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Quelle droht Pleite in der Pleite

Werbeagentur muss erfahren, was «Masseunzulänglichkeit» bedeuten kann - 31.10.2009

Beim insolventen Versandhändler Quelle hat am frühen Sonntagmorgen der Ausverkauf begonnen.

Beim insolventen Versandhändler Quelle hat am frühen Sonntagmorgen der Ausverkauf begonnen. © dpa


Voit ist Chefin der Werbeagentur Goldrausch in Nürnberg. Es ist keine leichte Zeit für so einen Kleinbetrieb, aber die agile Frau und mit ihr ein knappes Dutzend feste und freie Mitarbeiter haben ihr Auskommen. Vor allem auch wegen Quelle, denn Goldrausch arbeitete mit an den Katalogen des Versandhauses, speziell im Bereich Mode. Nicht ohne Stolz erzählt Voit, dass ihre Agentur auch am letzten Testkatalog der Quelle mitgearbeitet hat. «50 Seiten sind von uns, darunter die komplette Titelseite - und es war einer der schönsten Titelseite aller Quelle-Kataloge». 18 Tage haben allein die Fotoaufnahmen gedauert.

Zusicherung der Insolvenzverwalters

Dieser Kraftakt war keine Selbstverständlichkeit. Denn zu dem Zeitpunkt war die Quelle längst pleite - ein Wagnis, dann noch Geschäfte mit dem Versender zu machen. Zumal die Werbeagentur damals ohnehin schon Gläubiger war. Rechnungen über rund 20.000 € standen offen, als Quelle in die Insolvenz ging. Und Voit ist bewusst, dass sie von diesem Geld vermutlich nichts mehr sehen wird - je nachdem, wie viel Geld am Ende noch in der Kasse des Insolvenzverwalters Klaus Hubert Görg bleibt.

Warum aber hat die Agenturchefin dann trotzdem noch einmal - wie so viele andere Lieferanten und Dienstleister - Aufträge für die jetzt insolvente Quelle angenommen? «Erstens haben wir auf 50 Prozent Vorauszahlung bestanden», begründet Voit ihr Vertrauen. «Und zweitens haben wir die Zusicherung vom Insolvenzverwalter erhalten, dass unsere Leistungen bezahlt werden und unsere Forderungen vorrangig besichert sind.»

«Kritische Situation»

Die Geschäftsfrau hat den Zusicherungen von Görg vertraut. Doch dieses Vertrauen wurde gründlich erschüttert. Spätestens seit Donnerstag muss Voit fürchten, dass nach den 20.000 € trotz der Garantien jetzt auch noch die weiteren knapp 37.000 € weg sind, die sie für die Katalogarbeiten während der Insolvenz von Quelle zu bekommen hat.

An dem Tag erhielt sie einen Brief vom Insolvenzverwalter, der sie völlig aus der Fassung brachte: Die Quelle wird absehbar in «eine sehr kritische Liquiditätssituation geraten», heißt es da, und deswegen müsse man prüfen, ob nicht «eine drohende Masseunzulänglichkeit» vorliegt.

«Bananenrepublik»

Da war es also das Wort, das im Klartext für alle Lieferanten, die sich im Insolvenzverfahren auf der sicheren Seite wähnten, nichts anders bedeutet als: Weil die Quelle in der Pleite nicht mehr ausreichend Geld in der Kasse hat, werden leider eure Rechnungen nicht mehr bevorzugt bezahlt und ihr müsst euch hinten in der Schlange der über 70.000 Gläubiger einreihen, die vermutlich keinen Euro mehr von ihren Forderungen sehen werden.

Noch hat der Insolvenzverwalter diese «Masseunzulänglichkeit» nicht erklärt. Aber für die Goldrausch-Chefin ist allein die Aussicht darauf unfassbar: «Ich habe gedacht, in Deutschland ist alles geregelt. Aber langsam gewinne ich den Eindruck, ich erlebe die Anfänge des Wandels hin zu einer Bananenrepublik.»

Voit bekommt keine Antwort

Seit drei Wochen läuft Ulrike Voit nun ihrem Geld hinterher. Sie bekommt keine Antworten, dringt am Telefon kaum mehr zum Sachbearbeiter durch, hört stattdessen in der Warteschleife das Lied «What a beautiful day» (Welch ein schöner Tag). Für die Unternehmerin steht fest: Noch einmal wird sie nicht mehr Geschäfte mit einem Insolvenzbetrieb machen, auch wenn das Mitgefühl noch so groß ist.
  

Klaus Wonneberger

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