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Zum einen macht sie aus ganz normalen Menschen, aus grundsoliden Familienvätern und braven Familienmüttern, unkontrollierbare Anarchos. Und offensichtlich sorgt der Gendefekt zusätzlich für einen spontan versteiften Mittelfinger.
Im Windschatten ihrer Namenlosigkeit auf dem Zweirad vergessen die Münchner gerne so ziemlich alles, was ihnen beigebracht worden ist. Verkehrsregeln? Unnötiger Quatsch. Einbahnstraßen? Maximal eine Herausforderung. Ampeln? Hübscher Zierrat am Straßenrand. Höflichkeit? Gott bewahre!
Und so gehört der gestreckte Mittelfinger zum Standardrepertoire, zu den gern gezeigten Gesten, bevorzugt gegenüber Autofahrern, die Einbahnstraßen schon mal in die richtige Richtung befahren und auch an roten Ampeln halten. Gelegentlich freilich fehlt den Radlern die Zeit zum Fingerstrecken, weil sie gerade gegen den Kotflügel eines Wagens knallen oder sich mit Fußgängern verkeilen, die in den Fußgängerzonen der Stadt nicht wirklich auf die Radl-Rambos vorbereitet waren.
Stadt und Polizei stehen dem Treiben erstaunlich gegenüber. Die Beamte kontrollieren zwar das Geschehen, verstecken sich notfalls neben Ampeln hinter Bäumen und stellen den einen oder anderen Rotsünder – so er stehenbleibt. Die Anarchie aber stoppen sie nur temporär. Kaum ist die Polizei weg, herrschen wieder gesetzlose Zeiten in den Fußgängerzonen und auf der Straße.
Die Stadt ihrerseits kreiert in entzückender Hilflosigkeit absonderliche Ideen. So schickte sie einen Radclown auf die Straße, einen Typen im grauen Anzug mit orangeroter Narrenkappe, der die zweirädrigen Sünder stoppen und auf lustige Weise belehren sollte. Begrenzt witzig. Und teuer dazu. Inzwischen ist die Narrenkappe wieder eingemottet.
Dafür hat die Stadt in etlichen Einbahnstraßen für Radfahrer die Einbahnregel aufgehoben und sie so zurück auf den Pfad der Tugend katapultiert. Auch ein Weg. Letztlich bleibt das Problem mit den Anarcho-Radlern ungelöst. Demnächst, warnt die Polizei, werde das Wetter warm und ideal fürs Radeln. Das sei schon deshalb problematisch, weil das Radfahren immer beliebter und die Zahl der Radler immer höher werde. Das allerdings könnte der Ausweg sein. So wie auf den Autobahnen. Dort hat die schiere Masse der Wagen der Raserei längst den Garaus gemacht. Wer weiß, ob das nicht bald auch mit den Radlern so kommen wird.