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„Wir versuchen immer, etwas Geschichtliches zu unternehmen. Da ist die Burg natürlich ein Wahrzeichen, das man in ganz Deutschland kennt“, sagt Pater Paul Binowski, der mit einer Gruppe Ministranten aus dem Schwarzwald Nürnberg besucht. Etwa 25 Kinder lassen sich von einem fachkundigen Führer die Festung erklären.
Thomas ist dabei kein typischer Gästeführer, wie man ihn sich vorstellt. Er war einige Jahrzehnte in der Welt unterwegs, bis er – wieder zurück in Deutschland – zunächst als Aushilfe auf der Burg anfing. „Mir hat es sehr viel Spaß gemacht und ich ließ mich dann fest anstellen“, sagt er. Nun führt er Kinder durch die alten Mauern, die Geschichten gehen ihm nie aus. „Es gibt so viele Erzählungen, dass man gar nichts Neues zu erfinden braucht.“
Nach dem kurzen Plausch geht es auch schon ins Palas, dem früheren Wohn- und Saalbau. Drei Räume sind nur noch spärlich möbliert, da die meisten Stücke Leihgaben, unter anderem von Patrizierfamilien, waren und wieder zurückgenommen wurden. Einige Originalteile gibt es dann doch noch, die auch den Krieg überstanden. So zählt das Gebälk im Rittersaal mittlerweile 800 Jahre.
Insgesamt kamen von 1050 bis 1704 32 Kaiser und Könige etwa 300 Mal auf die Burg. Dabei hatten sie ein gewaltiges Gebiet zu verwalten. Das Komplizierte hierbei war, „ein riesiges Reich ohne Telefon und Internet zu regieren“, sagt der Touristenführer. Die Herrscher waren deshalb ständig unterwegs und bewohnten die Burg recht selten. Mit neun Monaten Aufenthalt am Stück stellte Friedrich III. im Jahr 1487 den Rekord auf.
Ein Glanzstück, das gleich nebenan liegt, ist die Kapelle. „Für viele Besucher ist sie das wichtigste Ziel auf der Burg, noch vor dem Sinnwell-Turm oder dem Tiefen Brunnen“, verrät Thomas. Knapp 800 Jahre zählt der älteste Teil und die drei Ebenen machen sie weltweit einmalig. Auf der Empore der oberen Kapelle nahmen die Kaiser und Könige Platz. Oben angekommen ist es aber nicht so mystisch, wie es anfangs wirkt. Ein kleiner, enger, dunkler Flur, der aber dann in den Kaisersaal führt.
Dort wartet eine Überraschung: Die Bildnisse von Margarita Teresa und Leopold I. verfolgen einen auf Schritt und Tritt. Dabei zeigt der Monarch immer mit dem großen rechten Zeh auf den Betrachter. „Das nennt man Zentralperspektive. Der Fuß ist senkrecht gemalt und der Fluchtpunkt befindet sich direkt darüber“, erzählt Thomas den interessierten Kindern.
Im angrenzenden Empfangszimmer lässt sich an der Decke die Welt Karls des V. bewundern. Sämtliche Regionen, über die der Kaiser herrschte, sind mit Wappen vertreten und darunter gibt es auch eine Kuriosität. Ein Emblem mit einem Nashorn steht für Amerika, obwohl es dort dieses Tier gar nicht gibt. Gefüllt mit vielen neuen Informationen strömen die Kinder nun zum Tiefen Brunnen, ein kleiner Höhepunkt für sie.
„Die dickste Mauer nützt nichts, wenn man kein Wasser auf der Burg hat“, leitet Thomas ein. Daher legten die damaligen Burgherren bereits sehr früh den 47 Meter tiefen Schacht an. Und während der Gästeführer erzählt, schüttet er einen Liter Wasser in die Tiefe. Das Rauschen dauert einige Sekunden, bis das kühle Nass auf die Wasserobefläche im Brunnen trifft und den Kindern ein „Wow!“ entlockt. „Um die vollen Eimer hochzuholen gab es früher ein großes Laufrad über dem Brunnen und darin befand sich ein joggender Nürnberger“, sagte Thomas und sorgt damit für viel Gelächter. Das war nun einmal die übliche Vorgehensweise damals.
Die Kinder versammelten sich abschließend um den Brunnen und leerten abwechselnd den Krug. Pater Paul bedankte sich für die Führung und verriet: „Morgen schauen wir uns dann die Lochgefängnisse an.“ Nun ist ein wenig Zeit um mit Thomas über seine Arbeit zu plaudern.
Zu jedem Stichwort fällt ihm eine weitere interessante Geschichte aus den vergangenen Jahrhunderten ein. Dabei erzählt er sie mit Freude, als wäre er selbst dabei gewesen. „Eine Geschichte, die ich gerne zum Besten gebe, ist die zweier verfeindeter deutscher Könige, Ludwig IV. und Friedrich der Schöne. Am Ende der Auseinandersetzung regieren beide als gleichberechtigte Partner.“
Auf der Burg kennt er, bis auf die Privaträume, jede Ecke. Dabei kann er sich nicht entscheiden, wo er sich am liebsten aufhält. „Wenn ich mit einem Gärtner unterwegs bin, dann bin ich gerne im Burggarten. Wenn mich aber eine Restauratorin begleitet, dann bin ich lieber in der Kaiserkapelle.“
Sein bestes Erlebnis war jedoch, als er vor etwa 10 Jahren bei den Ausgrabungen im inneren Burghof dabei war. „Das war phänomenal“, erinnert sich Thomas. Es gibt wahrlich schlimmere Arbeitsplätze und dessen ist er sich auch bewusst. „Mein Vorteil ist, dass die Menschen, die hierher kommen, schon vorgefiltert sind. Sie sind meist im Urlaub, haben ein wenig Interesse an Geschichte und sie sind aus freiem Willen hier. Noch dazu hat die Burg ja auch einiges zu bieten.“
Auf die Frage, warum denn für ihn die Nürnberger Burg ein Frankenwunder ist, sagt Thomas: „Sie ist in ihrer geschichtlichen Bedeutung einzigartig auf der Welt und die Franken lieben sie. Schließlich muss sich die Burg als Denkmal auch in keiner Auflistung rechtfertigen.“
Fr. 23.11.12
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