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Wäre es in den 80er-Jahren zu einer Eskalation im Kalten Krieg gekommen, es wären Schnuller aus dem Hause „Nürnberg Gummi“ mit seiner Traditionsmarke "nip" gewesen, an denen Kinder in den Atomschutzkellern der Republik gesaugt hätten. Das Aufeinanderprallen von West und Ost blieb der Welt erspart — für das Familienunternehmen, das sich 1932 in Franken angesiedelt hat, bedeutete der Auftrag der Regierung Kohl dennoch eine Zäsur. Die Bestellung von einer Million „Beruhigungs- und Ernährungssauger“ läutete bei dem Betrieb, der heute in Georgensgmünd sitzt, den Beginn des Silikonzeitalters ein. Denn das damals überwiegend gängige Latex kann zwar weniger leicht von spitzen Zähnchen zerbissen werden, unterliegt aber einem Alterungsprozess, wird braun, rissig und spröde. Silikon hingegen setzt der Zahn der Zeit kaum zu, es ist daher weit besser bunkergeeignet als der aus dem Milchsaft des Gummibaums erzeugte Latex.
Weltweit wird in den Kinderzimmern dennoch bis heute weiter an beiderlei Material gesaugt, das in Franken verarbeitet wurde. Auf 7500 Quadratmetern tunken bei Nürnberg Gummi selbst entworfene und -gebaute Maschinen Saugerformen in flüssiges Latex; das zähflüssige Silikon, das in 2000-Liter-Fässern geliefert wird, verwandelt sich im Spritzgussverfahren in Schnuller. Jene, denen beim Wort Silikon angesichts des jüngsten Brustimplantatskandals bang wird, kann die Urenkelin des Firmengründers beruhigen. Wie Latex gehöre Silikon in Deutschland zu den bestkontrolliertesten Materialien, besonders im Babybereich gelten strenge Auflagen, sagt Carla Brunner. Zudem stellt die Belegschaft teils selbst das Testpersonal, sagt die Miteigentümerin mit Verweis auf die zahlreichen Betriebsbabys, die in den Firmenkatalogen zahnlos lächeln und an neuen Produkten probenuckeln.
Jährlich produziert das Unternehmen 30 Millionen Schnuller, außerdem Trinksauger, Fläschchen und Beißringe. Rund ein Viertel der Saugerproduktion gelangt unter dem Markennamen „nip“ in die Geschäfte, den Rest stellen die Georgensgmünder für andere Firmen her. 12,6 Mio. € setzte das Unternehmen 2011 um, exportiert wird in 25 Länder.
Über ein solches Wachstum freut sich Brunner vor allem angesichts der Anfänge, aus denen das Familienunternehmen gewachsen ist. Eigentlich reichen sie 100 Jahre zurück. Urgroßvater Otto Hartmann gründete 1912 mit einem Freund die Firma Hatu Gummiwerke in Erfurt, die sich auf die Produktion von Latex-Saugern für Puppen spezialisiert hatte. Um näher an der Spielwarenbranche zu sein, siedelte das Unternehmen 1932 nach Nürnberg über. Unter Führung von Sohn Günter ändert das Unternehmen seinen Namen in „Nürnberg Gummi“, ab hier beginnen die folgenden Generationen offiziell mit der Zeitrechnung. 1972 erwarb das Unternehmen die Traditionsmarke nip von der Kölnischen Gummifäden Fabrik, ab 1980 übernahmen Tochter Regina und deren Mann Knut die Geschäfte. „Zehn Hilfsarbeiter und ich“, so beschreibt Knut Vogl, der das Unternehmen bis vor wenigen Jahren leitete, seine Anfangszeit. Umso schöner sei, dass der Betrieb heute zwei seiner Kinder in vierter Generation gehört, er Millionenumsätze schreibt und 140 Mitarbeiter ernährt.
Besonders stolz ist Geschäftsführer Wolfgang Opitz darauf, dass zum Beispiel die Schnuller und die Trinkflaschen von der Dichtscheibe bis zum Knopfring vollständig aus eigener Produktion stammen. Eine Verlegung etwa nach Asien oder vermehrter Zukauf kommen für ihn nicht infrage. „Beim Baby wollen die Menschen ganz sichergehen, und die Herkunftsbezeichnung ,Made in Germany‘ ist weltweit ein Verkaufsargument.“
In deutschen Läden, wo in punkto Sicherheit genormter Standard hängt, entscheide sich der Kampf um die Kunden heute vor allem über die Optik, ergänzt Carla Brunner. Steht Mama eher auf ein Dolce&Gabbana-Emblem im Mund ihres Kleinen, wird sie im Sortiment ebenso fündig wie ein Vater, der Sprüche wie „Mini-Matcho“ oder „Pupsmaschine“ bevorzugt.
Die Firmenchefin mag diesen kreativen Wettstreit und freut sich über jedes Baby, dass sie im Kinderwagen oder beim Einkaufen über der Schulter seiner Mutter an einem Schnuller aus Georgensgmünd nuckeln sieht. Außerdem, da ist sie sich sicher, hat sich ihre Familie für ein krisenfestes Metier entschieden. Denn zum Glück brauche es heute für gute Geschäfte keine atomare Bedrohung mehr. Vielmehr sei der Nachwuchs das Letzte, woran ihre Käufer sparen. Und das werde sich gewiss nicht ändern.
