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Trauerzug für Schwein, Rind und Fisch

Vegetarier und Veganer demonstrierten für ein bewussteres Essverhalten - 19.02. 15:00 Uhr

NÜRNBERG  - Als Anne Seidel ein kleines Mädchen war, fand sie manche sonntäglichen Familienrituale immer etwas seltsam und widersprüchlich: „Erst gab es mittags einen Entenbraten, und dann haben wir draußen Enten gefüttert.“ So richtig mochte es der kleinen Anne nicht einleuchten, warum sie die einen Enten aufessen und den anderen Brot geben sollte. „Meine Mutter hat dann immer gesagt: ,Gegessen werden nur die bösen Tiere.‘“

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In Nürnberg haben am Samstag der Vegetariererbund und der Verein Menschen für Tierrechte für eine faire Behandlung von Tieren demonstriert.

Mit acht Jahren fand Anne Seidel diese Erklärung nicht mehr überzeugend. Sie beschloss, keine Tiere mehr zu essen und Vegetarierin zu werden. Das ist 18 Jahre her. An diesem Samstagnachmittag nun leitet die Vorsitzende der Nürnberger Regionalgruppe des deutschen Vegetarierbundes einen Trauerzug durch die Innenstadt, mit dem an das Schicksal all jener Lebewesen erinnert werden soll, die aufgrund unserer Essgewohnheiten einen frühen und oft qualvollen Tod sterben müssen.

Bei der Auftaktkundgebung vor der Lorenzkirche spricht Seidel von 90 Milliarden Meeres- und 58 Milliarden Landtieren, die jährlich weltweit dem menschlichen Fleisch- und Fischkonsum zum Opfer fallen. „Wir trauern um die 200000 Rinder, die jedes Jahr in Deutschland bei lebendigem Leib zerlegt werden, weil der Bolzenschuss fehlschlägt“, ruft Seidel ins Mikrofon. 500000 Schweine wiederum würden im heißen Wasserbad elendiglich zugrunde gehen, nachdem zuvor die Betäubung gescheitert war.


Der Vegetarierbund rief gestern zu einem Trauerzug für all jene Tiere auf, die den menschlichen Essgewohnheiten zum Opfer fallen.
Der Vegetarierbund rief gestern zu einem Trauerzug für all jene Tiere auf, die den menschlichen Essgewohnheiten zum Opfer fallen.
Foto: Stefan Hippel
Der Vegetarierbund rief gestern zu einem Trauerzug für all jene Tiere auf, die den menschlichen Essgewohnheiten zum Opfer fallen.
Der Vegetarierbund rief gestern zu einem Trauerzug für all jene Tiere auf, die den menschlichen Essgewohnheiten zum Opfer fallen.
Foto: Stefan Hippel

Der Demonstrationszug, der durch die Innenstadt zieht und bei Zwischenstopps vor Pelzgeschäften und Filialen diverser Schnellrestaurants gegen den unwürdigen Umgang mit Tieren protestiert, ist nicht besonders groß; dafür haben sich die rund 30 Aktivisten einiges einfallen lassen, um ihn dennoch wirkungsvoll zu inszenieren. In Trauerkleidung marschieren sie mit Blumen, düsteren Mienen und großen Transparenten durch die Straßen und erzeugen so viel Aufmerksamkeit bei den Passanten. Aus dem Rekorder ertönt melancholische Musik des Finnen Matti Paalanen, und vorne tragen vier Vegetarier einen Sarg, auf dem eine Plastikkuh thront.

Von wegen Verzicht!



Den symbolischen Sarg hat der 48-jährige Hanno Neurohr herangeschafft, der bereits seit über 20 Jahren Vegetarier ist. „Das bedeutet keinen Verzicht“, sagt er. Gut, auf seine Magenschmerzen muss er seit der Ernährungsumstellung verzichten, aber das fällt ihm leicht.

Auch Lisa Pohan (24) betont, wie abwechslungsreich der Speiseplan für Vegetarier sein kann. Sie selbst ist Veganerin, verzichtet also auch auf tierische Produkte wie Milch und Käse. Oft lädt sie zweifelnde Freunde zum Essen ein, um ihnen zu zeigen, wie genussvoll man auf diese Weise leben kann.

Mike Egerer gehört seit neun Monaten ebenfalls zu den Veganern, erst seit 2010 sind bei ihm Fleisch und Fisch vom Speiseplan gestrichen. Fotos mit grauenhaften Bildern von Tiertransporten haben ihn bewogen, keine Tiere mehr zu essen. „In mir hat das Thema aber schon länger gearbeitet“, sagt der 37-Jährige. Er habe es lange geschafft, diesen ethischen Fragen auszuweichen, sie zu verdrängen.

Obwohl er 35 Jahre lang Fleisch aß, kann ihn heute kein Bratwurstbrötchen mehr locken: „Ich weiß ja, was zwischen den Brötchenhälften liegt.“

Pflanzlich hergestellte Schnitzel oder Burger schmecken auch klasse, meint Anne Seidel. Zudem würden die Menschen mit einer Umstellung des Essverhaltens nicht nur Schwein, Rind und Huhn helfen, sondern auch ihrer eigenen Art: „Um ein Kilo Fleisch zu produzieren, braucht man 16 Kilogramm Weizen.“ Würden die Rohstoffe direkt zur Ernährung der Menschen genutzt, könnte der Welthunger effektiv bekämpft werden.

Die 26-Jährige findet es auch merkwürdig, dass Menschen auf die Gefühle ihrer Hunde und Katzen Rücksicht nehmen, nicht jedoch auf die von Schwein und Rind. Wieder so ein Widerspruch, der Seidel nervt. Wie damals der, nach dem Verzehr des Entenbratens Enten füttern zu gehen. 



MARCO PUSCHNER

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