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Textilherstellers Traum, Datenschützers Graus

Modebranche setzt auf Funkchips in Kleidung — Verbraucherschützer fürchten gläsernen Kunden - 26.01. 13:00 Uhr

So mancher Kunde kommt ins Grübeln, wenn er neben Pflegehinweisen und Waschanleitungen auf Bekleidungsetiketten noch eine andere Aufschrift entdeckt: „RFID inside“. Mittlerweile setzt auch die Modebranche auf die Funkchips. Für Datenschützer ein Fluch, für Unternehmen mehr als nur Diebstahlsicherung.

Mit solchen Lesegeräten lassen sich die auf den RFID-Chips gespeicherten Daten auslesen. Textilherstellern- und händlern hilft das unter anderem bei der Inventur. Datenschützer fürchten allerdings, dass die Informationen auch für maßgeschneiderte Werbung genutzt werden könnte.
Mit solchen Lesegeräten lassen sich die auf den RFID-Chips gespeicherten Daten auslesen. Textilherstellern- und händlern hilft das unter anderem bei der Inventur. Datenschützer fürchten allerdings, dass die Informationen auch für maßgeschneiderte Werbung genutzt werden könnte.
Foto: Gerry Weber
Mit solchen Lesegeräten lassen sich die auf den RFID-Chips gespeicherten Daten auslesen. Textilherstellern- und händlern hilft das unter anderem bei der Inventur. Datenschützer fürchten allerdings, dass die Informationen auch für maßgeschneiderte Werbung genutzt werden könnte.
Mit solchen Lesegeräten lassen sich die auf den RFID-Chips gespeicherten Daten auslesen. Textilherstellern- und händlern hilft das unter anderem bei der Inventur. Datenschützer fürchten allerdings, dass die Informationen auch für maßgeschneiderte Werbung genutzt werden könnte.
Foto: Gerry Weber

Es war 2002, als Regisseur Steven Spielberg in „Minority Report“ einen Blick in die Zukunft warf: Passanten, wie Hauptdarsteller Tom Cruise, die an Reklameflächen vorbeihasteten, wurde Werbung zugespielt — passgenau und individuell. Identifiziert wurden die potenziellen Kunden mitsamt ihren Shopping-Geflogenheiten und anderen Vorlieben durch eine raffinierte Erkennung der Augäpfel.

Eine Technologie, Waren und Produkte zu identifizieren, gibt es längst. Sie heißt RFID: Radiofrequenz-Identifikation. Kleinste Funktransponder, unter Fachleuten als „Tags“ bezeichnet, befinden sich dabei bereits in Reisepässen, dienen der Fahrzeugidentifizierung, der Zutrittskontrolle und der Verfolgung von Warenströmen.



Mittlerweile setzt auch die Modeindustrie auf die Technik. „Auf dem Funkchip sind die Europäische Artikel-Nummer und die Seriennummer gespeichert“, erklärt Christian von Grone, Leiter IT und Organisation des Modeherstellers Gerry Weber — also praktisch der Fingerabdruck des Produkts. Der Chip diene nicht allein nur der Warensicherung, sondern habe auch einen anderen Vorteil: „Wo wir früher ein ganzes Wochenende benötigt haben, mit dem alten Strichcode-System die Waren zu erfassen, können wir mit RFID-Lesegeräten einen kompletten Gerry-Weber-Laden innerhalb von einer Viertelstunde inventarisieren“, sagt von Grone.

Gezielte Werbung?

„Die gewonnene Zeit investieren wir in eine höhere Datenverfügbarkeit.“ Was nichts anderes bedeutet, als in der Logistikkette zum Beispiel zu vermeiden, zu viele Teile an die Händler herauszuschicken oder sicherzustellen, dass jede Konfektionsgröße vorrätig ist. „Wir gehen von einem Umsatzplus von zwei bis drei Prozent aus, wenn die gewünschte Größe verfügbar ist.“

Seit 2006 beschäftigt sich das Unternehmen mit RFID und ist damit einer der Pioniere in der deutschen Modebranche. Seit Januar 2011 kennzeichnet der Hersteller seine jährlich 26 Millionen produzierten Kleidungsstücke jeweils mit einem RFID-Tag.

Gezielte und individuell zugeschnittene Werbung: Wovon Hersteller und Händler vielleicht träumen mögen, ist für Datenschützer wie Padeluun — er tritt nur unter diesem Künstlernamen auf — ein Alptraum. Der Vorstand des Datenschutz-Vereins Foebud sagt: „Mir ist nicht Angst vor Kriminalität, sondern mich interessieren die Leute, die legal damit umgehen.“

Das Zukunftsszenario könne so aussehen: Ein Mann flaniert durch die Breite Gasse, schaut in einen Uhrenladen und verweilt als Nächstes in einem Geschäft für Lederwaren. Und im Hintergrund sind eifrig Datensammler am Werk, ziehen ihre Schlüsse und offerieren schließlich persönliche Werbebotschaften. „Minority Report“ lässt grüßen. „Diese können so ausgefeilt sein, dass man sie eher Manipulation als Werbung nennen sollte“, befürchtet Padeluun.

In Nürnberg nutzen noch nur wenige Händler oder ansässige Hersteller von Markenkleidung die neue Technologie. Wenn, dann wird darüber oft nicht gern geredet. Mutiger das Modehaus Käferlein: „RFID ist nicht mehr zu stoppen“, sagt Inhaber Gerald Käferlein. „Für uns wird das aber nicht umsetzbar sein, weil unsere zahlreichen Lieferanten meist junge Marken sind und sich eine RFID-Etikettierung nicht leisten können.“ Außerdem wolle man sich nicht auf Lebenszeit mit bestimmten Herstellern „verheiraten“.

Für Käferlein ist RFID trotzdem „ein heißes Thema“. „Das erinnert an George Orwells 1984, viele Kundinnen empfinden sich dann vielleicht als gläserne Person.“ Mit dieser Ansicht dürfte der Nürnberger bei Datenschützer Padeluun offene Türen einrennen.

Mit einem eigenen Lesegerät wies er kürzlich vor einem Gerry-Weber-Geschäft nach, dass die RFID-„Schnüffelchips“ auf den Kleidungsetiketten auch noch in bis zu zwölf Metern Entfernung ausgelesen werden können. So ließen sich nicht nur Bewegungsprofile erstellen. „Eine Verknüpfung mit personenbezogenen Kundenkarten- und Handydaten wäre eine große Gefahr“, sagt Padeluun.

„Das will ich persönlich auch nicht“, versichert hingegen Gerry- Weber-Manager Christian von Grone. „Wir sind extrem datensparsam und speichern die Daten von Kundenkarten und RFID-Chips getrennt.“ Außerdem arbeite das Unternehmen daran, das europäische Datenschutzsiegel „EuroPriSe“ zu erhalten. Im Zeitalter von Schnäppchen-Shopping und der Jagd nach Rabattvorteilen meint von Grone allerdings auch: „Wer mit Kundenkarte bezahlt, sollte als Letzter die Augenbrauen hochziehen.“

Wer RFID bei Textilien aus dem Weg gehen möchte, dem bleibt nur eines: Sich an der Kasse den Tag heraustrennen lassen.
  



ILONA HÖRATH

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