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Wer bisher einen neuen Film der vielfach ausgezeichneten belgischen Dardenne-Brüder anschauen wollte, wusste schon im voraus, was ihn erwartete: ein Thema, das schonungslos die Unhaltbarkeit, auch Tragik bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse behandelte. Dazu eine realitätsgesättigte Ästhetik von fast schon schneidender Klarheit, in der sich das Grau in Grau der porträtierten Milieus fröstelnd auf die Bilder übertrug. So zuletzt zu beobachten in „Das Kind“ (2005) und „Lornas Schweigen“ (2008), die sich mit einer perspektivlosen Generation junger Kleinkrimineller bzw. Asylsuchender beschäftigten.
Nicht so im neuen Film des abermals preisgekrönten Regie-, Produktions- und Drehbuchgespanns (diesmal: Großer Preis der Jury in Cannes, Europäischer Filmpreis für das beste Drehbuch). „Der Junge mit dem Fahrrad“ stellt zwar mit dem etwa 10-jährigen De-Facto-Waisen Cyril (Thomas Doret) erneut einen sozialen Außenseiter in den Mittelpunkt, aber dessen Suche nach seinem plötzlich verschwundenen Vater und den daraus sich ergebenden Turbulenzen huldigt zum ersten Mal keiner gleich von Beginn an jede Hoffnung abtötenden Leinwandtristesse.
Es ist Sommer, und für Dardenne-Verhältnisse ungewöhnlich: einer, der auch Wärme und Farben zulässt, als sich der kleine Cyril zu Beginn des Films schlichtweg weigert, das Verschwinden seines Vaters anzuerkennen. Abgeschoben in eine soziale Schuleinrichtung büxt der schmale, aber durchaus wehrhafte Junge wiederholt aus, um doch noch, entgegen aller Evidenz, seinen Vater ausfindig zu machen.
Dabei trifft er auf die junge Friseurin Samantha (Cécile de France), die sich sofort des emotional gänzlich außer Rand und Band geratenen Ausreißers annimmt. Und auch das für einen Dardenne-Film überraschend: Sie tut es ohne verborgene Agenda, weder aus eigensüchtigen noch sozialen Motiven, einfach nur so, als Akt spontaner Zuwendung. Sie, diese nicht weiter hinterfragte positive Figur, wird Cyril künftig auch dann nicht im Stich lassen, als der, blind vor Verlassenheitsängsten, wild um sich schlägt und sich schließlich in ein kriminelles Abenteuer stürzt.
Und so darf man am Schluss des Films tatsächlich einmal auf ein tröstliches Ende dieses eigentlich tragischen Vorfalls hoffen – so, wie es die im Film wiederholt anklingenden Akkorde aus dem Adagio von Beethovens 5. Klavierkonzert zu versprechen scheinen: Gestillter Schmerz am Ende einer souverän erzählten Geschichte.
Eine Geschichte, die mit einer großen Erschütterung – dem Verlust des Vaters – begonnen hat, die mit ihren Schockwellen Opfer zu Tätern und Täter zu Opfern werden ließ und schließlich alle Beteiligte in jedem Sinn des Wortes bewegt zurücklässt – die Filmfiguren wie die Zuschauer. (METROPOLIS; Erlangen: LAMM)
