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Sensoren als Stütze im Alter

Hightech in Wohnung und am Körper soll Schritt ins Heim verzögern - 26.12. 11:58 Uhr

NÜRNBERG  - Ein dementer Angehöriger, der sich in der Stadt verirrt, ein Zuckerkranker, der seinen Wert nicht im Blick behält und kollabiert, eine ältere Dame, die vergisst, den Herd auszuschalten — es gibt viele Gründe, die Alte und Kranke zwingen, teils vorzeitig die eigenen vier Wände zu verlassen. Intelligente Sensoren könnten dem bald entgegenwirken.

Wenn es eigentlich noch alleine geht, die Unsicherheit aber zunimmt, wählen viele ältere Leute den Weg ins Heim. Eine Projektgruppe arbeitet nun an Hilfestellungen für Zuhause.
Wenn es eigentlich noch alleine geht, die Unsicherheit aber zunimmt, wählen viele ältere Leute den Weg ins Heim. Eine Projektgruppe arbeitet nun an Hilfestellungen für Zuhause.
Foto: dpa
Wenn es eigentlich noch alleine geht, die Unsicherheit aber zunimmt, wählen viele ältere Leute den Weg ins Heim. Eine Projektgruppe arbeitet nun an Hilfestellungen für Zuhause.
Wenn es eigentlich noch alleine geht, die Unsicherheit aber zunimmt, wählen viele ältere Leute den Weg ins Heim. Eine Projektgruppe arbeitet nun an Hilfestellungen für Zuhause.
Foto: dpa

Das Aufstehen in der Nacht wird immer mühsamer. Wer Glück hat, kann seinen Partner wecken, der einem auf dem Weg zur Toilette hilft. Wer aber allein ist, dem machen verschlissene Bandscheiben, Arthrose, Osteoporose & Co. mitunter schon das Anziehen der Pantoffeln schwer. Und was ist, wenn plötzlich der Kreislauf wegsackt? Oder man zwar noch zu zweit ist, sich der eine aber etwa die Betreuung des dementen Gatten nicht mehr zutraut? Bleibt dann nur das Pflegeheim?

Hilfe oder Überwachung?

An einer Alternative arbeitet die interdisziplinäre Projektgruppe „Barrierefreie Gesundheitsassistenz“, die Teil des Spitzenclusters „Medical Valley“ ist. Sie besteht unter anderem aus der Diakonie Neuendettelsau, der Fraunhofer IIS und der Erlanger Heitec AG. Spätestens bis zum Jahr 2020 sollen Betroffene oder deren Angehörige von der Zusammenarbeit profitieren können. Eine Musterwohnung im Nürnberger Wohnstift Hallerwiese der Diakonie Neuendettelsau zeigt bereits jetzt die Vision der Forscher.



Auf den ersten Blick erscheint die Wohnung normal. Doch ist sie darauf ausgerichtet, dank versteckter Sensoren maximale Hilfestellung zu bieten — und im Notfall Alarm zu schlagen. Nicht nur kann zum Beispiel das Bett den Bewohner per Knopfdruck erst in eine sitzende und nach einer 45-Grad- Drehung in stehende Position bringen. Der Clou ist, dass ein Sensor darin eingebaut ist, der nach dem Hochfahren ein Signal sendet. Als Folge leuchten LEDs im Türrahmen auf und weisen den Weg. Sollte der Bewohner nach 20 Minuten nicht zurück sein, sendet der Sensor ein Signal an eine zentrale Schaltstelle. Der Mitarbeiter dort kann dann gegebenenfalls zum Telefon greifen und überprüfen, ob der Bewohner nur fernsieht oder gestürzt ist und Hilfe braucht.

Doch die Sensoren können noch mehr. Sie registrieren, wenn eine Herdplatte nicht ausgeschaltet worden ist, erfassen im Teppich, wenn ein Mensch fällt. Etwa in einen Gürtel eingefasst können sie bei der Ortung eines Demenzpatienten helfen, der an seinen Angehörigen vorbei nach draußen geschlüpft ist und die Orientierung verloren hat. Entwickelt wird von der Heitec AG zum Beispiel auch ein Sensor, der, an Uhr oder Ring getragen, den Blutzucker misst und Alarm gibt, wenn er fällt. Auch Herz- und Atemfrequenz können so überprüft werden.

Die Projektgruppe beschäftigt sich jedoch nicht nur mit der Entwicklung beziehungsweise Perfektionierung solcher Sensoren. Vor allem geht es darum, sie untereinander zu vernetzen, zentral zu steuern und möglichst individuelle Hilfestellungen anzubieten.

Dass viele Menschen ein solches Konzept eher als Überwachung begreifen, ist dem Team klar. Daher ist ein wichtiger Teil des Projekts die ethische Begleitforschung. Gut 100 Heimbewohner, Pflegende und Menschen, die sich vorstellen, irgendwann womöglich nicht mehr alleine zurechtzukommen, diskutieren regelmäßig darüber, welche Entwicklungen hilfreich sind und welche in ihren Augen zu sehr in die Privatsphäre eingreifen.

Dass jedoch die Selbstständigkeit maximal erhalten und pflegende Angehörige und Personal in Heimen und Kliniken entlastet werden muss, steht für die Forscher außer Frage. „Die Babyboomgeneration geht in Rente und in der Pflege wird uns bald massiv Personal fehlen“, sagt Projektleiter Jürgen Zerth vom Forschungsinstitut der Diakonie Neuendettelsau. Beide Faktoren stellten neue Herausforderungen an Pflegekonzepte. Hinzu komme der Wunsch der Menschen, solange wie möglich mobil zu bleiben. Sei es zu Hause oder im betreuten Wohnen. Fernbetreuung ist für ihn der Schlüssel dazu.

Um diese Ziele zu erreichen, dürfen solche Hilfestellungen nicht das Privileg gut Betuchter und ihrer Angehörigen sein. „Wir wollen, dass das zur Regelversorgung wird“, sagt Zerth. Er kann sich vorstellen, dass solche vernetzten Lösungen auch für Krankenkassen interessant sind. Schließlich können vernetzte Versorgungsmodelle eine effizientere Versorgung befördern, wenn die Menschen länger zu Hause leben. Ihre Gesundheit bleibt im Optimalfall länger erhalten, weil Sensoren an Medikamente erinnern und zum Beispiel ein im Wohnzimmer aufgestellter Apparat allmorgendlich die Vitalparameter misst, gegebenenfalls dem Arzt übermittelt oder schlicht zu bestimmten Übungen anspornt.

Die Gretchenfrage wird sein, so Zerth, wer ein solches Gesamtsystem betreiben könnte. Die Krankenkassen? Private Unternehmen? Das sei bisher nicht geklärt. Allerdings müsse das auch noch nicht jetzt entschieden werden, vorerst gelte es, technische Probleme zu beseitigen.

Angst vor Roboterbetreuung

Zum Beispiel müssen Akkus entwickelt werden, die keine kiloschweren Ungetüme sind, aber trotzdem so lange halten, dass ihnen im Notfall nicht der Strom ausgeht und etwa der Sensor es versäumt, den Träger an seine Insulinspritze zu erinnern. Genauso wichtig sei jedoch die Aufklärungsarbeit, sagt Zerth. „Pflege und Technik sind kein Gegensatz, niemand muss Angst haben, dass das der erste Schritt zur Roboterbetreuung ist.“ Im Gegenteil: Im Idealfall soll durch die Hilfestellung, die Angehörigen, aber auch Pflegenden, zuteil wird, mehr Zeit fürs Zwischenmenschliche bleiben. 



VON NICOLE NETTER

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