„Sie müssen erleben, dass nicht nur der Erkrankte, sondern auch die anderen Erwachsenen in ihrem Umfeld auf einmal stark beeinträchtigt sind“, sagt Professor Fritz Mattejat, Leitender Psychologe der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Uniklinikum Marburg. Oft wollen die Eltern ihr Kind vor Leid schützen, indem sie es aus allem heraushalten, was die Krankheit betrifft.
Dies sei allerdings ein gravierender Trugschluss, betont der Autor des Ratgebers Nicht von schlechten Eltern: „Kinder bekommen die Stimmungsveränderung in ihrer Umgebung mit. Sie merken, dass etwas nicht stimmt.“ Liefere man ihnen keine plausible Erklärung für die Situation, reagierten die Kleinen häufig mit Schuldgefühlen und glaubten, sie seien dafür verantwortlich, dass es Mama oder Papa so schlecht geht. Besonders wichtig sei es daher, dass Erwachsene offen mit der Situation umgehen. „Eine psychische Erkrankung kann in jeder Familie auftreten. Wenn es passiert, sollte man sich so schnell wie möglich fachliche Hilfe holen“, betont der Experte. Ein Psychotherapeut oder Psychiater, aber auch eine Familien- oder Lebensberatungsstelle könnten erste Anlaufpunkte sein.
Mit den Kindern sollte man frühzeitig über die Erkrankung sprechen und ihnen erklären, dass Mama oder Papa krank sei und sich deshalb in letzter Zeit so seltsam verhalte. „Die wichtigste Botschaft für das Kind ist, dass sich die Erwachsenen um das Problem kümmern“, sagt der Diplom-Psychologe. Nur so könne es die Verantwortung abgeben.
Wichtig ist, dass Angehörige die Versorgung und Erziehung des Kindes weiterhin gewährleisten. „Betroffene sollten weniger Hemmungen haben, im Freundes- und Familienkreis um Hilfe zu bitten“, betont Maike Struve vom Hamburger Projekt „Seelenhalt“, einer Beratungsstelle für Familien psychisch kranker Eltern. In solchen Situationen können beispielsweise die Paten des Kindes Ansprechpartner sein. Wer in seinem näheren Umfeld keine Bezugsperson für das Kind findet, für den sind Patenprojekte eine Alternative, die ehrenamtliche Begleiter vermitteln. Nicht zuletzt könne das Jugendamt Hilfen für betroffene Familien organisieren.
Struve ermuntert Außenstehende, psychisch erkrankten Eltern auch von sich aus ihre Hilfe anzubieten. „Wenn jemand sich das Bein gebrochen hätte, würde man ja auch fragen, ob man ihn irgendwie unterstützen kann“, gibt die Expertin zu bedenken.
Verwandte oder Freunde könnten regelmäßig etwas mit den Kindern des Erkrankten unternehmen. Den Kleinen tue es gut, von Zeit zu Zeit aus der problematischen Familiensituation herauszukommen und andere erwachsene Bezugspersonen zu treffen. „Allerdings weisen Betroffene oft vorsichtige Kontaktangebote zurück“, weiß Fritz Mattejat. Dann sollte man nicht weiter insistieren. „Hat man allerdings den Eindruck, die Situation wird für die Beteiligten unhaltbar oder das Wohl des Kindes ist in Gefahr, dann hat man die Pflicht, dies beim Jugendamt zu melden“, betont der Psychologe.
„Sportvereine, Kirchengruppen, Pfadfinder — solche Organisationen bieten dem Kind die Möglichkeit, eine Zeit ohne Last zu verbringen und einfach mal Spaß zu haben“, sagt Struve. Viele Beratungsstellen für psychisch Kranke und ihre Angehörigen bieten auch Gruppentreffen für Kinder und Jugendliche an.
Hier erfahren die Kinder, dass sie mit ihren Erlebnissen nicht allein sind, und können sich gegenseitig stützen. Besonders hilfreich ist es, wenn parallel dazu auch die Eltern die Möglichkeit zum Austausch in einer Gruppe finden.
Mit der richtigen Förderung und Unterstützung könnten Kinder sich durchaus gut auf das Leben mit psychisch erkrankten Eltern einstellen, betont Fritz Mattejat.


Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
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