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Doch wenn ihr Gatte gar zu oft vor dem Badezimmerspiegel posiert oder beim Einkaufen seine Geheimagenten-Mimik trainiert, holt sie ihn schon mal unsanft in die Realität zurück. Und manchmal geht es ihr gewaltig auf den Wecker, wenn beim privaten Strandurlaub die Mädels um Reiners Handtuch schleichen und seinen Six-Pack-Bauch bewundern.
Dabei ist Reiner gar nicht James und auch kein Großkotz, wenn er manchmal Smoking trägt, im Aston Martin vor Luxushotels vorfährt und an der Bar einen Martini, geschüttelt, nicht gerührt, bestellt. Reiner sieht nur aus wie 007, das heißt, eigentlich wie Bond-Schauspieler Daniel Craig. Und deshalb bekommt der smarte Elektriker, der in Duisburg Hochspannungsanlagen wartet, seit vier Jahren immer wieder Aufträge, bei denen er nahezu selbst unter Hochspannung steht: Er muss den „echten“ Craig bei besonderen Anlässen vertreten.
Vor einiger Zeit wurde der Schweizer Fotograf Niklaus Spoerri auf Dongmann aufmerksam. Er suchte für eine Foto-Strecke möglichst viele Doppelgänger. Und das war gar nicht so leicht. Spoerri traf Aufschneider, die Unsummen an Gage verlangten, bis er schließlich auf die Doppelgänger-Agentur von Jochen Florstedt in Mühlheim an der Ruhr stieß, die ihm wichtige Kontakte vermittelte. Der 47-Jährige reiste durch England und Deutschland, wurde von Brad Pitts, Will Smiths und Marilyn Monroes versetzt, traf die Abbilder von Julia Roberts, Lukas Podolski, der Queen, Angela Merkel, Johnny Depp und vielen anderen. Mittlerweile hat er die Aufnahmen von 79 „Lookalikes“, wie die Briten die Doubles nennen, in dem Bildband Who is Who? (Verlag für moderne Kunst Nürnberg) herausgegeben und zeigt seine Bilder auch bei einer Ausstellung, die vom 24. Februar bis 30. März im Galeriehaus Nord in der Nürnberger Wurzelbauerstraße 29 zu sehen sein wird.
Auf pompösen Schnickschnack wie Roben, Rösser oder Rolls Royce verzichtete Spoerri bei seinem Projekt komplett. Er lichtete die Pseudo-Promis lieber in ihrem privaten Umfeld ab: neben der Waschmaschine, vor biederer Schrankwand oder spießiger Couchgarnitur. „Ich wollte keine große Bühne, sondern eine minimale Inszenierung, die den Betrachter ein bisschen irritiert, so dass er denkt: Hey, kann es sein, dass der Star so wohnt?“, erzählt Spoerri. Was ihn besonders verblüfft, sind die teils gegensätzlichen Reaktionen von Menschen, die seine Bilder betrachten. Die einen finden, „die sehen genauso aus wie der Völler oder die Schiffer“. Die anderen behaupten: „Da gibt’s ja gar keine Ähnlichkeit.“ Wie aber arbeitet eigentlich unser Gehirn, wenn es bei Menschen Ähnlichkeiten feststellt?
Laut Professor Stefan Schweinberger, der an der Uni Jena den Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie und Kognitive Neurowissenschaften inne hat, laufen bei der Wiedererkennung in unserem Gehirn zahlreiche komplexe Prozesse ab. Dabei spielen Konturen, Farben, Kontraste, räumliche Eindrücke und Bewegungen eine große Rolle. Neue Forschungen gehen davon aus, dass Menschen den Prototyp eines typischen Gesichtes aus ihrer Umgebung abspeichern und alle anderen Gesichter damit vergleichen.
„Deshalb fällt es uns Europäern auch so schwer, Asiaten von einander zu unterscheiden“, erklärt Schweinberger. Doch jeder Mensch nimmt Gesichter anders wahr. Und diese Unterschiede in der Wahrnehmung können beträchtlich sein, weil jeder Mensch unterschiedliche Lebenserfahrungen besitzt. Sicher scheint mittlerweile, dass wir schon nach 250 Millisekunden bekannte Gesichter von unbekannten unterscheiden können.
Für Doppelgänger können sich vor allem die Briten begeistern. In Großbritannien sind die „Lookalikes“ selbst beinahe Stars. Viele treten in eigenen Vorabendserien im Fernsehen auf – und haben selbst wieder Doubles. Also einen Doppelgänger für den Doppelgänger. Dieser Boom blieb in Deutschland bisher aus, auch wenn manche Auftraggeber für einen Pseudo-Promi-Auftritt ein kleines Vermögen zahlen. Zum Beispiel für James Bond.
Sein Name ist Dongmann. Reiner Dongmann. Das blieb er auch, als er während der Dreharbeiten des Films Ein Quantum Trost nach Bregenz eingeflogen wurde, um dort im Smoking mit einem Aston Martin langsam durch die Stadt zu fahren. Was er erst später erfuhr: Er sollte die Neugierigen vom Bodensee weglocken, wo der echte Craig gerade drehte. Und auch bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung mit Sharon Stone in Wien hatte Dongmann zwar keine Lizenz zum Töten, aber dennoch eine geheime Mission. Seine Auftraggeber wollten wissen, ob es ihm gelänge, sich durch die Sicherheitskontrolle bis auf die Bühne durchzumogeln. „Meine Fresse. Ich hab’s geschafft, fühlte mich aber neben Sharon Stone total unwohl und bin durch den Hinterausgang heimlich abgehauen“, gibt der Ruhrpott-Bond freimütig zu.
Genauso ehrlich und begeistert erledigt Abi Atici seine Doppelgänger-Jobs und schlüpft dabei in die Fußballtrikots von Diego Maradona. Dabei sieht er fast echter aus als der Echte. Zumindest knackiger und jünger als der 51-jährige Argentinier, der nicht nur mit seiner „Hand Gottes“ Schlagzeilen machte, sondern auch weil er so gerne kokste. Atici hat ihn während seines Entzuges in einer Suchtklinik auf Kuba besucht. Ein Foto zeigt die beiden auf dem Golfplatz, wobei Atici dem großen Idol vertraulich die Hand auf den dicken Bauch legt.
Schon ein paar Mal hat er „den Echten“ getroffen, der er so gerne wäre. „Ich bin froh, dass Gott mir diese Gabe gegeben hat“, schwärmt er und meint damit diese verblüffende Ähnlichkeit. Kein Tag vergehe, ohne dass ihn irgendeiner Diego rufe. Wie oft er schon verwechselt wurde? Atici winkt ab. Unzählige Male. Angeblich auch von Lothar Matthäus. Der wollte einen Tag vor seinem Abschiedsspiel im Mai 2000 den echten Maradona am Münchner Flughafen abholen. Doch dort kreuzte unerwartet Atici auf.
„Lothar hat mich umarmt und geküsst. Und mein Herz hat ganz laut gepocht“, erzählt der „Falsche“. Als der Spaß aufflog, habe Matthäus so getan, als wäre alles nur eine Inszenierung für die Medien gewesen. Mittlerweile hat Atici ein Buch mit dem Titel El Doble – Der Spiegel meines Gesichtes geschrieben und dafür auch Maradonas Eltern in Argentinien interviewt. Dort, sagt er, habe ein alter Mann mitten auf der Straße seine Hand geküsst und glücklich geflüstert: „Dies wollte ich noch erleben. Jetzt kann ich beruhigt sterben.“


Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.