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Der Geschäftserfolg kommt mit dem Essen

Nürnberg und Shenzhen, Franken und China - 17.04.2012 10:50 Uhr

Nürnberg  - China. Das scheint weit und liegt ganz nah. Das ist sehr fremd, wird aber immer vertrauter. Und bleibt uns doch exotisch. Immer mehr Franken reisen nach China, arbeiten in China, leben in China, machen in China Geschäfte. Und immer mehr Chinesen reisen nach Franken, studieren in Franken, machen in Franken Geschäfte.

Die chinesische Küche ist äußerst vielfältig, und ein gutes Essen gilt in China als höchster Ausdruck der Kultur.
Die chinesische Küche ist äußerst vielfältig, und ein gutes Essen gilt in China als höchster Ausdruck der Kultur.
Foto: dapd
Die chinesische Küche ist äußerst vielfältig, und ein gutes Essen gilt in China als höchster Ausdruck der Kultur.
Die chinesische Küche ist äußerst vielfältig, und ein gutes Essen gilt in China als höchster Ausdruck der Kultur.
Foto: dapd

Das macht miteinander bekannt. Trotzdem kennen die meisten Franken höchstens chinesisches Essen. Frühlingsrolle, Chop Suey, Schweinefleisch süßsauer. Was sie eben für chinesisches Essen halten. Sie wissen nicht, dass Essen für Chinesen der höchste Ausdruck von Kultur ist. Höchstens, sie waren schon einmal in Shenzhen. Das wäre leicht möglich, denn Shenzhen ist die chinesische Partnerstadt von Nürnberg.

Norbert Schürgers, der Leiter des Nürnberger Amts für Internationale Beziehungen, erzählt, wie es dazu kam: „Die Stadt Nürnberg hat Anfang der 90er Jahre auf starkes Drängen der Industrie- und Handelskammer beschlossen, Beziehungen zu China aufzunehmen. Man hat sich sehr schnell geeinigt auf eine Retortenstadt namens Shenzhen, die fast bis heute auf keiner Landkarte zu finden ist, obwohl sie mittlerweile über 14 Millionen Einwohner zählt. Sie liegt in der unmittelbaren Nähe zu Hongkong. Ich gebe ganz frank und frei zu, dass es Leute von Siemens waren, die auf uns zukamen und sagten: Wir möchten unbedingt den Auftrag für den Neubau einer U-Bahn in Shenzhen bekommen.“

Pekinger Opern-Abenteuer


Es waren also zuerst Wirtschaftsinteressen, die zur Partnerschaft zwischen Nürnberg und China führten. Inzwischen hat sich daraus ein reger Kulturaustausch entwickelt. Norbert Schürgers: „Wir haben große Kunstausstellungen nach Shenzhen geschickt wie umgekehrt welche hergeholt. Am Hauptmarkt hat es ein

großes Fest mit Sängern und Tänzern aus Shenzhen gegeben. Und wir haben ganze Orchester ausgetauscht; Sogar die Oper ist mit 150 Leuten nach Shenzhen gereist und hat dort ‚Orpheus und Eurydike‘ aufgeführt.“

Das Nürnberger Musiktheater ist nicht nur in Shenzhen aufgetreten. 2005 hat es in Peking mit dem ganzen „Ring“ von Richard Wagner gastiert. In 13 großen Containern ist damals das Bühnenbild verschifft worden. Die Nürnberger Theater-Techniker bewegten sich auf ungewohntem Terrain und mussten mit Kollegen zusammenarbeiten, deren Sprache sie nicht verstanden. Es war ein regelrechtes Abenteuer, wie sich Bühnenmeister Erich Berger-Thissen erinnert:

„Ein Problem in diesem Theater in Peking war, dass die Schlüsselgewalt über die verschiedenen Türen, in die Unterbühne zum Beispiel oder über die Hinterbühne nach außen, bei der Chefin der Putzkolonne lag. Sie musste jedes Mal herbeibeordert werden, um uns die Türen aufzusperren. Wir haben sie öfter mal überlistet, was sie tödlich beleidigt hat. Beim Austricksen haben uns die chinesischen Kollegen geholfen. Mit denen haben wir uns mit Händen und Füßen verständigt, denn die Fachbegriffe hat auch die Dolmetscherin nicht übersetzen können. Wir haben trotzdem das eine oder andere Bier miteinander getrunken und am Ende eine große Sammlung veranstaltet, um

diesen Leuten etwas zukommen zu

lassen. Das wollten sie selbstverständlich erst einmal überhaupt nicht annehmen. Wir mussten über die Dolmetscherin erklären, dass wir es als Ehre empfanden, dass sie uns geholfen haben. Dann waren sie einverstanden.“

Die Macht der Rituale

Der Unterschied der Kulturen und Mentalitäten ist groß. An viele Verhaltensweisen der Franken – etwa ihrer schroffe Direktheit – müssen sich chinesische Gäste bei einem Aufenthalt in Nürnberg gewöhnen. Umgekehrt sollten gerade Wirtschaftsvertreter bei Geschäftsverhandlungen in China die dort geltenden Rituale beachten, sonst kommen sie nicht zu Abschlüssen. Dirk von Vopelius, der Präsident der Industrie- und Handelskammer Mittelfranken, hat auf vielen Dienstreisen Erfahrungen gesammelt:

„Wirtschaft wird nicht von Maschinen gemacht, sondern von Menschen, und Menschen kommen einander auf allen Bereichen der Kultur näher. Kultur ist letztlich nichts anderes als Gesamtheit der Lebensumstände. Wenn man gemeinsam singt und isst und trinkt und schöne Erlebnisse hat, dann fällt es leichter, den einen oder anderen Konflikt zu bewältigen. Darum halten wir Kultur für einen wichtigen Standortfaktor, halten Kultur aber auch für einen wichtigen Faktor des Zusammenlebens. Und wenn Menschen, die kulturell getrennt sind wie die Europäer und die Chinesen, einander näher kommen wollen und Geschäfte zusammen machen wollen, Vertrauen aufbauen wollen, dann glaube ich, ist Kultur ein wesentlicher Hebel, um Vertrauen aufzubauen und um das Miteinander zu stärken.“

In China trägt vor allem die Kunst der Küche dazu bei, die kulturellen Differenzen zu überbrücken. Von Vopelius berichtet: „Kürzlich waren wir mit einer Delegation in Tsingtao. Da habe ich bei einer Tischrede gesagt: Liebe geht durch den Magen. Und dann leuchtete ein Strahlen in den Augen aller chinesischen Freunde auf, die am Tisch saßen. Das vereint uns halt. Ich persönlich bin ein großer Freund der chinesischen Küche, die unglaublich vielfältig ist. Aber die Chinesen sind genauso neugierig auf die fränkische Küche, wenn sie zu uns kommen. Man kann sie mit kaum etwas schockieren – auch wenn ein Schäuferle eine Herausforderung darstellt, wenn man gewohnt ist, mit Stäbchen zu essen.“

Chinesische Christen-Gemeinde Nürnberg

Bei Kulturaustausch zwischen Franken und Chinesen ist vieles eine Frage der Übersetzung. Man muss die Essgewohnheiten eben übersetzen. Aber zu Übersetzungen kommt es auch im religiösen Bereich. Die Chinesen sind eigentlich Buddhisten oder Konfuzianer. Sie vertrauen auf Lao-tse und glauben der Wahrsagekunst. Durch die lange Herrschaft der Kommunisten in der Volksrepublik ist der Atheismus weit verbreitet. Aber wenn sie nach Franken kommen, werden viele Chinesen Christen.

Zum Beispiel Hongyan Wang. Sie ist in Nordchina geboren, hat in Bonn Jura studiert. Dann hat sie sich in einen Deutschen verliebt und ihn geheiratet. Jetzt lebt sie in Erlangen. Doch am Sonntagnachmittag fährt sie nach Nürnberg in die Gugelstraße. Dort trifft sich die Chinesische Christliche Gemeinde zum Gottesdienst. Die Gemeinde gehört einer evangelischen Freikirche an, die gewöhnungsbedürftige Lehren vertritt. Doch Hongyan Wang ist davon überzeugt, im Christentum einen lebendigen Gott gefunden zu haben, während der Konfuzianismus oder Buddhismus für sie nur Weisheitslehren darstellen.

Die Chinesische Christliche Gemeinde Nürnberg existiert seit mehr als zehn Jahren. In ihr versammeln sich über 100 Leute – meist aus China, die bei Siemens, Areva oder Adidas arbeiten. Einige sind Studenten. Einige kommen sogar aus Würzburg oder Eichstätt. Und nach der religiösen Feier geht es auch hier kulinarisch weiter. Man kocht zuhause, bringt die Gerichte mit und speist zusammen. „Ich denke, das ist charakteristisch für die Chinesen“, sagt Hongyan Wang. „ Alle Gemeinden auf der ganzen Welt machen das so. Wir essen alles – Fleisch, Gemüse, Nudeln. Nur keinen Hund.“

Tradition der Kräuter-Medizin

Also wirkt die christlich abendländische Kultur missionarisch auf das chinesische Bewusstsein. Andererseits macht sich chinesische Spiritualität seit langem hierzulande breit. Der Kampfsport Tai Qi oder bei die Meditationsübungen Qi Gong haben viele Anhänger. Überall werden Übungskurse in Disziplinen angeboten, die das Qi (sprich: Tschi) im Namen tragen, die unsichtbare Kraft, die das chinesische Denken beherrscht. Auch in der Traditionellen Chinesischen Medizin spielt das Qi eine Rolle. Sie wird immer stärker nachgefragt, und in Nürnberg gibt es zahlreiche Angebote. Hier sei aber ein Ausflug in die benachbarte Universitätsstadt unternommen, wo Dr. med. Oliver Gerlach sie im Erlanger Zentrum für Traditionelle Medizin praktiziert.

Gerlach ist Schulmediziner, doch er glaubt, dass die Schulmedizin des Abendlands eine Ergänzung aus dem Fernen Osten verträgt: „Die Chinesen haben ein ganz anderes medizinisches Theoriegebilde als wir. Die Pathologie, die Lehre von Krankheitsentstehung, die Physiologie, die Lehre von der Zusammenarbeit der Organe untereinander, ist völlig verschieden. Während wir im Westen eher kausalanalytisch – also aus a folgt b folgt c – denken, haben die Chinesen den so genannten induktiv synthetischen Ansatz. Die chinesische Medizin hat sich weniger vom Großen ins Kleine gedacht wie von der Organstruktur zur Zelle, sondern die Chinesen denken eher an funktionelle Zusammenhänge: Wie beeinflusst das eine das andere?“

Gibt es Fehleinflüsse, die zu Krankheitssymptomen führen, so versucht die chinesische Medizin mit Techniken wie Akupunktur oder der Verabreichung von Kräutertees zu helfen. Dr. Gerlach: „Bei Erschöpfungszuständen ist die bekannte Ginsengpflanze sehr geeignet. Es gibt auch tierische Bestandteile, zum Beispiel arbeitet man mit Regenwürmern oder mit Zikadenpanzern – Zikadenpanzer sind vor allem bei Hauterkrankungen beliebt. Oder es gibt bei Angsterkrankungen auch Perlmuttschichten aus Muscheln, die man herauslöst, weil sie mineralische Bestandteile enthalten, die man dann in Teemischungen herauskocht.“

Konfuzius und Goethe

Das klingt sehr exotisch. Hier ist wieder kulturelle Übersetzungsleistung gefordert. Darum bemühen sich seit einiger Zeit weltweit die Konfuzius-Institute der Volksrepublik China. Sie sind ungefähr das, was die Goethe-Institute für die Bundesrepublik Deutschland sind. Das Konfuzius-Institut Erlangen/Nürnberg wurde im Jahr 2006 gegründet und wird geleitet von Dr. Yan Xu Lackner, einer chinesischen Germanistin, die mit einem Erlanger Sinologen verheiratet ist. Sie erklärt, wie das Institut aufgebaut ist:

„Es hat eine Reihe von Gründungsmitgliedern: die drei Städte Nürnberg, Erlangen, Fürth, Siemens kommt dazu und dann zwei Universitäten, nämlich die FAU Erlangen und die Peking Foreign Studies University. Wir haben eine ziemlich breite Palette, was unser Programm anbelangt. Ein paar Stichpunkte: Spracharbeit, Kulturarbeit, Unterstützung von Forschung und Lehre, Jugendaustausch, Schularbeit. Das sind unsere Themen. Im Bereich der Sprache bieten wir Kurse auf verschiedenem Niveau an. Die sind mittlerweile recht gut angekommen. Wir haben verschiedene Ausstellungen organisiert, verschiedene Konzerte veranstaltet und wir haben bei Radio Z ein Kulturprogramm installiert, um die Menschen aus der Region mit China vertraut zu machen. Die Sendung heißt ‚China süß-sauer‘. Außerdem organisieren wir Reisen nach China.“

Zu Gast im Tucherschloss

Man sieht, China ist sehr präsent in der Region. Im Herbst 2010 war sogar ein chinesischer Literaturnobelpreisträger Gast im Nürnberg Tucherschloss. Gao Xingjian ist allerdings nicht nur Schriftsteller, sondern auch Maler. So hat man ihm in den Museumsräumen des Schlosses eine Ausstellung eingerichtet. Könnte es einen besseren Platz dafür geben als die

Hinterlassenschaft des alten Patriziergeschlechts mit seinen weltweiten Beziehungen? Zwar lassen sich keine direkten Kontakte zu China nachweisen, doch Ulrike Berninger, die Leiterin des Museums Tucherschloss, meint:

„Es könnte sein, dass über Umwege Stoffe oder Gewürze aus China kamen – die Seidenstraße entlang. Die Nürnberger Kaufleute im Mittelalter und der Renaissance waren weltoffen. Das waren Menschen, die internationalen Handel betrieben und die ihre Grenzen geöffnet und Internationalität vorgelebt haben.“
  

Herbert Heinzelmann


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