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Die letzte Ölung für die Quelle

Endgültiges Schicht-Ende für 1900 Mitarbeiter - 30.10.09

NÜRNBERG  - Mutter und Tochter geben sich gegenseitig Halt. Die 49-jährige Isolde L. und ihre Mama Ilse B. (75) stehen am Freitagnachmittag mit dem Rücken zum Quelle-Kaufhaus an der Fürther Straße und blicken auf eine kleine mobile Kapelle. Die Katholische und die Evangelische Kirche haben zu einer Andacht gerufen, zu einem keineswegs stillen Gebet für die Mitarbeiter der insolventen Quelle, von denen 1900 in Nürnberg und Fürth an diesem Tag zum letzten Mal ihren Dienst versehen.


Mahnwache vor dem Quelle-Kaufhaus.
Mahnwache vor dem Quelle-Kaufhaus.
Foto: Harald Sippel, NZ

Isolde L. und Ilse B. sind echte Quelle-Frauen. Isolde war bis zum Donnerstag für die Akquise neuer Quelle-Shops zuständig. Freitags hat sie immer frei. Am Montag braucht sie, die bei Quelle ausgebildet wurde und 34 Jahre lang hier gearbeitet hat, gar nicht mehr zu kommen. Sie ist freigestellt. Ihre Mutter Ilse war insgesamt 22 Jahre im Betrieb, zuletzt in der Poststelle. «Wir haben viele Familienangehörige, die auch bei Quelle sind», sagt Isolde L. «Manchmal arbeiten beide Partner hier. Was wird jetzt aus denen?» Und sie fügt hinzu: «Gott sei Dank sind mein Mann und meine Tochter nicht auch bei Quelle. Das wäre furchtbar.»

Isolde L. hat im Betrieb Plakate aufgehängt, auf denen für die Andacht geworben wurde. «Es ist traurig, dass nur so wenige gekommen sind», sagt sie leise zu ihrer Mutter und seufzt. Die Familie ist gut katholisch. Für die beiden Frauen war es selbstverständlich, vorbeizukommen und mitzubeten.


Bibel-Texte, die trösten und erzürnen

Die Priester haben bewegende Stellen aus der Heiligen Schrift für die kleine Schar von etwa 50 Menschen ausgewählt: Die Seligpreisungen aus der Bergpredigt zum Beispiel sollen Mut machen und den künftig Arbeitslosen eine Perspektive für die «Zeit nach Quelle» zeigen. Aber es sind auch zornige Worte, die fallen. Der katholische Dekan für Fürth, Georg Dittrich, zitiert aus dem Jakobusbrief: «Ihr aber, ihr Reichen, weint nur und klagt über das Elend, das euch treffen wird. Euer Reichtum verfault und eure Kleider werden von Motten zerfressen.» Für die meisten der Anwesenden dürften damit die verantwortlichen Quelle-Manager gemeint sein, die oft als Schuldige am Untergang des Traditionshauses gelten.

Die Frage nach der Schuld stellt sich auch Lillian Berthold. Die 62-jährige Eberhardshoferin kommt gerade vom Einkaufen und hält ein paar Minuten inne. «Die Manager haben sich wahrscheinlich schon bemüht, aber eben nicht genug», analysiert sie. «Also, ich glaube schon, dass die schuld sind am Ende von Quelle.»
Unter die Zuhörer hat sich auch Pater Alfred Lindner gemischt. Der Kaplan der «Kirche zu den Heiligen Schutzengeln» in der Sigmundstraße, der katholischen Pfarrkirche der Quelle, wenn man so will, ist in Zivil gekommen. Er will die Solidarität seiner Gemeinde zeigen und verteilt Handzettel. Damit laden die katholischen Pfarreien in Nürnberg-West Quelle-Mitarbeiter zu offenen Gesprächen in ihre Gemeindehäuser ein.


Dankbarkeit für die Hilfe der Kirchen

Der Fürther Jürgen Engelhardt ist dankbar für die zumindest symbolträchtige Hilfe, die die Kirchen ihm und seinen Kollegen anbieten. Der 54-Jährige ist mit der Krise des Unternehmens «in ein tiefes Loch» gefallen. Beten helfe ihm, sagt er in einer bewegenden Lesung aus seinem Tagebuch. Er spricht von unbändiger Wut. Entsprechend hart geht auch er mit Managern ins Gericht, aber auch mit Politikern, die Bonuszahlungen zwar verurteilten, aber trotzdem zuließen.

Als Engelhardt, seit 32 Jahren mit seiner Frau verheiratet, die er damals während der Ausbildung bei Quelle kennenlernte, vom Mikrofon zurücktritt, erinnern die Geistlichen an die Todesstunde Christi am Karfreitag um 15 Uhr. Für Quelle sei nun, so bitter das sei, auch diese Stunde gekommen.


Kirchen wollen "Seelsorge" neu definieren

Nach der Andacht sagen die geistlichen Würdenträger, darunter der katholische Dekan für Nürnberg-Nord, Alfred Raab, und der evangelische Regionalbischof Stefan Ark Nitsche, die Kirchen müsste wieder mehr auf die Menschen zugehen und sie mit ihren Problemen «vor Ort abholen». Für viele Menschen sei die Hürde, von sich aus eine Kirche zu betreten, einfach zu hoch.

Ein paar IT-Fachkräfte von Quelle, die zwar zum Teil schon gekündigt, aber noch nicht freigestellt sind, haben sich derweil in einer nahen Gaststätte versammelt. Von der Aktion der Kirchen haben sie nichts gewusst, aber sie wären ohnehin nicht hingegangen: «Wenn man recht christlich ist», sagt einer, während er auf seinen halbleeren Glaskrug starrt, «dann hilft einem das vielleicht». «Aber mehr als eine Geste kann das auch nicht sein. Oder haben die etwa neue Jobs für uns?»


Neue Jobs finden: Mammut-Aufgabe für die BA

Neue Stellen für die Mitarbeiter zu finden, ist die Mammut-Aufgabe der Bundesagentur für Arbeit (BA). «Was wir hier erlebt haben, war nicht einfach für uns», sagt Rainer Bomba, Chef der bayerischen Regionaldirektion, über die «Mini-Arbeitsagentur», die bis Freitag an vorderster Front in den Räumen der Quelle für die Belegschaft kämpfte: Über 3500 der 4000 Quelle/Primondo-Mitarbeiter hat die BA in Deutschland bereits erfasst, allein 2500 wendeten sich Hilfe suchend an die Berater vor Ort in Eberhardshof. Auch Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly ist überzeugt davon, dass die BA-Zweigstelle in der Quelle der richtige Weg war. «Die Menschen sind lange würdelos behandelt worden», stellte er fest. Die «logistische und menschliche Meisterleistung» der BA hingegen habe den frustrierten Menschen ein Stück Selbstwertgefühl zurückgeben können.

Das Vorgehen, die Belegschaft zum letztmöglichen Datum telefonisch zu kündigen, sei allerdings «einmalig», sagte die Leiterin der Nürnberger Arbeitsagentur, Elsa Knoller-Knedlik. Sie appellierte nochmals an die verbleibenden 500 Quelle-Mitarbeiter, die noch keinen Kontakt zur BA gesucht hatten, dies umgehend zu tun - andernfalls könne die Zahlung des Arbeitslosengeldes für November nicht gewährleistet werden. Dafür hat die BA im Berufsinformationszentrum (BIZ) am Richard-Wagner-Platz ein «Schnellzentrum» eingerichtet, dessen Personal den letzten Quelle-Beschäftigten helfen wird. 



Florian Heider und Sebastian Linstädt

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Quelle
Branche:
Versandhandel
Sitz, Standort:
Fürth


Kurzbeschreibung:
Das fränkische Traditionsunternehmen Quelle, das einmal Europas größtes Versandhaus war, wurde im Dezember 2009 aufgelöst. Vorausgegangen war die Insolvenz des Mutterkonzerns KarstadtQuelle. Dies war ein schwerer Schlag für die Region, verloren doch hier 5000 Beschäftigte (von insgesamt 8000) plötzlich ihren Job und viele Zulieferunternehmen ihren wichtigsten Kunden.