19°C
Donnerstag, 24.05. - 01:40 Uhr
Login
Info
Anmeldung
Diese Funktion steht nur registrierten Usern zur Verfügung.
Loggen Sie sich bitte hier ein oder registrieren Sie sich kostenlos!
Passwort vergessen
Info
Passwort vergessen
Wenn Sie Ihr Passwort vergessen haben können Sie hier ein neues Passwort anfordern. Geben Sie bitte hierzu Ihre E-Mail-Adresse ein!

E-Mail-Adresse
Druckversion

Boom-Land mit vielen armer Schluckern

Indien zählt zu den am dynamischsten wachsenden Volkswirtschaften — Am Gros der Menschen geht der Aufschwung aber vorbei - 19.02. 18:00 Uhr

BANGALORE  - Maharadschas, Bollywood-Filme und Traumstrände, boomende Volkswirtschaft, aber auch bittere Armut: Beim Stichwort Indien blitzen im Kopf viele Bilder auf. Die NürnbergMesse, die auf dem Subkontinent unter anderem mit der Öko-Schau BioFach India aktiv ist, hatte Journalisten eingeladen, sich selbst einen Eindruck zu verschaffen von einem Land voller Gegensätze.


Die „Mumbai Laundry“ gilt als die größte Wäscherei der Welt unter freiem Himmel. Die schweißtreibende Arbeit erledigen Angehörige der Dhobi-Kaste per Hand in großen Steintrögen. Viele Haushalte, aber auch Hotels sind Kunden.
Die „Mumbai Laundry“ gilt als die größte Wäscherei der Welt unter freiem Himmel. Die schweißtreibende Arbeit erledigen Angehörige der Dhobi-Kaste per Hand in großen Steintrögen. Viele Haushalte, aber auch Hotels sind Kunden.
Foto: Verena Litz
Die „Mumbai Laundry“ gilt als die größte Wäscherei der Welt unter freiem Himmel. Die schweißtreibende Arbeit erledigen Angehörige der Dhobi-Kaste per Hand in großen Steintrögen. Viele Haushalte, aber auch Hotels sind Kunden.
Die „Mumbai Laundry“ gilt als die größte Wäscherei der Welt unter freiem Himmel. Die schweißtreibende Arbeit erledigen Angehörige der Dhobi-Kaste per Hand in großen Steintrögen. Viele Haushalte, aber auch Hotels sind Kunden.
Foto: Verena Litz

Die Schilder am Straßenrand in Bangalore — mit fünf Millionen Einwohnern eine der größten Städte Indiens — erscheinen im Verkehrsgewühl wie blanker Hohn: „Verkehrsregeln beachten“ und „Fahrspuren einhalten“ steht da auf Englisch. Sie interessieren niemanden, und zwar nicht nur hier. Hat die Straße vier Spuren, werden grundsätzlich sechs aufgemacht. Der Abstand zwischen den Autos, Motorrädern, dreirädrigen Tuk-Tuks, Bussen und Lkw beträgt zu allen Seiten maximal 15 Zentimeter. Ständig wird gehupt, gewagte Überholmanöver bringen den chauffierten Nicht-Inder trotz laufender Klimaanlage ins Schwitzen.

Auf der Überholspur fährt auch das Land, die Wirtschaft des Subkontinents wächst seit Jahren kräftig. „Nach Kaufkraft ist Indien die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt und liegt noch vor Deutschland“, unterstreicht Bernhard Steinrücke, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer in Mumbai, dem früheren Bombay. Die Kaufkraft allerdings ist höchst unterschiedlich verteilt. Zwar gibt es neben Reichen und Superreichen eine wachsende Mittelschicht, Experten zufolge leben aber immer noch 750 Millionen der knapp 1,2 Milliarden Inder von weniger als zwei Dollar am Tag.

System der Unterdrückung

Viele von ihnen werden sich nie aus der Armut befreien können, das amerikanische Märchen „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ funktioniert in der indischen Realität nicht: Das Land ist von Hinduismus und Kastenwesen geprägt — und beides weist jedem Menschen einen festen Platz im Leben zu, wo er seine Pflicht zu erfüllen hat. Wer in schlechten Verhältnissen oder in einer niedrigen Kaste geboren ist, hat — aus unserer Sicht — Pech gehabt. Die Betroffenen nehmen dieses Schicksal in aller Regel hin, das ist Teil ihres Glaubens.

„Indien ist eine strikt hierarchische Gesellschaft“, sagt Asien-Expertin Hanne Seelmann-Holzmann, „die beruflichen Tätigkeiten sind auch heute noch von der Kastenzugehörigkeit bestimmt, obwohl die Verfassung die Diskriminierung von Kasten verbietet.“ Für sie ist der Hinduismus, dem 80 Prozent der Inder angehören, „ein perfektes System der Unterdrückung“.

Für ausländische Arbeitgeber birgt das Tücken. „Jemand aus einer niedrigen Kaste kann noch so schlau sein: Angehörige höherer Kasten werden nicht auf ihn hören“, erklärt Heinz W. Kuhlmann, der die NürnbergMesse bei ihren Aktivitäten im asiatischen Raum unterstützt. Die Firmen müssen also herausfinden, welcher Kaste ihre potenziellen Führungskräfte angehören — was gar nicht so einfach ist: Direkt danach zu fragen, gilt als äußerst unhöflich.

„Das Glas ist immer halbvoll“

Außenhandelskammer-Chef Steinrücke kann das in seiner Begeisterung für Indien nicht bremsen. Er betont die Chancen, die das Schwellenland Investoren bietet, und zählt die Vorteile auf: „Man spricht Englisch, es gibt ein verständliches Rechtssystem

Die Familie dieser Mädchen betreibt eine Bio-Farm nahe der IT-Hochburg Bangalore. Der Öko-Landbau in Indien steckt noch in den Kinderschuhen, wächst aber.
Die Familie dieser Mädchen betreibt eine Bio-Farm nahe der IT-Hochburg Bangalore. Der Öko-Landbau in Indien steckt noch in den Kinderschuhen, wächst aber.
Die Familie dieser Mädchen betreibt eine Bio-Farm nahe der IT-Hochburg Bangalore. Der Öko-Landbau in Indien steckt noch in den Kinderschuhen, wächst aber.
Die Familie dieser Mädchen betreibt eine Bio-Farm nahe der IT-Hochburg Bangalore. Der Öko-Landbau in Indien steckt noch in den Kinderschuhen, wächst aber.

und eine vergleichbare Mentalität: Der Inder ist wie der Deutsche harmoniebedürftig.“ Und dann schiebt er den seiner Meinung nach wichtigsten Grund für ein Engagement auf dem Subkontinent nach: „Die Stimmung ist gut, die Leute sind motiviert: Das Glas ist hier immer halbvoll.“

Das Problem der Korruption redet der Kammervertreter, der seit 17 Jahren in Indien lebt, klein: „Es geht ohne.“ Das sieht Kuhlmann etwas anders: „Ohne Schmiergeld läuft im Alltag fast nichts. Wenn Sie etwas schneller als normal — und normal ist in Indien langsam — haben wollen, müssen Sie dafür bezahlen.“ Gerade für Mittelständler ohne Beziehungen könne das Indiengeschäft sehr frustrierend sein. Sie sollten „viel Geld und Zeit mitbringen“, so Kuhlmanns Tipp. Die Prognosen zum kometenhaften Aufstieg des Subkontinents zur führenden Wirtschaftsnation, die etliche Ökonomen stellen, sieht er angesichts der Verhältnisse im Land skeptisch.

Platzhirsch Computerbranche

Auch Hanne Seelmann-Holzmann gießt Wasser in Steinrückes Indien-Wein: Lediglich zehn Prozent der Inder sprechen ihren Worten zufolge Englisch, gut 40 Prozent sind Analphabeten. Den wenigen Boom-Regionen wie Mumbai oder der IT-Hochburg Bangalore stehen bettelarme Bundesstaaten und Landstriche gegenüber.

Der Blick auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zeigt die Herausforderungen, vor denen Indien steht. Die Landwirtschaft hat zwar nur noch einen Anteil von knapp einem Fünftel. Aber gut zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung sind von diesem Sektor abhängig, erläutert Manoj Kumar Menon, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums für Öko-Landbau (Iccoa), das auch Partner der NürnbergMesse für die BioFach India ist.

Die Industrie mit den Schwerpunkten Fahrzeug- und Maschinenbau, Nahrungsmittel-, Textil- und Elektroindustrie trägt gut ein Viertel zum BIP bei. Etwas mehr als die Hälfte entfällt auf den Dienstleistungssektor. Platzhirsch ist die Computerbranche: Sie erwirtschaftet laut Seelmann-Holzmann mit rund 770.000 Beschäftigten gut 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Medizintechnik aus Franken

Derzeit sind in Indien über 1000 deutsche Firmen präsent, darunter Siemens, Bosch und der Software-Konzern SAP, der in Bangalore laut Steinrücke seinen größten Standort nach dem Stammsitz in Walldorf unterhält. Aus Mittelfranken haben nach Angaben der IHK derzeit 315 Firmen wirtschaftliche Kontakte in Indien, die Palette reicht hier von Vertretungen über Joint-Ventures bis hin zu Produktionsstätten.

„Deutschland hat in Indien einen hervorragenden Ruf“, schwärmt Steinrücke. Zum Beispiel „lieben die Inder Medizintechnik made in Germany“, wovon gerade auch Siemens in Erlangen profitiere. Freilich: Die Masse des Volkes wird mit dieser Hochtechnologie nie in Berührung kommen, sie kann sich solche Behandlungen nicht leisten. Viele Inder kämpfen ums nackte Überleben. Die Inflation bei Dingen des täglichen Bedarfs wie Lebensmitteln liegt im zweistelligen Bereich. Das ist auch eine Herausforderung für jede Regierung, weiß Steinrücke: „Wenn man den Preis für die Zwiebel nicht in den Griff kriegt, verliert man die Wahl.“

Die Nahrungsmittelversorgung ist seit langem Indiens großes Thema. „Die Landwirtschaft ist massiv abhängig vom Regen, vom Monsun — und das bei einer wachsenden Bevölkerung“, legt Gerald Herrmann von der Organic Services GmbH den Finger in die Wunde.

Doch selbst wenn die Ernte gut ist, erreicht vieles nicht den Verbraucher: Ein Drittel der Produkte geht auf dem Weg vom Feld zum Verkauf kaputt. Grund sind fehlende Transportmöglichkeiten, miserable sowie überlastete Straßen.

„Grüne Revolution“

Anfang der 1960er Jahre startete Indien die „Grüne Revolution“, wobei „grün“ für den Ausbau der konventionellen Landwirtschaft steht. Bis in die 90er Jahre hinein stieg die Produktion, doch mit ihr wuchsen auch die Probleme, wie die Versalzung der Böden. Zudem verschuldeten sich immer mehr Bauern hoffnungslos, um sich die benötigten Chemikalien wie Dünger und Pestizide leisten zu können. Vor zehn Jahren legte die Regierung ein nationales Programm auf, um den Öko-Landbau voranzutreiben. Heute werden 0,8 Prozent der Fläche so bewirtschaftet, 2012 sollen es 1,5 Prozent sein.

Bauer Kargappa und weitere Farmer seines Dorfes nahe Bangalore gehören zu denen, die sich dem Öko-Landbau verschrieben haben. Sie düngen organisch: Das Rezept — eine Mixtur aus Joghurt, Kuhdung und -urin, geklärter Butter, Milch und Wasser — erklären sie den Besuchern aus Deutschland gern.

Noch in den Kinderschuhen

Zwei Drittel der indischen Landwirte sind Klein- und Kleinstbauern mit maximal vier Hektar Land. Sie zu unterstützen und ihnen den Marktzugang zu erleichtern, hält Vanaja Ramprasad von der Öko-Landbau-Bewegung International Federation of Organic Agriculture Movements (Ifoam) für essenziell: „Die Farmer sind das Rückgrat für die Nahrungsmittelproduktion in Indien“, betonte sie auf der Messe BioFach India in Mumbai.

Wie sehr die Bio-Bewegung in Indien trotz aller Fortschritte noch in den Kinderschuhen steckt, zeigte nicht zuletzt die BioFach India im Dezember vergangenen Jahres. Gut 100 Aussteller hatten sich zur zweiten Auflage der Öko-Schau in der Wirtschaftsmetropole Mumbai angemeldet. Zur Muttermesse BioFach in Nürnberg kamen zuletzt über 2500. Doch Claus Rättich von der Geschäftsleitung der NürnbergMesse ist überzeugt, dass die Veranstaltung in Indien wachsen wird. Noch allerdings ist sie für die Franken ein Draufzahlgeschäft — Rättich spricht von einer „Investition“.

In den Augen von Mukesh Gupta hat sich die BioFach India freilich bereits bezahlt gemacht: „Sie leistet einen Beitrag, das Bio-Thema in Indien voranzubringen — und sie gibt den Bauern Hoffnung“, sagt der Präsident der Öko-Initiative Iccoa und strahlt. 





Aktueller Zeitungstitel Nürnberger Nachrichten
  • Nürnbergs Trafo-Werk gefährdet: Die IG Metall fürchtet, der Stellenabbau sei nur der Anfang
  • Den Felsen im Griff: In der Frankenalb findet zu Pfingsten Deutschlands größtes Kletterfestival statt
  • Wenig ruhmreich: Unter der NS-Herrschaft ließ sich der 1. FC Nürnberg instrumentalisieren

Amtliche Bekanntmachungen

Moneyspecial DAX

Moneyspecial regional

Immobilien suchen

Immobilien suchen

Immobilienangebote in Nürnberg, Fürth und Franken
Was suchen Sie?
z.B. 3 Zim Wohnung zur Miete
Wo suchen Sie?
z.B. 90402 Nürnberg, ER