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Billig und willig oder nur glotzen?

Unsere Autorin hat ein Wochenende lang Feiertypen in Bars und Clubs beobachtet - 23.06.2012 10:00 Uhr

So wird in den Bars und Clubs gefeiert!

So wird in den Bars und Clubs gefeiert! © Bronsilav Hava


Mein Lieblingstyp das Modell Billig und Willig. Ihr erkennt sie (meist weiblich), wenn ihr nur einen Blick durch die Disco schweifen lasst. Vom Kleidungsstil würde man sie allerdings eher ins Rotlichtviertel an die Frauentormauer stellen: ein Gürtel als Rock getarnt und ein Oberteil mit einem Ausschnitt tiefer als der Grand Canyon. Ihr Verhalten ähnelt dem eines Panthers auf der Jagd: Langsames Durchstreifen der Disco-Steppe und dabei jedes mögliche Opfer im Auge behalten. Hat sie sich eines auserkoren, fixiert sich ihr Blick auf den potenziellen Vater ihrer Kinder. Die nächsten Stunden ähneln dem Verzehr der Beute. Sie verbeißt sich und lässt so schnell nicht wieder los. Nähert sich ein anderes weibliches Wesen dem Opfer, werden die Krallen ausgefahren und gefaucht was das Zeug hält. Ihr Tanzstil ähnelt mehr einem Balztanz.

Der Typ Tanz oder Stirb ist da schon weniger bissig. Ihm geht es nur darum, Spaß zu haben, zu feiern bis der Arzt kommt und zu ignorieren, was andere denken. Dabei gibt es auf der Tanzfläche schon mal Kollateralschäden. Denn es wird wenig auf das übliche Hin- und Herbewegen der Füße gegeben: pogen, springen, schütteln – alles ist erlaubt! Da kommen beim Tanzen alle Partien des Körpers zum Einsatz und so landet schon mal eine Hand im Gesicht der hüfte-kreisenden Pantherin.

Kennt ihr die Typen, die denken, eine Frau von hinten anzutanzen, wäre schon die halbe Miete und reiche völlig aus, zu signalisieren: „Wir beide – heute Nacht!“ Nichts ahnend schwingt man locker seine Hüften zur Musik und auf einmal spürt man eine Präsenz hinter sich – die Klette. Meine Methode: Augen zu und hoffen, dass sie ganz schnell wieder verschwindet. Nur weil frau ihre Hüften bewegen kann, ist das schließlich noch keine Einladung an die Klette, ihre Pranken auf diesen abzulegen und sich am weiblichen Körper zu reiben. Mit geschlossenen Augen überlege ich kurz, ob der Typ mich wohl mit der Größe seines Gemächts überzeugen will, bevor ich mich umdrehe, um ihm eine zu ballern. Man kommt sich manchmal vor wie Freiwild und die Klette ist ganz eindeutig ein brunftiger Hirsch. Traditionelle Anmachsprüche scheint es nicht mehr zu geben, heute gilt wohl eher: alles oder nichts!

Ich merke, dass ich nicht die einzige Beobachterin des Spektakels bin. Um die Tanzfläche herum bildet sich ein Kreis meist männlicher Beobachter. Ich nenne sie gern die Glotzer. Sitzend oder stehend und sich immer an einem Getränk festhaltend beäugen sie die Tanzfläche. Mit einem Bier in der Hand können sie wenigstens so tun, als hätten sie einen Auftrag. Zwischendurch wird mal das ein oder andere Mäuschen abgecheckt: erst ein prüfender Kennerblick, der einem Scan beim Flughafen ähnelt – einmal von oben bis unten und zurück. Beim Anblick der „Tanz oder Stirb“-Kandidatin folgt ein Blick, als hätte der Beobachter auf eine Zitrone gebissen. Sie zeigt ganz klar zu wenig Haut! Die Pantherin erntet ein anerkennendes Nicken. Aber der Glotzer traut sich nicht wirklich, einen Move zu machen – erst wenn er einen bestimmten Pegel erreicht hat.

Dabei kommen dann folgende (nicht erfundene!) Anmachsprüche heraus: „Sag mal, haste Lust mit mir ein Leberwurstbrot zu essen?“ oder „Boah, hast du geile Euter! Darf ich die mal anfassen?“ und mein Favorit: „Do you wanna be the captain of my love boat?“ Ich kann mir immer nur schwer ein lautes Lachen verkneifen. Je später der Abend und je höher der Pegel, desto kürzer die Anmachen. Egal, wie betrunken jemand ist, man(n) kann doch nicht wirklich erwarten, dass er, wenn er mir ein „Ficken?“ ins Gesicht rülpst, Erfolg damit hat?!

Mein Wochenende als nüchterne Beobachterin ist das Anstrengendste seit langem. Es fängt beim Partyvolk meist gegen zwei Uhr mit starken Kommunikationsproblemen an. Als ich mir ein Wasser an der Bar holen wollte, bestellte ein Kerl neben mir etwas, das sich anhörte wie „Wwwwwowonga Schlasensaft“ (Vodka O war gemeint).

Auch bei Unterhaltungen steige ich inzwischen aus. Nichts mehr mit Lauschen! Ich komme mir vor wie in einem fremden Land. Selbst das Bewegen durch die brechend volle Lokalität wird zur echten Herausforderung. Wenn alles wankt und schwankt, und ihr selbst stocknüchtern seid, fühlt ihr euch wie eine Flipperkugel. Aber für die Unterhaltung ist gesorgt – und ich werde besser unterhalten, als bei so manchem Theaterstück. 

LISA SOLLFRANK

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