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Es war ein außergewöhnliches (Kinder-)Buch: „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ von Brian Selznick. Es hatte mehr gezeichnete als beschriebene Seiten, denn es handelte von der Wiederentdeckung eines Magiers der Bilder.
Hugo, ein Waisenjunge, der in einem Pariser Bahnhof die Uhren aufzieht und wartet, sorgt dafür, dass Georges Méliès der Vergessenheit entrissen wird. Méliès war ein Pionier des Stummfilms. Er gilt als Erfinder des phantastischen Kinos.
Martin Scorseses Verfilmung von Selznicks Buch ist ebenso außergewöhnlich geworden. Der Film „Hugo Cabret“ arbeitet mit den aktuellsten Techniken der Computeranimation und der dreidimensionalen Effekte.
Und trotzdem singt er das Hohe Lied des Maschinenzeitalters gerade in dem Augenblick, in dem es untergeht. Man hat selten so viele Uhrwerke und Zahnräder ineinander greifen gesehen wie in „Hugo Cabret“. Die dampfgetriebene Eisenbahn spielt eine Hauptrolle. Und das stählerne Paris der Industriemoderne leuchtet als romantische Spielzeugstadt am Horizont.
Im Zentrum der Handlung steht Hugos Versuch, einen defekten Automaten-Menschen zu reparieren (schön, dass Jude Law, der perfekte Androide aus Spielbergs „A.I.“, hier Hugos verstorbenen Vater spielt). Der Automat ist eine verschollene Erfindung des einstigen Kino-Künstlers Méliès.
In den 30er Jahren, so erzählt das Drehbuch, kannte ihn niemand mehr. Im Bahnhof betreibt er ein Spielzeuggeschäft. Ben Kingsley verkörpert ihn mit großer Schwermut. Sie bleibt noch erhalten, wenn seine Filme wieder auftauchen und er erneut ins Rampenlicht tritt.
Martin Scorsese hat mit „Hugo Cabret“ selbstverständlich eine Hommage an das Kino inszeniert. Ausschnitte aus den Stummfilmtagen werden in die Bilderwucht der Computerästhetik integriert – nicht nur Bilder von Georges Méliès, sondern auch eine köstliche Fassadenkletterei des ebenfalls derzeit kaum noch erinnerten Harold Lloyd. Scorsese signiert sein Werk mit einem Cameo-Auftritt als Fotograf.
Ob es ihm wohl gelingen wird, die Popcorn-Generation für die Ursprünge der Traumfabrik zu begeistern? Ob sie ihm in den langsamen Montage-Rhythmus folgt, der nur von wenigen rasanten Action-Sequenzen unterbrochen wird? Ob sie begreifen will, dass Kino immer schon absolute Künstlichkeit war – genau wie die 3D-Welt aus dem Computer, in der „Hugo Cabret“ angesiedelt ist, und die hier, wie in „Pina“ von Wim Wenders“, endlich einmal nicht wie ein aufgepfropfter Jahrmarkt-Effekt wirkt?
Für jeden historisch bewussten Kino-Fan ist Scorseses verspielter Spielfilm auf jeden Fall ein melancholisches Muss. (CINECITTA; Erlangen: CINESTAR)
