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"Wir sind wie eine Familie“, sagt die Wirtin vom Bistro am „Roten Platz“. „Es ist wie ein Dorf mitten in der Stadt.“ Ein sympathisches Dorf, in der Tat, in der sich die Beschäftigten wohl fühlen können. Der Name „Roter Platz“? Er ist nicht politisch geprägt, sondern abgeleitet von den roten Backstein-Fassaden der Gebäude. Die Rede ist vom ehemaligen Philips-/TEKADE-Areal an der Allersberger Straße im Südosten Nürnbergs. Jahrzehntelang war auf dem Gelände gebaut worden, mehrgeschossige Produktionsgebäude, Lagerhallen und Büroeinheiten waren hier entstanden, bevor das Unternehmen Mitte 1996 den Betriebsstandort aufgab.
Technologie ist wieder heimisch geworden. Für Nürnbergs Wirtschaftsreferenten Roland Fleck verbinden sich mit dem Nürbanum denn auch zwei Gedanken: „Hier ist einerseits ein Stück Industriegeschichte der Stadt erhalten geblieben. Andererseits ist das Nürbanum eine Erfolgsgeschichte von gelungener Flächen-Konversion.“
Konversion, das steht für Umnutzung. Da ist heute die Firma Starlight für Sensorik und Lichtleitsysteme, eine andere für Systemtechnik, eine für Luft- und Wärmetechnik, wieder andere für IT, Messtechnik, Elektronik- und Hardwareentwicklung, Rehatechnik, Fertigungstechnik. Zu erwähnen ist die „Wasser-Werkstatt“ für levitiertes Wasser — mit einer physikalischen Methode wird dabei eine besondere Wasserqualität erzielt. Man stößt aber genauso auf die Änderungsschneiderei, auf den Käse-Langer, den Bäcker, den Zeitungsladen, die Apotheke. Der Blick vom Bistro am Roten Platz fällt auf das Blumengeschäft, den Friseur, das Hörgeräte- und das Brillenstudio — auf soliden Einzelhandel, einträchtig neben dem Discounter. Das alles so kompakt beieinander, das ist ein Alleinstellungs- und Unterscheidungsmerkmal zu anderen Business-Parks.
Von 170 Firmen mit rund 700 Mitarbeitern im Nürbanum spricht heute der Liegenschafts-Betreiber. Bis zu tausend Besucher kommen täglich hierher, um die Infrastruktur der Geschäfte zu nutzen. Viele kommen aus dem benachbarten Nibelungen-Wohnviertel. Aber auch von überall in der Stadt. Die diversen Facharzt-Praxen im Eingangsgebäude zum Areal, aber auch das Fitness-Center, das Ballett-Studio, das japanische oder das asiatische Restaurant sorgen dafür. Eine wichtige Einrichtung ist die ffw GmbH — Gesellschaft für Personal- und Organisationsentwicklung.
Fünf kleine Firmen versuchten zunächst hier ihr Glück, wie in dieser Zeitung im September 1997 berichtet wurde. Das Besondere an dem Projekt lag zu Beginn in der Zusammenarbeit verschiedenster Gruppen: Das Nürnberger Wirtschaftsreferat war ebenso beteiligt wie Philips, IG Metall, Fachhochschule und Universität, die Gesellschaft für Personalentwicklung und Qualifizierung (GPQ) und der Investor Hamm & Co., der das Grundstück mit den Werksgebäuden kaufte.
„Es soll nicht so sein wie bei anderen früheren Fabrikflächen, die als Go-Kart-Bahn oder Baumarkt genutzt werden“, hieß es damals bei der IG Metall. Wohl ein Glücksfall war das unternehmerische Interesse von Peter Hamm, das Projekt in Gang zu bringen. „Es muss aber auch gesagt werden, dass wir die Gebäude in einem technisch guten Zustand von Philips übernehmen konnten“, meinte Hamm damals.
Allein bis Ende November 1998 wurden rund 20 Mio. DM vom Vermieter und den Mietern auf dem 45000 Quadratmeter großen Areal investiert. Einzelne Gründer siedelten sich an — wie Oskar Schöll, der 18 Jahre bei Grundig gearbeitet hatte und nach der Schließung des iR3-Video-Werks in Langwasser hier einen Neustart wagte. Einige Interessenten sprangen wieder ab: Die IG Metall überlegte damals zeitweilig, ihre Verwaltungsstelle vom Gewerkschaftshaus in der Innenstadt hierher zu verlegen.
Eine Untersuchung über „Städte der Zukunft“ bescheinigte dem Nürbanum-Konzept die Übertragbarkeit: Als „positiver Ansatz der antizyklischen Gegenentwicklung angesichts immer größer werdender Nutzungseinheiten“.
