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Von Docken und «Lebekuoche«

«Geschichte für Alle« führt über den Chriskindlesmarkt - 07.12.2007

Nürnberg  - Ausgerechnet dem nationalsozialistischen Oberbürgermeister Willy Liebel hat der Markt sein Eröffnungsspektakel zu verdanken. Liebel erdachte sich in seiner Amtszeit ein neues Zeremoniell, bei dem ein lebendiges Christkind, flankiert von zwei Rauschgoldengeln, einen Prolog spricht. Ab 1948 mimte die Nürnberger Schauspielerin Sophie Keeser das Christkind und füllte diese Rolle bis Anfang der 60er Jahre aus. Keeser erzählte in einem Zeitungsinterview, dass sie einmal hinter der Frauenkirche in einem Auto auf ihren Auftritt wartete und sehr nervös wurde. Um sich zu beruhigen, steckte sie sich eine Zigarette an. Ein kleines Kind, das vorbei lief, sagte zu seiner Mutter: «Schau hi, des Christkindle qualmt ja!«

Ende des 16. Jahrhunderts entwickelte sich der «Kindleinsmarkt», erst im 19. Jahrhundert wurde dort der «Zwetschgermoh» populär. Historische Bilder vom Christkindlesmarkt sind zurzeit in der Ehrenhalle des Rathauses zu besichtigen.
Ende des 16. Jahrhunderts entwickelte sich der «Kindleinsmarkt», erst im 19. Jahrhundert wurde dort der «Zwetschgermoh» populär. Historische Bilder vom Christkindlesmarkt sind zurzeit in der Ehrenhalle des Rathauses zu besichtigen.
Foto: Gerullis

Dies ist nur eine der Anekdoten beim weihnachtlichen Rundgang von «Geschichte für Alle«. Unter dem Titel «Alle Jahre wieder« zeigt die Historikerin Maren Janetzko die Geschichte des Marktes vom Kindleinsmarkt bis zur touristischen Attraktion auf, erzählt von Kinderbeschenktagen, vom «Zwetschgermoh« oder der Barbiepuppe des Mittelalters.

Dass in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember die Geburt von Jesus gefeiert wird, ist heidnischen Ursprungs. Der 25. Dezember, der Tag der Sonnenwende, war in vielen Kulturen ein besonders wichtiges Datum. Im vorderasiatischen Mithraskult wurde an diesem Tag die Geburt des indischen Lichtgottes gefeiert, wie bei den Ägyptern die Ankunft von Horus. Im späten 8. Jahrhundert setzte sich dieses Datum auch in Deutschland durch. Die Mainzer Synode erklärt 813 diesen Tag offiziell zum «festum nativitas Christi«. Aus dem verstärkten vorweihnachtlichen Einkauf von Geschenken für Kinder hat sich gegen Ende des 16..Jahrhunderts allmählich der Christkindlesmarkt entwickelt, der ursprünglich «Kindleinsmarkt« genannt wurde.

Die erste Nachricht einer Kinderbescherung in Nürnberg findet sich aus dem Jahr 1559. Hier schenkte der Patrizier Paulus Behaim seinen Buben zwei Schlitten, den Töchtern Gürtel, Beuteltaschen, Spiegel und Haarbänder. Wie streng bereits Anfang des 17. Jahrhundert die angebotene Ware kontrolliert wurde, erklärt Janetzko mit folgender Anekdote: In einem Ratserlass aus dieser Zeit ist nachzulesen, dass die «schandbaren gemalten Schnitzwerke« des Drechslers Jobst Friedrich Entner zu beschlagnahmen seien, weil dieser «zum Kindleinbescheren« unzüchtige Scherzartikel angeboten hatte. Er baute unter anderem Kästchen, die wie Vogelhäuschen aussahen, doch bei deren Öffnen schockierende, moralverletzende Dinge heraus hüpften.

Weiter geht es zum Lebkuchen Pfann, wo der Namen der Nürnberger Spezialität erklärt wird. Die Begriffe «lebekuoche« und «lebzelte« tauchten zum ersten Mal im 13. Jahrhundert auf. Die wahrscheinlichste Erklärung steht in dem Grimmschen Wörterbuch, danach stammt der Name vom lateinischen Wort «libum« (Fladen, Kuchen).

Auch der Siegeszug des Glühweins begann auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt. Doch erst in den 1960er Jahren wurde Glühwein zum festen Bestandteil des Angebots. Vorher wurden als Aufwärmgetränke nur Schnaps und Grog verkauft.

Der «Zwetschgermoh« als weihnachtlicher Glücksbringer ist eine verhältnismäßig junge Marketingidee, die erst im 19. Jahrhundert ihren Platz am Markt fand. Über die Entstehung der mit Draht, Walnüssen, getrockneten Zwetschgen und Birnen hergestellten Figur erzählt eine Legende.

Ein alter Mann wohnte einst in einem Turm an der Kaiserburg und trocknete unter dem Dach Zwetschgen. Da der ehemalige Drahtzieher freundlich war, teilte er sein Obst mit den Kindern. Deshalb sangen diese auch vor seinem Fenster, als er im Sterben lag. Der Mann hüpfte vor Freude darüber dem Tod von der Schaufel und zum Dank fertigte er Puppen aus seinem Obst an, die bald überall bekannt waren.

In Nürnberg wurden schon im 14. Jahrhundert Tonpuppen produziert. Ähnlich wie die Barbie der Gegenwart, stellten diese «Docken« Frauen im Schönheitsideal der damaligen Zeit dar. Nach den zahlreichen Funden zu urteilen, kann man von einer Massenproduktion solcher Puppen in der Stadt ausgehen.

Termine: 9., 16., 23. Dezember um 16 Uhr, und jeweils am 5., 12., 19. Dezember um 18.30 Uhr. Treffpunkt: Rathausplatz, Bratwursthäusle 

Thomas Susemihl


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