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Nun beginnt der Ärger wieder: Wäre die alte Klamottenkiste doch noch auf dem Dachboden, warum hat man gerade gestern erst die ausgelatschten Stiefel von Mama zur Altkleidersammlung gebracht? Fast jedes Jahr wiederholt sich das Bedauern, denn die Designer graben für ihre Kollektionen zuverlässig ein weiteres Jahrzehnt nach dem anderen aus. Diesmal kommen die 70er Jahre ganz groß raus, mit Schluppenblusen, Fellwesten, Schlapphüten und Collegepumps.
Egal, welchen Stil der Vergangenheit Modemutige gerade tragen, es nennt sich stets Vintage. Eigentlich steht die englische Vokabel bei Weinen und Tabak für die Ernte eines besonders guten Jahrgangs. Im Deutschen bedeutet Vintage, dass die Kleidung, die Schuhe, die Accessoires aussehen, als seien sie aus den 30er bis 70er Jahren. Vintage-Kleider sind aus einer älteren Kollektion eines Designers oder so gestaltet, als hätten sie viele Saisons auf dem Buckel.
Doch die Wiederkehr der Zeit von Flowerpower und Hippieschick ist etwas Besonderes: Es ist ein Lebensabschnitt, den die meisten unbeschwert erlebt haben, trotz politischer Ereignisse wie den Vietnam-Krieg. Die Älteren denken zurück an Blumenkränze im offenen Haar und Tänzen zu Reggaemusik. Die Jüngeren rufen sich ihre Kindheit ins Gedächtnis, erinnern sich an Rollkragenpullover und Latzhosen, an die Biene Maja. Die 70er Jahre sind cool, nicht spießig.
Daher kann sich die aktuelle Herbst-/Wintermode größter Akzeptanz sicher sein. Zumal die Vorboten dieses Trends schon im Sommer zu sehen waren: Zöpfchen in gewellten, langen Haaren, Schlapphüte zum Schutz vor der Sonne. Doch am allerschönsten tragen die Zitate der 70er bei kühleren Temperaturen.
Zum einen kommt es auf die Materialien an. Wer zum Beispiel auf Cord und Samt setzt, kann kaum etwas falsch machen. Auch Seide und glänzende Stoffe sind toll. Als Kontrastprogramm zu dieser Feinheit eignen sich Filz und grober Strick. Wagemutige sollten zu Fell greifen, am besten natürlich zu politisch korrektem Fellimitat: Es erhöht bei Westen, Mützen und sogar Accessoires wie Taschen den Kuschelfaktor.
Zweitens gilt es, beim Einkauf auf die Farben zu achten. Satte Gewürztöne und alle Schattierungen des Herbstes sind willkommen: Orange, Senfgelb, Beige, Curry, Tannengrün, Braun. Dazu kommen Bordeaux, Naturweiß, Altrosa. Muster sind willkommen, je wilder und verspielter, desto lieber.
Der dritte Punkt: das lustvolle Zitieren typischer Kleidung. Dazu gehört die Schlaghose, deren Schlag aber moderater ausfällt als das damals der Fall war. Die Fellweste, die wärmt und lustig aussieht. Der Schlapphut aus Filz, der mit offenen Haaren getragen werden sollte. Die Pullover mit Blockstreifen. Die Collegepumps mit breitem Absatz. Die Schluppenbluse, deren Spießigkeit aber durch geschickte Kombination unbedingt gebrochen werden muss. Die weiten Hosen, die zusammen mit Absatzschuhen die Beine strecken. Die Midiröcke, die unter dem Knie enden.
Doch selbst wer keine Lust auf neue Garderobe hat, kann in diesem Herbst modisch mitmischen. Männer haben es besonders leicht, denn sie müssen einfach nur ein paar Wochen auf den Rasierer verzichten. Gepflegte Vollbärte sind absolute Hingucker. Dazu noch an milden Tagen die Sonnenbrille im Pilotenstil aufsetzen, schon ist dieser Mann ein modischer Überflieger.
Auch Frauen können die Natur wachsen lassen. Auf dem Kopf jedenfalls können die Haare gar nicht lang genug sein. Die Mähne muss gepflegt sein, auch die absolut modischen Ponyfrisuren wirken nur im glänzenden Haar. Wer Zöpfe flechten kann, ist im Vorteil. Doch Vorsicht: Der Look ist weniger Flowerpower als vielmehr Glamour.
Wenn der Rest der Erscheinung so leuchtend ist, sollte sich das Make-Up zurückhalten. Augen und Lippen bleiben möglichst natürlich. Am allerschönsten aber ist ein fröhliches Lächeln, denn die „neuen“ 70er machen einfach Spaß!
