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Boris Johnson, der konservative 47-jährige Bürgermeister der britischen Hauptstadt und selbst passionierter Radler, hatte vor zwei Jahren einen öffentlichen Radverleih in London eingeführt. Er wurde zum vollen Erfolg. Das im Volksmund „Boris Bikes“ genannte Programm befeuerte eine wahre Fahrradrevolution in der Kapitale. Anfang März wird der Verleih ins East End ausgeweitet, rund 40 Prozent mehr Fahrräder sollen dann zur Verfügung stehen.
Nicht immer war Radfahren so populär. Erreichte die Zahl der Radfahrten einen Höhepunkt in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, so setzten Londons Verkehrsplaner später vor allem aufs Auto. Dafür eignet sich die Straßenführung der Stadt allerdings wenig: Londons Innenstadt weist immer noch den Grundriss vergangener Jahrhunderte mit seinen engen Straßen und Gassen auf. Kein Wunder also, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit für Autofahrten in der Innenstadt zu Beginn des 21. Jahrhunderts hinter der von Droschkentouren in viktorianischen Zeiten zurückfiel. Auch die Einführung einer Citymaut im Jahre 2003 konnte daran nur vorübergehend etwas ändern.
Allerdings scheint die Maut die Renaissance des Radfahrens begünstigt zu haben. Im letzten Jahrzehnt stiegen immer mehr Londoner aufs Fahrrad um. Die Zahl der Velofahrten hat sich mehr als verdoppelt. Einen Effekt hatte auch der Bombenanschlag auf die Londoner U-Bahn vom 7. Juli 2005. Man weiß: An dem Tag, als vier Selbstmord-Bomber den Terroranschlag verübten, schnellte der Verkauf von Fahrrädern um das Vierfache in die Höhe. Heute werden in London täglich eine halbe Million Fahrten per Rad unternommen. In ganz Großbritannien soll die Anzahl der Radler bei 13 Millionen liegen und hat damit wieder den Stand der 50er Jahre erreicht.
Jetzt prägen die „Boris Bikes“ das Londer Stadtbild. An rund 400 Verleihstationen stehen 6000 Fahrräder bereit. Die erste halbe Stunde ist umsonst, danach wird es progressiv teurer. Wer das Rad für einen ganzen Tag ausleihen möchte, zahlt mehr als für einen Mietwagen: 50 Pfund. Das Londoner Programm ist also auf einen kurzzeitigen Nutzen angelegt: Die Leute sollen von A nach B kommen, aber dabei bitteschön nicht trödeln.
Auch für Touristen kann der Verleihservice interessant sein – vorausgesetzt, man bemüht sich um eine gewisse Disziplin. Registrieren kann man sich an einer Verleihstationen mit einer Kreditkarte. Der Tageszugang kostet ein Pfund, danach fallen nur die Zeitgebühren an.
Aber Vorsicht: Die Räder haben kein Schloss. Wer zwischendurch etwa kurz in einem Laden einkaufen möchte, haftet mit 300 Pfund für sein Gefährt. Das zwingt dazu, von einer Verleihstation zur anderen zu fahren, wo man die Räder sicher andocken kann. Immerhin gibt es in der Innenstadt rund 400 davon; man soll, so die Versicherung seitens des Betreibers, nie mehr als 300 Meter von einer Station entfernt sein.
Die Fahrradrevolution soll weitergehen. Boris Johnson will sie vorantreiben mit dem Ausbau von zwölf so genannten „Highways“ – breiten Radwegen, die Pendler sicher von den Außenbezirken in die Innenstadt bringen sollen. Und wenn in diesem Jahr die Olympischen Sommerspiele London ins allseits erwartete Verkehrschaos stürzen wird, sollte das viele ermuntern, das Rad auszuprobieren. „Fahrradfahren ist die perfekte Politik für unsere Zeit“, feierte der Kolumnist Andrew Gilligan den Trend. „Es ist billig. Es ist zivilisierend. Es hat eine Fülle von Vorteilen, die über den reinen Transport hinausgehen, von der Volksgesundheit bis zum Klimaschutz.“
