubern gefressen, bevor sie ganz ausgewachsen sind.