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Er ist bisweilen eine hakelige Angelegenheit, manchmal schlicht, doch sehr oft einfach Spitze. Seine ganze Schönheit enthüllt er nur im Privaten: Der Büstenhalter wird 100 Jahre alt — und ist fast schon eine zarte Rarität, denn weltweit trägt ihn nur ein Drittel aller Frauen.
Und doch ist er der heimliche Star unter den Dessous. Hierzulande — wo übrigens mehr als 70 Prozent der Frauen zum BH greifen — drehte die Herrenwelt beinahe durch, als sich Topmodel Claudia Schiffer vor zehn Jahren in den Wochen vor Weihnachten lässig auf Hennes&Mauritz-Werbeplakaten räkelte. Nicht wenige Schaukästen in Bushaltestellen gingen zu Bruch — das Plakat war heiß begehrt. Und nochmal knapp zehn Jahre zuvor versetzten Anzeigen, auf denen das blonde US–Model Anna Nicole Smith in einem Hauch von Nichts zu sehen war, die Verkehrsteilnehmer derart in Aufruhr, dass es zu etlichen Auffahrunfällen kam. Die Poster jedenfalls waren rasch von Fans — oder empörten Gegnern abgerissen. Marilyn Monroe jedenfalls wäre ohne ihren berühmten spitzen Büstenhalter vielleicht weniger berühmt geworden, und dank Liz Taylor, die sich 1950 in einem blitzweißen BH den Kameras präsentierte, kennen wir auch die gängigste BH-Größe: 80 B.
Gut 20 Jahre später war aber erst einmal wieder Schluss mit Spitze. Denn die Frauenbewegung der 68er fand Büstenhalter einfach nur einengend und völlig unnötig. Ob die BHs tatsächlich brannten, als bei der Wahl zur Miss Amerika im September 1968 Protestlerinnen nicht nur Lippenstift und High Heels auf den Scheiterhaufen warfen, ist nicht so ganz belegt. Fest aber stand: Büstenhalter waren spießig und Freiheitsberaubung.
Noch viel schlimmer aber war das Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Frauen trugen Korsett oder Mieder, die den Brustkorb derart einschnürten, dass Atemnot oder Schlimmeres drohten. Nein, auch für das erotische Tête-à-tête waren die frühen Mieder kein prickelnder Zeitvertreib. Denn bis sie mühevoll aufgehakt oder die Bänder gelöst waren, war die Luft schon wieder raus.
Die Studentin Mary Phelps-Jacobsen aus New York brachte 1910 endlich Erleichterung. Zum Debütantenball weigerte sie sich, ein Korsett zu tragen. Sie wollte Bauch und Taille nicht eingezwängt in festen Stoff und Fischbein oder Metallstäbchen wissen. Der Busen aber freilich musste bedeckt sein. So nähte sie Bänder an zwei Tücher, die sie geschickt über den Busen schieben konnte. Seither gilt sie als Erfinderin des BHs, früher auch „Büha“. 1912 wurde er in Serie produziert, zwei Jahre später ließ sie ihn sich patentieren.
Längst gibt es BHs in allen Farben und aus nahezu allen Materialien. Manche sind zum Vernaschen gedacht — und essbar, andere, die sündhaft teuren, legt man besser in den Safe, wie jenes Oberteil, das Topmodel Heidi Klum bei einer Präsentation trug und das mit einem 90-karätigen Diamanten bestückt war. Kostenpunkt: 12,5 Millionen US–Dollar.
Eben mal „schnell einen BH“ kaufen, das ist heute nicht mehr drin. Das Angebot riesig: Es gibt sie mit Bügel und ohne. Man kennt Bandeau- und Ballkleid-BHs, es gibt Nackenträger-BHs, Stick on’s, Push-up’s, Minimizer’s, Sport-und Still-BHs. Ärzte empfehlen spezielle bei arthritischen Erkrankungen und zur Kompression, sie verschreiben Entlastungs- oder auch Prothesen-BHs.
So — und nun? Wenn Sie zumindest Ihre Größe wissen, ist das schon die halbe Miete. Denn auch die ist eine Wissenschaft für sich. Die wenigsten Frauen kennen angeblich ihre exakte Passform, obwohl die Größen innerhalb Europas festgelegt sind: Sie setzen sich aus Unterbrustumfang und Brustumfang zusammen.
Natürlich ist der Büstenhalter im „Guinness-Buch der Rekorde“ gelandet: Der größte BH wurde von Norma Stitz (ein Künstlername, der lautmalerisch an „enormous tits“ angelehnt ist) getragen — fiktive Größe 140 Z.
Doch der BH ist mehr als nur eine gute Stütze. Er kann Erotik pur sein und einer modebewussten Trägerin auch „drunter“ ein gutes Gefühl verschaffen. Er ist vermutlich das einzige Kleidungsstück, mit dem man sich bestens angezogen fühlen kann, obwohl es niemand in der Öffentlichkeit zu Gesicht bekommt. Büstenhalter (und Dessous) sind längst ähnlich begehrenswerte Objekte wie schöne Schuhe oder Designer-Taschen. Und Dessous-Partys sind beliebter denn je. Tupperware-Partys — ja, natürlich gibt’s die noch. Aber lustiger finden’s viele, sich mit den Freundinnen beim Prosecco gegenseitig die Häkchen zuzumachen und über Spitzenkörbchen und Strings fachzusimpeln.
Und dann gibt’s da noch den einen ersten BH, der mit Mama gekauft wurde — und den ersten, den je ein Mann zu Gesicht bekam. Es gibt den Lieblings-Lotter-BH, den am besten niemand jemals sehen sollte — und den für ganz besondere Stunden.
Und — es gibt die Freiheit, einfach auch einmal keinen zu tragen. Hoch soll er (h)leben, der BH!


Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.