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Heutzutage suchen sich die Auftraggeber immer noch ein blondes Model aus. Doch das für die niederländischen Textilfirma Hema hat von Natur aus keine Oberweite. Denn Andrej Pejic ist ein Mann. Und kann daher umso überzeugender zeigen, dass ein Büstenhalter tatsächlich vergrößernde Wirkung hat.
Nicht nur Frauen erhalten zwei Cups mehr, auch Männer kriegen damit ein eindrucksvolles Dekollete“, steht im Pressetext von Hema. Seit Dezember 2011 hängen die Werbeposter in ganz Holland. Sie sind nicht nur hübsche Hingucker – sie beweisen auch: Androgynität ist nicht schockierend, sondern schick.
Einst, so beschreibt es die griechische Mythologie, flehte die Nymphe Salmakis die Götter an, nie mehr vom Jüngling Hermaphroditos getrennt zu sein. Fortan lebten die beiden im Körper eines Zwitterwesens. Halb Mann, halb Frau, irgendwie nichts von beiden. Androgynie bedeutet, weibliche und männliche Merkmale zu vereinigen. Das trifft genau auf die aktuelle Mode zu.
Die nämlich ist unbestimmt: Shirts, die die Brust entblößen, hautenge Hosen, schmale Jacken und Mäntel, Frisuren mit langem Pony. Schnitte, Stoffe und Details aus der Damen- und der Männermode finden gleichzeitige Verwendung. Zwar sind Bleistiftröcke, hohe Pumps oder Vollbart gern gesehen. Doch gerade Jugendliche, die mit ihrem Stil oftmals Trends vorgeben, fallen gerne aus der traditionellen Geschlechterrolle.
So gilt die „Emo“-Szene Experten zufolge als die Jugendkultur mit dem größtem Zulauf. Das typische Outfit: langer Pony, dunkle Klamotten, enge Röhrenjeans, hohe Schuhe von Chucks. In den Lippen blinken Piercings, die Augen sind mit dunklem Kajal bemalt. Bill Kaulitz, Sänger der Band Tokio Hotel, ist der Prototyp eines „Emos“.
„Im Rahmen verschiedener jugendkultureller Trends entstand eine Modeform der Androgynität“, schrieb die Medienpädagogin Friederike Siller in der Zeitschrift „Merz lernen + erziehen“. Dies zeige sich an Musikern wie dem US-Künstler Marilyn Manson, das verstärkte Tragen von Röcken bei Jungen und Unisex-Produkten wie dem Parfum „CK One“.
Doch schon in den 1970er Jahren faszinierte David Bowie mit seiner Androgynität. Dessen Alter Ego Ziggy Stardust zelebrierte theatralische Bühnenshows, verstörte und faszinierte das Publikum mit homoerotischen Momenten. In einem Interview behauptete Bowie konsequenterweise, schwul zu sein. Damals war das ein Aufreger.
Heutzutage erzählt fast jeder Popstar, welcher sexuellen Orientierung er ist. Wobei die meisten stolz angeben, sowohl Frauen als auch Männer attraktiv zu finden. Der Makel, sich keinem Geschlecht eindeutig zugehörig zu fühlen, ist keiner mehr. Alles ist erlaubt.
Um in diesem Dschungel der Möglichkeiten einen Pfad zu finden, der zum persönlichen Ziel führt, geben in der Mode Details die Richtung vor. Schaut unter einem tief ausgeschnittenen Shirt eine Hühnerbrust hervor, ist dieser Mann nicht automatisch homosexuell. Hat er allerdings gezupfte Augenbrauen und Strähnchen in der Frisur, ist das wahrscheinlich.
Trägt eine ungeschminkte Frau Kurzhaar, zerbeulte Hosen und labbriges Sweatshirt, kann sie trotzdem an Männern interessiert sein: Wenn die Frisur ein todschicker Pixie ist und sie auf Pumps stöckelt. So wirkt ein ätherischer Typ wie die Schauspielerin Tilda Swinton mal feminin, mal herb.
Sicherlich ist diese Entwicklung auch der Modeindustrie geschuldet. Es gebe viele Männer, die eine androgyne Figur haben, vor allem in Asien, erklärte Designer Damir Doma vor zwei Jahren in einem Interview mit der „taz“: „Tatsache ist ja, dass sich Mann und Frau körperlich schon sehr annähern, finde ich.“ Haben jetzt immer mehr Menschen einen knabenhaften Körper, weil diese Entwicklung der Natur entsprungen ist? Oder haben sie diesen Körper, weil die Modedesigner das so wollen? Darüber lässt sich streiten.
Tatsache ist: Andrej Pejic wurde zum Topmodel, weil die Designer ihn lieben. Der 20-jährige Australier mit den feinen Gesichtszügen und den langen Beinen kann sowohl Frauen- als auch Männerkleidung auf dem Laufsteg präsentieren. Und, das hat er nun bewiesen, er sieht auch mit einem Push-up-Büstenhalter gut aus.
