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Die Müllers sind überzeugt: Hätten die Ärzte im Krankenhaus besser achtgegeben, welche Medikamente sie ihrer Großmutter wann und in welcher Dosierung geben, wäre sie vielleicht noch am Leben. Zumindest, so glauben sie, wäre die damals 79-Jährige nicht über Monate immer mehr hinweggedämmert, wäre nicht abgemagert und am Ende an Nierenversagen gestorben.
Teils bis zu zwölf verschiedene Medikamente hatte die alte Dame, die nach einem Sturz eingeliefert worden war, morgens und abends bekommen, vom Blutdrucksenker bis zum Antidepressivum war alles dabei. Wechsel- und Nebenwirkungen hätten ihre Oma erst richtig krank gemacht, da ist sich die Familie, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sicher. Ihren Verdacht durch eine Obduktion bestätigen lassen wollte sie aber nicht. „Ungeschehen gemacht hätte es das auch nicht.“
Ob Frau Müller wirklich an dem Zusammenspiel verschiedener Medikamente gestorben ist, bleibt unklar. Doch Studien belegen: In Deutschland — wie übrigens auch in anderen Industrienationen — übersteigen solche Sterbefälle die Zahl der Verkehrstoten. Während auf den Straßen im Jahr 2010 über 3600 Personen ums Leben kamen, geht etwa Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein-Westfalen, von jährlich 25000 Todesfällen aus, die auf Unverträglichkeiten, Wechselwirkungen sowie Über- oder Unterdosierungen zurückzuführen sind.
An solchen Schätzungen will sich Prof. Jürgen Schüttler, Dekan der Medizinischen Fakultät Erlangen, nicht beteiligen. Allerdings: „Man muss annehmen, dass einige Hunderttausend Menschen pro Jahr Probleme mit Medikamenten haben.“ Der Anästhesist macht keinen Hehl daraus, was „Probleme“ im Einzelfall bedeuten können. Vom allergischen Hautausschlag bis im Extremfall hin zum Tod könne vieles geschehen.
Derartiges deutlich zu reduzieren, ist Ziel einer Projektgruppe des Vereins „Medical Valley“, der Schüttler vorsteht. Die Vision: Um besser abschätzen zu können, wie ein Medikamenten-Mix etwa im Körper eines 82-Jährigen wirkt, der nach einer Herz-OP auf der Intensivstation liegt, sollen zuvor Daten wie Geschlecht, Alter, Vitalparameter, Vorerkrankungen sowie Arzneimittelvorschläge durch den Arzt in ein Computerprogramm eingegeben werden. Dieses fungiert dann als eine Art Riesengehirn, das über alle Risiken, Wechsel- und Nebenwirkungen Bescheid weiß und Alarm schlägt, wenn ein Medikament zu riskant, eine Dosierung problematisch oder eine Wechselwirkung gefährlich sein könnte.
Freilich: Ein solches System kann nur mit dem gespeist werden, was die Wissenschaft bereits weiß. Warum also laufen Patienten auch in hochspezialisierten Kliniken noch immer Gefahr, durch Medikamente Schaden zu nehmen? Warum kann ein Patient sich nicht darauf verlassen, dass sein Arzt die Risiken auf ein Minimum reduziert? Schüttler antwortet ehrlich: „Weil Ärzte schlicht keine Maschinen sind.“ Natürlich wisse man um Gefahren, auch habe jeder Arzt die sogenannte Rote Liste und bemühe sich, die darin notierten Risiken zu beachten. Allerdings sind in dem Buch 30000 Arzneien gelistet, alle im Kopf zu haben, ist unmöglich. Und selbst wenn die Zeit vorhanden wäre, jedes Mal nachzuschlagen, treten die genannten Neben- und Wechselwirkungen nicht zwangsläufig auf — jeder Patient reagiert anders. Und so werden im Klinikalltag oder auch von Hausärzten eben oft Standarddosen verschrieben, sagt Schüttler.
Das jedoch birgt ein großes Risiko. Denn was als Standarddosierung empfohlen wird, ermitteln die Pharmakonzerne in der Regel aus Untersuchungen mit jüngeren Probanden. Wenn diese ein Medikament beispielsweise in 20 Stunden abbauen, kann ein älterer Mensch dafür ein Vielfaches der Zeit brauchen. Erhält besagter 82-Jähriger also über Tage, Wochen und Monate die gleiche Dosierung wie ein 40-Jähriger, hat er zwangsläufig irgendwann eine Überdosierung im Körper. Das kann — wie womöglich im Fall von Oma Müller — zum Beispiel zu extremer Benommenheit führen, Stürze können folgen, Organe Schaden nehmen.
Auch für den Erlanger Mediziner ist es daher höchste Zeit, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Neben der Sensibilisierung von Ärzten während und nach der Ausbildung, arbeitet das Projektteam unter anderem an oben beschriebenem Programm, das Ärzte auf potenzielle Gefahren aufmerksam macht und eine personalisierte Therapie ermöglichen soll. Zum Einsatz kommt es zunächst bei Intensiv- und Schmerzpatienten. Denn insbesondere Menschen, die eine Operation hinter sich haben oder krebskrank sind, brauchen viele Medikamente.
Hier sei wichtig zu prüfen, was unerlässlich ist und was man besser weglassen oder zumindest reduzieren soll, sagt Schüttler. Bewährt sich das System dort, soll es irgendwann jedem Klinikarzt oder auch niedergelassenen Medizinern zur Verfügung stehen. Selbst schwerstkranke Patienten zuhause könnten es nutzen. Wenn sie sich durch eine Sonde unter der Haut zum Beispiel mit Morphin schmerzfrei halten, könnte ein Minicomputer sie warnen, falls die Konzentration zu hoch und damit bedrohlich wird.
Der Projektleiter ist zuversichtlich, dass solche Systeme, die im OP Narkoseärzten bereits jetzt eine Hilfestellung sind, womöglich schon in den nächsten zehn Jahren flächendeckend eingesetzt werden. Bis dahin rät er Patienten, die das Gefühl haben, mit ihren Medikamenten nicht zurechtzukommen, ihren Arzt oder Apotheker darauf anzusprechen und gegebenenfalls auch eine zweite Meinung einzuholen. Familie Müller zumindest hat sich geschworen, das künftig zu tun.
