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Manfred Spitzers Plädoyer für ein Umdenken in der Erziehung

07.02.08

Er ist kein Guru, denn nicht Glaube, sondern Wissen aus handfester Forschung beseelt ihn. Dennoch füllt Manfred Spitzer die Stadthallen zwischen Flensburg und Garmisch. Der Psychiatrieprofessor aus Ulm ist der prominenteste deutsche Botschafter der Gehirnforschung, wohl auch, weil er Kompliziertes in schlichte Worte fassen kann. Vor Beginn der Spielwarenmesse erklärte er, warum Spielen für Kinder immer Lernen ist und ihm der Begriff Lernspiele so missfällt.


Gefrager Experte und renommierter Botschafter der Gehirnforschung: Manfred Spitzer hat das sperrige Thema populär gemacht. Sein Team berät auch die Spiele-Industrie.
Gefrager Experte und renommierter Botschafter der Gehirnforschung: Manfred Spitzer hat das sperrige Thema populär gemacht. Sein Team berät auch die Spiele-Industrie.
Foto: Ravensburger

Die Fernsehkameras und den ganzen übrigen Rummel um seine Person ist der braungebrannte Mann gewöhnt. Trotzdem wirken seine Antworten nicht routiniert, sondern spontan bis leidenschaftlich und nebenbei amüsant. Zum Beispiel beim Thema Englischunterricht schon im Kindergarten. Das sollte auf überzeugende Weise und eher nebenbei geschehen, sonst urteilten die Kinder schnell: «Spaß macht’s keinen, und die Erzieherin kann’s auch nicht.» Ganz anders stellt sich die Situation dar, wenn die Kindergärtnerin Engländerin ist. «So funktioniert es.»

Falsch: Der Ernst des Lebens

Doch wenn der pure Ernst ins Spiel kommt, ist es aus mit dem Selbstläufer Lernen. Deshalb findet Spitzer die Botschaft auch völlig verkehrt, dass mit der Einschulung der Ernst des Lebens beginnen solle. Im Gegenteil, «die Freude ist der Turbo der Lernsysteme». Alle positiven Emotionen beschleunigen das Lernen. Negative dagegen, allen voran die Angst, hemmen die Kreativität.

Ein Beispiel: «Unglaublich viele Menschen haben Angst vor mathematischen Formeln, sie fallen in eine Art Totenstarre.» Werden sie an die Tafel gerufen, schaffen sie es vielleicht gerade noch, die Gleichung korrekt aufzuschreiben. Doch gilt es, auf einen Kniff zu kommen, blockiert sie die Angst. Erst der Spaß an der Sache gibt die Freiheit zum Tüfteln. Heißt das, Kinder sollten nur das lernen, was ihnen Spaß macht? Spitzer schaut spitzbübisch in die große Runde der Medienmenschen und stellt die Gegenfrage: «Wer von Ihnen ist Experte für Dinge, die er nicht mag?» Keiner meldet sich, alles lacht.

Bei den Stärken ansetzen

Da sehen wir es, meint der Ulmer und fordert eine Pädagogik, die bei den Stärken ansetzt. Doch in vielen Schulen laufe es umgekehrt. «Lehrer triezen die Schüler mit ihren Schwächen.» Das Ergebnis sei fatal. «Ob sie eine Sache können oder nicht können, am Ende machen die Kinder nichts davon», meint der ärztliche Direktor der Klinik für Psychiatrie. Ebenfalls an der Uni Ulm hat der 50-Jährige neben der Lehre noch einen Job: Er leitet das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen. Es forscht an der Übertragung von Erkenntnissen aus der Neurowissenschaft.

Das Team berät mit seiner Expertise aber auch die Industrie, zum Beispiel den Spielehersteller Ravensburger. Inzwischen sind aus der Serie «Spielend Neues lernen» 22 Spiele für Drei- bis Zehnjährige entstanden. Mal geht es um das Bauen eines wackeligen Turms, mal um ein Eierlaufen der anderen Art: Aus einem knallgelben Dschungel-Ei tönt ein gleichmäßiges Schnarchen, denn ein Vogel-Baby schlummert darin. Doch das Ei führt ein Eigenleben durch Bewegungen, die die Kinder nachmachen sollen. Aber: Das Ei darf nicht kippen, sonst wacht das Vögelchen auf. Trainingsziel: Das Körpergefühl stärken sowie Motorik und Koordination schulen.

Mit der Bewegung, sagt Spitzer, hat es etwas Besonderes auf sich: Allein wenn sie gedacht wird, werden größere Gehirnareale aktiviert. Die Koppelung von Lernen und Bewegung führe dazu, dass mehr im Kopf hängenbleibt.

Lernen mit Musik?

Und wie steht es mit Geräuschen? Sollten Schüler beim Lernen Musik hören? Eine Frage, die Spitzer häufig von besorgten Eltern hört. Und seine Antwort ist stets dieselbe: Das hat noch niemand untersucht. Aus dem Bauch heraus bezweifelt der Neurowissenschaftler, dass Musikberieselung überhaupt einen Effekt hat. Und wenn, dann bestimmt nicht so negativ wie der übermäßige Fernsehkonsum. Spitzer ist bekennender Kämpfer für PC- und TV-freie Kinderzimmer, «Säuglings-TV» findet er geradezu verantwortungslos. «Das ist erwiesenermaßen doppelt so schlecht wie das tägliche Vorlesen für Babys gut ist.» Bei dem fünffachen Vater daheim bleibt der Fernseher verbannt, seitdem ihn vor vielen Jahren das TV-Programm als beherrschendes Thema am Abendbrottisch nervte. Dass das - zumindest rückblickend - eine prima Idee war, habe ihm jetzt auch sein Jüngster (16) bescheinigt. 





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