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Der starke Mann am Bosporus

Mustafa Kemal Atatürk - 15.10.2008

Da tauchte der Name eines bis dato eher unauffälligen Militärs auf: Mustafa Kemal, geboren 1880 oder 1881 in Saloniki, das genaue Geburtsdatum ist ungewiss. Er stammte aus kleinbürglichen Verhältnissen, war Schulflüchter und fand seine Heimat schließlich in der Armee. Dort machte der intelligente junge Mann bald Karriere, die zunächst in einem militärischem Husarenstück gipfelte. Russland, England und Frankreich hatten 1914 dem mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reich den Krieg erklärt.

Der Militärattaché Mustafa Kemal bekommt 1915 die Führung der 19. Division übertragen: Mit einer relativ kleinen Truppe soll er die Halbinsel Gallipoli gegen die Armee der Alliierten verteidigen, die die Dardanellen unter ihre Kontrolle bringen wollten, Er trägt den Sieg davon, worauf in London kein geringerer als der dortige Kriegsherr Winston Churchill seinen Hut nehmen muss (was dessen Karriere bekanntlich keinen Abbruch tat).

Von da an unterschätzte niemand mehr den ehrgeizigen und schon damals an seiner Legende strickenden Offizier. Gegen den Widerstand der Sieger des Ersten Weltkriegs erkämpfte er die Unabhängigkeit seines Landes und rief 1923 den ersten türkischen Nationalstaat aus. In atemberaubendem Tempo hat Mustafa Kemal daraufhin begonnen, die Verwestlichung und Verweltlichung seines Landes durchzusetzen.

Der bis vor Kurzem in Bamberg lehrende Turkologe Klaus Kreiser schildert in seiner Biografie den Lebensweg Mustafa Kemals, der seit der von ihm erwirkten Namensreform im Jahr 1934 Atatürk - Vater der Türken - hieß. Zuvor hatte der Rastlose die Abschaffung des Kalifats, also der geistlichen Führung, durchgesetzt, den Fez als männliche Kopfbedeckung verboten. Ein Zivilgesetzbuch eingebracht und das Freitagsgebet in Moscheen auf türkischer Sprache angeordnet.

Bis heute ist die Republik Türkei mit seiner Person und seinem Namen engstens verknüpft. Atatürks politischen Leitlinien, die Prinzipien des Kemalismus, werden offiziell weiterhin hochgehalten. Es sind dies: Republikanismus im Sinne von Volkssouveränität, Nationalismus als Wendung gegen den Vielvölkerstaat osmanischen Zuschnitts, Populismus als Ausdruck einer auf die Interessen des Volkes, nicht einer Klasse, gerichteten Politik, Revolutionismus im Sinne einer stetigen Fortführung von Reformen, und Laizismus, das heißt; die Trennung von Staat und Religion.

Das Zurückdrängen der Religion ist zusammen mit der ungelösten Kurdenfrage das vielleicht schwierigste Erbe, mit dem sich die heutige Türkei auseinandersetzen muss. Unter der Ägide Recep Erdogans hat der Islam wieder an Einfluss gewonnen, was die Kemalisten zur Weißglut bringt. Atatürk selbst ist es gelungen, die Kurden mit Zuckerbrot und Peitsche bei der Stange zu halten. Die jüngsten Übergriffe auf das türkische Militär durch kurdische Rebellen im Osten des Landes zeigen aber , dass die Spannungen sogar wieder wachsen.

Mustafa Kemal Atatürk starb im Alter von 58 Jahren am am 10. November 1938. Seine Gesundheit war angeschlagen durch eine frühe Malaria-Erkrankung und durch exzessiven Alkoholmissbrauch. In Kreisers Biografie werden auch die weniger vorteilhaften Charakterzüge herausgearbeitet, seine Schwierigkeiten Frauen gegenüber etwa, denen er, für die damalige Zeit bemerkenswert, höchstmögliche Gleichberechtigung einräumte.

Klaus Kreiser, Atatürk. Eine Biografie. C. H. Beck München, 334 Seiten, 24,90 Euro. Klaus Kreiser/Christoph K. Neumann, Kleine Geschicchte der Türkei. Philipp Reclam jun. Stuttgart, 529 Seiten. 19,90 Euro. 

Raimund Kirch

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